Kreis Südliche Weinstraße RHEINPFALZ Plus Artikel Südpfalz: Wie gefährlich leben Kinder, die nicht schwimmen können?

504 Menschen sind 2018 laut DLRG-Statistik bundesweit bei Badeunfällen ertrunken. Foto: dpa
504 Menschen sind 2018 laut DLRG-Statistik bundesweit bei Badeunfällen ertrunken.

Schwimmen zu können ist nicht nur eine brauchbare Fähigkeit, sondern auch eine Form von Sicherheit. Immer weniger Kinder lernen jedoch schwimmen, weil es zu wenige Bäder gibt und viele Menschen dem Schwimmen keinen hohen Stellenwert mehr beimessen – auch in der Südpfalz. Was lässt sich dagegen tun?

Das Herxheimer Pamina-Schulzentrum möchte etwas gegen den Trend unternehmen, dass immer weniger Kinder schwimmen können. In Zusammenarbeit mit dem Verein Childemotion (CE) und der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) hat die Schule unter Federführung von Sportkoordinator Joachim Schirrmann Projekttage für Nichtschwimmer der fünften und sechsten Klassen organisiert. „Normalerweise lernt man Schwimmen mit sechs Jahren. Wenn wir die, die es im Grundschulalter nicht gelernt haben, jetzt nicht bekommen, dann werden sie es nie mehr lernen“, sagt Schirrmann. Er freue sich, dass CE in Herxheim Sponsoren gesucht habe, die der Schule Lehrmaterialien wie Schwimmbretter und Poolnudeln bezahlt haben. Diese können auch künftig im Schwimmunterricht genutzt werden. Schirrmann will das Projekt ausbauen, künftig nicht nur die Eltern entscheiden lassen, wer an den Schwimmkursen teilnimmt, sondern auch selbst die Nichtschwimmer erkennen und dann zum Seepferdchen oder den Schwimmabzeichen des DLRG führen.

Wenig Zeit für Schwimmausbildung

Dabei hat der Lehrer auch in Herxheim ein Problem: Es gibt seit der Schließung des Moby Dick in Rülzheim kein Hallenbad mehr in der Nähe. So kann der Schwimmunterricht nur im Herxheimer Waldfreibad und nur in den Sommermonaten stattfinden. Damit bleibt nur ein ganz kurzes Zeitfenster für die Schwimmausbildung der Schüler. „Es ist eine besondere Herausforderung in einem Flächenland wie Rheinland-Pfalz, da nicht überall Schwimmbäder in erreichbarer Nähe vorhanden sind. Hier muss jede einzelne Schule überlegen und entscheiden, welcher Zeitansatz für die Fahrt zum nächstgelegenen Schwimmbad pädagogisch vertretbar ist“, sagt die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier.

„Haben Kapazitätsproblem“

Die DLRG warnt schon länger vor einer Nation der Nichtschwimmer, auch weil immer mehr Bäder schließen. „Gerade hat man das Lehrschwimmbecken in Kandel geschlossen“, beklagt Markus Jung, zweiter Vorsitzende der DLRG Kandel, der mit zwei weiteren Unterstützerinnen in Herxheim die Kinder ausbildet. Dafür hat er sich Urlaub genommen. In der kurzen Zeit, die er mit den 24 Pamina-Schülern hat, will er hauptsächlich das Gefühl für das Element Wasser vermitteln und den Spaß am Schwimmen. „Die Kinder sind auch super motiviert. Solche Impulse sind nur zu begrüßen. Aber das behebt das Kapazitätsproblem nicht. In fast allen Verbandsgemeinden des Landkreises SÜW steht für die Schwimmausbildung nur je ein Freibad zur Verfügung. Ausnahmen sind Herxheim, wo im Becken des Reha-Zentrums Schwimmkurse angeboten werden, sowie Bad Bergzabern, wo neben dem kombinierten Hallen- und Freibad in Steinfeld noch ein zweites Freibad zur Verfügung steht. Die Stadt Landau hat mit dem Freizeitbad La Ola und dem Freibad zwei öffentliche Bäder, jedoch hat die Paul-Moor-Schule noch ein Becken, das sie für ihre Schüler nutzt.

Wegen Religion Schwimmverbot

Schirrmann bedauert, dass es auch Eltern gebe, die ihren Kindern die Teilnahme an seinem Projekt verweigert hätten – aus religiösen Gründen. Er befürchtet, dass Nichtschwimmer später oft ausgeschlossen würden. „Wer geht schon mit Freunden ins Schwimmbad, die nicht schwimmen können?“ Außerdem seien Nichtschwimmer gefährdet, wenn sie vielleicht doch mal unvorsichtig seien und zu tief ins Wasser gingen. 24 von rund 250 Schülern beider Klassenstufen hätten das Angebot für Nichtschwimmer angenommen, sagt Schirrmann. Es sei davon auszugehen, dass deutlich über zehn Prozent der Sechstklässler nicht oder nur schlecht schwimmen können. Die Migration habe in den vergangenen Jahren das Problem noch vergrößert, sagt Schirrmann und blickt auf seine Liste, auf der über 60 Prozent der angemeldeten Schüler einen entsprechenden Hintergrund hätten. Am Pamina-Schulzentrum hätten die Schüler im Regelfall einen Schwimmblock während ihrer Schulzeit, also für maximal zwei Monate je eine Doppelstunde in der Woche.

Schwimmunterricht kein Muss

Die ADD erklärt, dass Schwimmen Kindern und Eltern Sicherheit gebe und im Zweifelsfall Leben retten könne. Das Erlernen dieser Kernkompetenz geschehe bei vielen in der Freizeit, bei anderen erst in der Schule. Diese solle die Ausbildung auch sicherstellen, sei aber für die Planung letztlich selbst verantwortlich. „In welchem Schuljahr und in welchem Umfang Schwimmunterricht durchgeführt wird, entscheiden die Grundschulen anhand der organisatorischen Vorgaben und örtlichen Möglichkeiten“, erklärt die ADD. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es durchaus vorkommen kann, dass ganze Grundschulklassen gar keinen oder kaum Schwimmunterricht bekommen, wenn dies vor Ort mangels Möglichkeiten nicht organisiert werden kann. Die DLRG spricht bundesweit von 20 bis 25 Prozent der Schulen, die gar keinen Schwimmunterricht mehr anböten. Auch weil es an ausgebildeten Lehrkräften mangele, seien inzwischen 59 Prozent der Zehnjährigen keine sicheren Schwimmer. An Grundschulen können Lehrer Sportunterricht erteilen, die kein Sportstudium und somit keine Befähigung zum Schwimmunterricht haben. Für diese gibt es laut ADD die Möglichkeit, über eine Fortbildung eine Unterrichtsberechtigung zu erwerben. Diese Kurse seien sehr gut besucht. Im Rahmen von Ganztagsangeboten an Schulen könnten auch Kooperationen mit Schwimmvereinen oder DLRG-Ortsgruppen eingegangen werden.

Dass eine gute Schwimmausbildung notwendig ist, belegt auch folgende Statistik: 504 Menschen sind im Jahr 2018 laut DLRG-Statistik bundesweit bei Badeunfällen ertrunken.

Ein Lehrer befürchtet, Nichtschwimmer könnten oft ausgeschlossen werden. Foto: Iversen
Ein Lehrer befürchtet, Nichtschwimmer könnten oft ausgeschlossen werden.
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