Annweiler
Rattenalarm an Kita: Kreis lässt Grundstück räumen
Es ist Montagvormittag und schönstes Frühlingswetter. Die Sonne strahlt. Und der Spielplatz der Annweilerer Kita Arche Noah lädt mit seinem Sandkasten und allerlei Klettergerüsten zum Toben ein. Doch er ist menschenleer. „Die Spielzeit im Freien beginnt erst in 5 Minuten“, erklärt Kita-Leiterin Nicole Schüler, während sie die Tür zum Garten aufschließt, die sonst immer verschlossen sein muss. Denn draußen lauert eine Gefahr, die sich seit Jahren tief in den Kita-Alltag frisst. Sie ist grau, hat Nagerzähne und einen langen Schwanz – Ratten. Deswegen kontrolliert jedes Mal erst eine der Erzieherinnen den Garten, bevor die Steppkes an die frische Luft dürfen.
Draußen frühstücken? In der Kita in der Elisabethenstraße geht das seit Jahren nicht mehr. Der kleine Naschgarten mit Himbeeren, Erdbeeren und Tomaten ist weg. Beim Lüften schwingt die Sorge mit, dass sich ein Tier ins Gebäude verirren könnte. Auf dem Außengelände stehen gesicherte Köderboxen. Dort, wo Kinder eigentlich unbekümmert spielen sollten, ist jetzt ein Ratten-Abwehrsystem am Zaun.
Köderboxen statt Naschgarten
Der Grund liegt gleich nebenan.
Dort wohnt eine Frau, deren Grundstück seit Jahren Ausgangspunkt des Nagerproblems ist. Die Tiere fänden dort Futter, hätten Unterschlupf und liefen immer wieder auf die Nachbargrundstücke, berichten mehrere Beteiligte. Die Ratten würden gezielt angefüttert, sagt Felix Scherer, Sprecher des Bistums Speyer als Träger der katholischen Kita. Stadtwerke-Direktor Reiner Paul ergänzt, dass die Frau ausgelegte Köder immer wieder entferne oder verstecke.
Bereits seit rund zehn Jahren belastet die Nagerplage die Kita. „Und seitdem ist es für uns eine Abwärtsspirale“, sagt Scherer. Es gab Gespräche, Telefonate, Ortstermine, Mails. Mit Ordnungsbehörde, Gesundheitsamt, Müllentsorgung, Stadtwerken, Bauhof, Jugendamt, Unfallkasse. Stadt, Verbandsgemeinde und Kreis sind mit dem Fall beschäftigt. „Wir nehmen die Problematik sehr ernst“, versichert Kreissprecherin Marina Mandery. Vor Kurzem sei selbst der Landrat vor Ort gewesen. Ein anderes Mitglied des Kreisvorstands habe lange mit der Frau gesprochen. Doch sie sei nicht einsichtig, hört man von verschiedenen Seiten. So ist wohl auch das Knurren auf der anderen Seite des Gartenzauns zu verstehen, als Kita-Leiterin Schüler uns vor Ort die Rattenabwehr an der Grundstücksgrenze zeigt.
Kreis greift durch und lässt Grundstück räumen
Am 2. April griff der Kreis durch und ließ das Grundstück räumen, nachdem sich dort erneut ein massiver Rattenbefall bestätigt hatte, wie die Behörde auf RHEINPFALZ-Anfrage berichtet. Die Eigentümerin sei zuvor aufgefordert worden, die Ratten zu bekämpfen, womit sie auch eine Firma beauftragt habe. Zudem hatte der Kreis unter Androhung von Zwangsgeld ein Fütterungsverbot ausgesprochen und verlangt, dass alle möglichen Unterschlüpfe verschwinden. Da sie den Auflagen nicht nachkam, ließ der Kreis schließlich räumen. Die Rechnung werde bei der Eigentümerin landen. Die Schädlingsbekämpfung auf ihrem Grundstück laufe weiter.
Für die Kita ist der Spuk damit nicht beendet. „Leider ist die Lage weiterhin schlecht“, sagt Scherer. Denn die Frau scheine ihr Verhalten nicht ändern zu wollen. Regelmäßig lasse sie sich 25-Kilo-Säcke mit Hühner- und Hasenfutter anliefern, um die Ratten zu füttern, berichtet die Kita-Leiterin. Mit ihr reden sei schon länger nicht mehr möglich, Kontakt gebe es nur noch per Mail. Das Bistum prüft nun rechtliche Schritte.
Kein normaler Kita-Alltag mehr möglich
Für das Kita-Team sei die Lage sehr belastend und frustrierend, sagt Schüler. Auch wegen der Angst, dass irgendwann ein Kind gebissen werden könnte. Die Eltern informiere sie regelmäßig. Sie seien verständnisvoll und unterstützen die Kita in ihren Bemühungen, der Lage irgendwie Herr zu werden. Schon seit gut sechs Jahren kommt ein Kammerjäger, um Giftköder auszulegen – meist in Ferienzeiten. Seit Anfang des Jahres stehen nun dauerhaft Köderboxen – umzäunt, damit die Kinder nicht aus Versehen das Rattengift berühren. Seit vergangenem Jahr übernehme die Stadt die Kosten dafür, erzählt Schüler. „Die Stadt steht fest an unserer Seite und unterstützt uns.“
Die Kinder haben sich längst daran gewöhnt, dass bei ihnen einiges anders läuft. „Sie wissen von den Ratten, aber wir achten darauf, dass sie selbst keine sehen.“ Nur manches kann man nicht verhindern. Etwa, wenn die Kleinen durchs Fenster umherhuschende Tiere in den Bäumen des zugewucherten Nachbargrundstücks entdecken. „Guck mal, da oben, n’ Äffchen!“, hört Schüler dann schon mal von den Kindern. Und fügt hinzu: „Wir haben ihnen jetzt noch nicht gesagt, dass das keine Äffchen sind.“
Warum nach sechs Jahren noch immer keine Lösung für Problem?
Der Kreis kennt den Fall seit 2020, sagt Mandery. Allerdings kann die Behörde wegen Ratten nicht einfach auf ein Privatgrundstück marschieren. Zunächst müssen die Eigentümer selbst handeln. Erst wenn das nicht passiert und Krankheitserreger etwa über Rattenkot verbreitet werden könnten, bekommt die Behörde Handhabe. So wie hier. Dann greift das Infektionsschutzgesetz. Aber auch dann geht’s nicht von heute auf morgen. Die Eigentümer müssen angehört werden, bekommen Fristen. Erst wenn das noch immer nicht reicht, kann der Kreis eingreifen – sprich: selbst Firmen beauftragen, Kosten vorstrecken und der Verursacherin dann in Rechnung stellen.
Schon im vergangenen Jahr hatte der Kreis das Grundstück komplett von Unrat räumen lassen und dort Ratten bekämpft. Doch im Februar kamen die Rattenmeldungen wieder. Daraufhin habe der Kreis erneut das Verfahren gestartet, berichtet Mandery. „Die hatten im Herbst zwei große Container Müll weggebracht, aber kurz danach sah’s wieder genauso aus“, erzählt Schüler.
Annweiler hat Rattenproblem: 300 Prozent mehr in zwei Jahren
Laut Werke-Direktor Paul hat sich die Rattenlage in Annweiler in den vergangenen zwei Jahren massiv verschärft. Er spricht von 300 Prozent mehr Ratten. Das hätten Untersuchungen in der Kanalisation gezeigt. Der Hotspot liege rund um die Kita Arche Noah. Deshalb wollen die Stadtwerke nun auch in der Kanalisation intensiv Köder auslegen.
Der Kreis will das Grundstück weiter im Blick behalten. Eine Rund-um-die-Uhr-Kontrolle sei aber nicht möglich, sagt Mandery. Wenn die Eigentümerin ihre Pflichten wieder nicht erfülle, bleibe nur, den ganzen Verfahrensweg von Neuem aufzurollen. „Uns wird das Problem noch jahrelang begleiten“, hat die Kita-Leiterin wenig Hoffnung.