Liederschiedt
Auf dem freundlichen Hof im Nachbarland ist ausschließlich Handarbeit angesagt
Es sind 0 Grad beim Pressebesuch. Lorène Mathieu bittet den Gast ins Gewächshaus, in dem immerhin 14 Grad für einen üppigen Wuchs des Gemüses sorgen. Eine Heizung gibt es dort aber nicht. Die Gemüsesetzlinge sitzen auf langen Quadern aus Rindermist, den ein befreundeter Landwirt aus Roppeviller geliefert hat. Wenn der Mist frisch komme, heize er sich auf bis zu 80 Grad in der Mitte auf. Wenige Wochen später sind es immer noch 41,6 Grad, wie Lorène Mathieu anhand eines Thermometers zeigt. Wenn die Anzuchtphase vorbei ist, komme der Mist wieder zum Rinderbauern auf dessen Felder.
Die Mistmieten sorgen also Anfang Februar für ein super Klima für die Gemüsepflanzen. Diese werden in langen Reihen für den Verkauf – ab Ende Februar – herangezogen. In der Mitte wachsen zehn Feigenbäume und Artischocken. Eine südfranzösische Sorte sei es, die kleine, süße Feigen liefere, erzählt die Landwirtin, während sie mit der Gießkanne einige Setzlinge mit Wasser versorgt. Vor der Tür liegt ein dreibeiniger Hund. „Der ist von Geburt an so und kommt gut damit zurecht“, erzählt die Landwirtin.
Derzeit nur ein Gewächshaus
Auf den Mistmieten wachsen Erdbeeren. In den Töpfen werden zahlreiche Gemüsesorten vorgezogen – von der Erbse über Sellerie und Karotten bis zu Steckrüben und Zucchini. Die Kunden können die Pflanzen für den eigenen Garten kaufen oder warten, bis die Produktion von Lorène und Johann Mathieu fertiges Gemüse liefert.
Aktuell hat das Paar nur ein Gewächshaus mit 900 Quadratmetern Fläche. Ein zweites wurde von einem Sturm zerstört und muss erst wieder aufgebaut werden. Vor zwei Jahren versuchte es das Paar mit einem großen Gewächshaus im Bitscher Industriegebiet. Dort war einst ein Gartenfachmarkt untergebracht, und es war mit Gas zu heizen. Drei Monate lang hatten Lorène und Johann Mathieu das Gewächshaus auf 3 bis 5 Grad geheizt und dann eine Gasrechnung in Höhe von 15.000 Euro erhalten. „Das haben wir ganz schnell wieder abgebrochen“, sagt die Landwirtin. An der Rechnung hätten sie lange abbezahlen müssen. Das Gewächshaus im früheren Gartenfachmarkt werde aber weiter genutzt. Ab April, wenn die Temperaturen für das Gemüse besser sind, dann ohne Heizung.
Nur Handarbeit auf dem Hof
Wer die üblichen Maschinen und Traktoren auf dem Hof sucht, wird nicht fündig. Auf die Frage nach den Werkzeugen führt Lorène Mathieu den Besucher in eine Halle, wo Spaten, Rechen, Vertikutierer und Handpflug zu sehen sind. „Wir machen alles von Hand. Wir lieben es, so zu arbeiten“, betont die Landwirtin. Und da alles nur von Hand erledigt wird, erübrigen sich auch Expansionspläne. Es werde nur so viel Land bearbeitet, wie das Paar bewirtschaften kann. Das biete Vorteile, sagt sie und erzählt von Pflanzenkrankheiten oder Schädlingen, die bei der immer überschaubaren Fläche frühzeitig erkannt und bekämpft werden können. Pflanzenschutzmittel oder Kunstdünger werden nicht benötigt. Es werde Bio-Qualität produziert, ein Siegel wollten die beiden aber nicht. „Wir wirtschaften, wie wenn es Bio wäre“, versichert Lorène Mathieu.
Beim Start vor vier Jahren wurden viele alte Gemüsesorten angebaut. Das habe sich inzwischen geändert. Das Klima auf den Höhen von Liederschiedt mit viel Wind und Kälte erforderten resistente Sorten. Wo möglich werden aber weiterhin die alten Sorten angebaut. Lorène und Johann Mathieu probieren viel aus, verwerfen manches und arbeiten sich so an ihr Ziel einer familiären Landwirtschaft heran.
Hof hat drei Verkaufspunkte
So wie der Versuch mit der Guinguette an jedem Sonntag im Sommer. Darunter ist eine Art Freilufttaverne mit Bewirtung und Musik zu verstehen. Bis zu 60 Personen werden von Köchen aus der Region mit dem Gemüse vom Hof und Fleisch vom Nachbarhof bekocht und an einer Dutzende Meter langen Tafel bewirtet. Der Andrang sei immer groß, und wer kommen wolle, müsse reservieren. Eine hohe Nachfrage gebe es auch nach den vorgezogenen Pflanzen für die Gärten der Kunden. Hier könne auch nur noch nach Bestellung verkauft werden. Lediglich das später zu kaufende Gemüse gibt es ohne Bestellung.
Drei Verkaufspunkte hat der Hof: Direkt am Gewächshaus ist der Hofladen, in dem es auch Eier und Käse von anderen Anbietern sowie Kaffee und Kuchen gibt, wenn der Verkauf startet. Im Gewächshaus des Gartenfachmarktes ist der zweite Verkaufspunkt, und jeden Donnerstag beim privat organisierten Markt des Künstlerkollektivs Artopie in Meisenthal findet sich ein Stand der Liederschiedter. Viele Deutsche seien unter den Kunden. Diese kämen aus Eppenbrunn, Schweix, Hilst oder Vinningen, um sich mit Gemüse zu versorgen.
Ein weiteres Paar schließt sich an
Lorène Mathieu ist Autodidaktin und hat zuvor Sonderpädagogik studiert. Das Wissen aus dem Studium kann sie für ihr Projekt mit dem Kindergarten Liederschiedt verwenden. Die Kinder kommen jeden Dienstag und bewirtschaften auf dem Hof ihren eigenen Garten im Gewächshaus. Ihr Mann Johann kann auf eine Ausbildung als Toningenieur verweisen, ist dann aber auf eine Landwirtschaftsschule im elsässischen Obernai gewechselt. Lorène stammt aus dem Bitscherland, Johann aus dem Elsass. Beide wohnen jetzt in Liederschiedt.
In diesem Jahr gibt es Zuwachs auf dem Hof. Ein weiteres Paar hat sich angeschlossen und will dort Ziegen halten. Die Tiere sind schon da, lugen in der Werkzeughalle neugierig über die Mauer. Der erste Ziegenkäse soll schon bald frisch produziert werden. Aber eben auch im kleinen Maßstab. Getreu dem Namen des Hofes: La Ferme Affable, was mit „Der freundliche Bauernhof“ übersetzt werden kann.
Info
Der Hof ist am Ortsrand von Liederschiedt und gut ausgeschildert. Die Internetseite ist unter https://ferme-affable.fr zu finden.