Edenkoben RHEINPFALZ Plus Artikel Schneller zum Abitur: Was hinter der Begys-Klasse steckt

16 Schüler sind Teil der ersten Begys-Klasse, die es am Edenkobener Gymnasium gibt.
16 Schüler sind Teil der ersten Begys-Klasse, die es am Edenkobener Gymnasium gibt.

Am Gymnasium Edenkoben nehmen Schüler eine Abkürzung auf ihrem Weg zum Abitur. Auf diese Weise sollen begabte Kinder gefördert werden. Eine Elite ist das aber nicht.

Sie habe immer davon geträumt, mal eine Jahrgangsstufe zu überspringen. Und dieser Wunsch, den die 13-Jährige verrät, geht für sie in Erfüllung. Jedenfalls ist sie am Edenkobener Gymnasium dabei, ihn zu verwirklichen. Sie ist Teil einer Klasse, die den Lernstoff in der Mittelstufe schneller behandelt und dadurch dem Abitur früher näherkommt als andere Schulkameraden in ihrem Alter.

Das Gymnasium Edenkoben kann sich vor Anmeldungen kaum retten, inzwischen ist die Einrichtung auch wegen Begys gefragt.
Das Gymnasium Edenkoben kann sich vor Anmeldungen kaum retten, inzwischen ist die Einrichtung auch wegen Begys gefragt.

Die Siebtklässlerin muss also etwas dafür leisten, um ihre Schulzeit um ein Jahr zu verkürzen beziehungsweise schneller voranzukommen, geschenkt bekommt sie nichts. Aber das braucht man weder ihr noch ihren 15 Klassenkameraden zu sagen, sonst wären sie alle nicht als Begys-Schüler infrage gekommen.

Wofür steht Begys?

Begys ist die Abkürzung für eine Begabtenförderung am Gymnasium mit verkürzter Schulzeit, die es zwar schon seit längerer Zeit an rheinland-pfälzischen Gymnasien gibt, aber in Edenkoben noch relativ neu ist. Im vergangenen Sommer wurde in der Jahrgangsstufe sieben diese separate Gruppe gebildet, die mehr Tempo an den Tag legt als die Parallelklassen. Formal betrachtet, überspringt die jetzige 7f später die neunte Klasse, die Kinder wechseln also nach der achten in die zehnte und kehren damit in das reguläre Schulsystem zurück. Sie werden dadurch Teil des älteren Jahrgangs, die früheren Klassenkameraden werden dann in der neunten Klasse sein. So das Prinzip.

Unter dem früheren Schulleiter Philipp Jähne wurde Begys am Gymnasium eingeführt, inzwischen hat Christian Bayer seinen Platz ei
Unter dem früheren Schulleiter Philipp Jähne wurde Begys am Gymnasium eingeführt, inzwischen hat Christian Bayer seinen Platz eingenommen.

Auch wenn es sich um eine Begabtenförderung handelt, wäre es ein Trugschluss, zu glauben, dass in der Klasse nur Überflieger sitzen. Das betonen die Klassenleiterin Regina Pleil und Hanne Samsel, die nicht nur die Jugendlichen unterrichtet, sondern das Begys-Programm in Edenkoben federführend begleitet. Hatte sie doch bereits an ihrer Vorgängerschule in Speyer Erfahrung damit gemacht, um es auch in der Südpfalz zu etablieren. Um auf den letzten Punkt zurückzukommen: In der 7f sitzen keine Schüler, die lauter Einser im Halbjahreszeugnis hatten. Es habe natürlich auch viele Zweier und Dreier gegeben, informiert Samsel.

Nibelungen im Deutschunterricht

Beim Besuch der RHEINPFALZ hat die Begys-Klasse gerade Deutsch. Es geht um die Nibelungen, konkret um die Rolle von Kriemhild. Das Heldenepos zählt zwar zur Weltliteratur, nach Aussage von Samsel ist es aber an Schulen meist aus der Mode gekommen, es tiefergehend zu behandeln. Generell stelle sie auch in der Oberstufe fest, dass viele Werke, etwa Märchen, dem Nachwuchs nicht mehr bekannt seien. Dies aber sei ein anderes Thema. Zumal es in der Begys-Klasse anders sei: Ihre Schützlinge würden ohnehin sehr gerne lesen. Daher müsse sie diese auch nicht groß motivieren, sich mit dem Heldenepos zu beschäftigen.

Gymnasien sind auch in Rheinland-Pfalz bei Familien besonders gefragt.
Gymnasien sind auch in Rheinland-Pfalz bei Familien besonders gefragt.

Und genau das zeichne diese Jugendlichen aus. Dass sie einen anderen Antrieb und Fleiß haben als manche Gleichaltrige. Interesse an den Themen zu zeigen, das sei eine Grundvoraussetzung, die man mitbringen müsste. „Klar, stöhnen auch die Kinder bei Aufgaben, die sie nicht gleich begeistern. Das ist völlig normal. Das war zum Beispiel kürzlich der Fall, als es darum ging, dass sie ein Gedicht vortragen sollten.“ Am Ende wurde das Rad größer gedreht und ein Lyrik-Abend organisiert, bei dem auch den Eltern das Ganze präsentiert wurde.

Schülerin: „Möchte nicht als Streberin gelten“

„Die Truppe ist insgesamt homogener“, sagt Pleil. Dadurch herrsche in der Klasse eine andere Lernatmosphäre. Genau das wissen die Schüler an ihrer neuen Klasse zu schätzen. Dass in der Klasse teils Quatsch gemacht wurde, was den Unterricht störte, habe sie gestört. Auch die Tatsache, dass Hausaufgaben oder anderer Stoff immer wieder behandelt werden mussten, dass immer wieder Schleifen gedreht werden mussten, weil sich manche Klassenkameraden schwerer damit taten, es zu verinnerlichen, sei zu ihrem Nachteil gewesen. Dann hätten sie sich nämlich gelangweilt. Umgekehrt wollten sie nicht als Streber abgestempelt werden, nur weil sie Lust am Lernen haben. Diese Aussagen fallen, als die Schüler dazu gefragt werden, wie es in ihrer neuen Klasse ist.

Für Samsel ist es wichtig, zu betonen, dass das Kollegium die Mädchen und Jungen nach speziellen Kriterien ausgesucht hat und nicht umgekehrt die Kinder selbst das entschieden hätten oder von ihren Familien dazu gebracht wurden, diesen Weg zu beschreiten. „Es geht hier nicht darum, eine Elitetruppe auszubilden, sondern die Kinder dort abzuholen, wo sie vom Lernniveau sind“, betont Samsel.

Für Social Media keine Zeit

Wobei sich in der Lerngruppe zeige, dass die Kinder Eltern haben, die hinten dran seien und den Nachwuchs unterstützen, und zwar unabhängig davon, ob sie selbst Akademiker sind oder nicht. Was auch auffalle, sei der Umgang der Kinder mit den Sozialen Netzwerken. Diese spielten bei ihnen kaum eine Rolle. Nicht, weil sie kein Interesse daran hätten, sondern weil sie sich damit arrangieren könnten, es nicht zu nutzen, so Pleils Beobachtung.

Und: Bei den Begys-Jugendlichen handelt es sich keineswegs um Schüler, die vor lauter Lernen nur noch am Schreibtisch sitzen würden. Im Gegenteil: Wie sich in der Fragerunde herausstellt, haben sie alle ihre Hobbys. Eine Schülerin macht Akrobatik, andere spielen Handball, wieder ein anderer ist im Wasserball Teil einer Leistungsgruppe. Neben den drei Trainingseinheiten unter der Woche kommen am Wochenende noch Wettkämpfe hinzu. Das gelinge nur, weil es im Unterricht schneller und besser vorangehe, finden die Mädchen und Jungen. Mehr Hausaufgaben, geschweige denn Tests, würde es nicht geben.

Erst im dritten Versuch Klasse eingerichtet

Am Edenkobener Gymnasium ist es allerdings erst im dritten Anlauf gelungen, diese Begys-Klasse einzurichten. Das lag aber nicht daran, dass sich keine Schüler dafür empfohlen hatten. Es sei vielmehr so gewesen, dass die Familien oder die Kinder das nicht wollten, etwa weil sie nicht von ihren Freunden trennen wollten. Das wundert Schulleiter Christian Bayer nicht. Es brauche oft Zeit, bis etwas Neues etabliert werden könne, so seine Erfahrung. Bei den Anmeldungen für das kommende Schuljahr hätte sich das Bild geändert. Manche Familien hätten erst wegen Begys den Weg ins Gymnasium gefunden. Das liegt vermutlich auch daran, dass man in der Region ein Alleinstellungsmerkmal habe. Weder in Landau noch in Neustadt gebe es solch eine Förderklasse. Germersheim und Speyer sind die nächstgelegenen Standorte, die aber für Südpfälzer Kinder eher zu weit entfernt seien, um dort eine Begys-Klasse zu besuchen.

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