Edenkoben
Nikotin-Angst auf dem Pausenhof: Schule verbietet Zahnstocher
Ob Restaurant-Besuch oder Imbiss-Einkehr: Meist werden Zahnstocher genutzt, um die Zahnzwischenräume nach dem Essen zwischendurch zu reinigen. Wenn dagegen Kinder mit Zahnstocher im Mund herumlaufen sollten, rührt das eher daher, dass sie sich als Cowboys geben möchten. Zumindest sei das mal so gewesen, sagt Michael Eich, daran könne er sich noch gut erinnern. Und an die Aussage seines Vaters, eben das sein zu lassen, weil es schrecklich aussehe. Nun ist er es, der den Mädchen und Jungen an seiner Schule dieses kleine Stück Holz verbietet.
Denn wie der Leiter der Paul-Gillet-Realschule plus in Edenkoben erfahren hat, sind Zahnstocher bei der Jugend deshalb angesagt, weil sie ihnen ein Geschmackserlebnis bescheren. Denn die Holzstäbchen gibt es mittlerweile mit Aromen wie Mango, Himbeere oder Erdbeere. Das Problem: Im Umlauf sind mittlerweile auch Zahnstocher, die in Nikotin getränkt wurden, sodass sie als Einstiegsdroge betrachtet werden können. In Deutschland sind sie zwar noch nicht käuflich zu haben, aber im Internet sind sie doch schnell bestellt. In den sozialen Netzwerken, konkret auf Tiktok, werden diese praktisch und unscheinbar wirkenden Zahnstocher von Influencern beworben.
Eich: „Keine Zahnstocher mehr“
Eich gibt an, von diesem Social-Media-Trend noch nichts mitbekommen zu haben. Wobei er sich darüber gewundert habe, Schüler zu sehen, die auf diesem kleinen Stück herumkauen. Zwar habe es weder in diesem noch in einem anderen Fall, den ein Kollege beobachtete, Anzeichen für mit Nikotin versetzte Exemplare gegeben. Doch weil die herkömmlichen, harmlosen Zahnstocher rein optisch nicht von jenen mit Aromen oder gar mit Nikotin versetzten zu unterscheiden seien, habe er, Eich, gemeinsam mit dem Kollegium entschieden, diese gänzlich vom Schulgelände fernzuhalten.
Denn wie Eich betont, besteht die Gefahr, dass die Zahnstocher zur Einstiegsdroge werden. Er beruft sich dabei auf die Spezialambulanz zur Tabakabhängigkeit des Uniklinikums München. Demnach stecken in einer Zigarette zwischen 0,6 und etwa zwei Milligramm Nikotin, in Nikotinzahnstochern können es schon zwischen zwei und sechs Milligramm sein.
Wie reagieren die Eltern?
Die ersten Reaktionen der Eltern auf sein Schreiben hin seien positiv. „Eine Mutter hat geschrieben, dass sie erst danach im Internet recherchieren musste, weil sie das Phänomen noch nicht kannte“, berichtet Eich. Dieser Fall zeige aber auch, dass sich solche Trends nicht nur auf Großstädte wie München beschränken, wo die Nikotin-Zahnstocher schon vor einiger Zeit von der Schule verbannt wurden, sondern sich auch in ländlichen Regionen bemerkbar machen. Gefördert werde diese Entwicklung durch die sozialen Netzwerke.
Es ist das zweite Mal innerhalb des Schuljahres, dass die Edenkobener Realschule wegen Internet-Trends durchgreift. So hatte sie im vergangenen Herbst den Zugang zum Schulklo geregelt, weil dort Unfug getrieben wurde. Animiert von Kurzvideos auf Tiktok drehten Mädchen und Jungen dort Aufnahmen mit teils gefährlichen Darstellungen. Durch die Regelung ist es gelungen, dem Irrsinn ein Ende zu bereiten.
Anderes Problem in den Griff bekommen
Auch habe man dadurch das Problem mit den Vapes – also den E-Zigaretten – in den Griff bekommen, so Eich. Eine Person hatte ein Geschäftsmodell darin erkannt, E-Zigaretten auf Bestellung an Jugendlichen zu verkaufen, indem er sie beispielsweise auf dem Schulweg ansprach. Der Mann, der in der Umgebung dafür bekannt war, habe von der Polizei dingfest gemacht werden können, berichtet der Schulleiter. Damit nicht das Gleiche mit den Nikotin-Zahnstochern droht, habe man nun dieses Verbot ausgesprochen.