Offenbach RHEINPFALZ Plus Artikel Leben im Tiny Haus: Den Traum vom nachhaltigen Wohnen erfüllt

In der Siedlung südlich der Landauer Straße im Westen Offenbachs hat Beate Schütz mit ihrem Tiny Haus Obdach gefunden.
In der Siedlung südlich der Landauer Straße im Westen Offenbachs hat Beate Schütz mit ihrem Tiny Haus Obdach gefunden.

Beate Schütz erfüllt sich einen Traum und verkleinert sich. Von 170 auf 38 Quadratmeter. Sie lebt in einem Tiny Haus und ist jetzt die Attraktion inmitten eines Wohngebiets.

Beate Schütz hat es geschafft. Nach vier Jahren Kampf und bürokratischen Hürden steht ihr Tiny Haus in Offenbach endlich. In Deutschland unterliegt auch ein Tiny Haus strengen Bauvorschriften. Es braucht Wasser, Strom und Entsorgungsleitungen, egal wie groß das Eigenheim ist. Größter Hemmschuh bei der Suche der Offenbacherin war der Bebauungsplan. Er gibt Baugrenzen vor – auch die Dachform. Beate Schütz wollte kein Tiny Haus mit Satteldach. Ein Pultdach sollte es sein; eine einzige geneigte Dachfläche.

Beate Schütz und Juna vor dem neuen Heim, rechts sind Bad und Küche, links neben dem Eingang ist das Schlafzimmer.
Beate Schütz und Juna vor dem neuen Heim, rechts sind Bad und Küche, links neben dem Eingang ist das Schlafzimmer.

Beate Schütz war Miteigentümerin eines Hauses in Offenbach, der Villa Kunterbunt, wie sie es liebevoll nennt. Mit Herzblut hatte sie es ausgebaut. Doch mit Blick auf die Rente wollte sich die Leiterin des Jugendzentrums in Edenkoben verkleinern. Sie habe drei Jahre in einer Schäferei gearbeitet und währenddessen in einem Bauwagen gelebt. Sie wisse, was sie brauche, hatte Schütz in einem Gespräch mit der RHEINPFALZ im Februar 2022 erzählt. Alleine in dem großen Haus leben? Nein, das sei im Grunde beschämend. Da müsse Kindergeschrei her.

Den Ausbau dieses Hausteils hat Beate Schütz selbst geleistet.
Den Ausbau dieses Hausteils hat Beate Schütz selbst geleistet.

Nachhaltiges Wohnen: Bürokratische Hürden

Damals war schon klar, dass es nicht leicht werden würde. Bereits im März 2021 hatte Schütz den damaligen Ortsbürgermeister Axel Wassyl angeschrieben. „Der war total positiv.“ Doch den Ortsgemeinderat hatte sie mit ihren Vorschlägen wohl aufgeschreckt. Der ehemalige Handballplatz hinter der Turn- und Festhalle in der Essinger Straße als idealer Standort für fünf bis sechs Tiny Häuser ließ sich politisch nicht durchsetzen.

Wassyl berichtete damals von zahlreichen Anfragen, nachdem das Thema erst einmal in der Welt war. Zuvor hatte er Schütz ein Grundstück der Gemeinde an der alten Mühle angeboten. Die Einfahrtsstraße direkt vor der Nase – Schütz winkte ab. Bei anderen Optionen zeigten sich Probleme wegen der Bebauungsplanvorgaben. Und: Schütz wollte Bauland pachten, nicht kaufen. Der Zeitungsbericht brachte Bewegung in die Sache.

Der Wohnraum mit Küche.
Der Wohnraum mit Küche.

Tiny Haus: Die Dachform kann wichtig sein

Beate Schütz sitzt vor ihrem neuen Zuhause, die Hündin Juna zur Seite und erzählt, was sie seitdem erlebt hat. Die Eigentümer eines Grundstücks in Offenbach meldeten sich bei Schütz. Sie waren bereit, zu verpachten. Auch der Bebauungsplan passte, ein Pultdach war zulässig. Bei Beate Schütz keimte die Hoffnung, dass es diesmal klappen könnte.

Ihr Traum vom kleinen Eigenheim auf einem naturbelassenen, unversiegelten Grundstück rückte in greifbare Nähe. Schütz hatte sich ihr Haus längst ausgesucht. Bei der Firma Rolling Homes in Leipzig. Nach dem Motto „Der Mensch braucht nicht viel Fläche, wenn der Grundriss stimmt“ werden dort Häuser entworfen, Bausätze aus natürlichen Rohstoffen zusammengestellt und Bau- oder Zirkuswagen zu neuem Leben erweckt. Die Offenbacherin entschied sich für ein Haus in L-Form, bestehend aus zwei Wagen. 38 Quadratmeter.

Das Badezimmer.
Das Badezimmer.

Zwei Tiny Häuser mit vier Stellplätzen

Als ihr Planer die Bauvoranfrage stellte, was dann nur über die Grundstückseigentümer erfolgen kann, erhöhte sich der Druck auf die künftige Pächterin. Die Villa Kunterbunt war noch nicht verkauft, das Tiny Haus bestellt, die ersten Zahlungen nach Leipzig überwiesen. Der Bauausschuss stimmte zu, doch nach sieben Monaten lehnte die Kreisverwaltung SÜW ab.

Die Bauvoranfrage hatte nämlich zwei Tiny Häuser mit je zwei Stellplätzen beinhaltet, was Schütz anfangs gar nicht gewusst hatte, wie sie betont. Die zulässige Baulinie war überschritten. „Ich hing in allen Richtungen in der Luft.“ Dass sie noch keinen Pachtvertrag unterschrieben hatte, war am Ende ihr Glück. Nach vielem Hin und Her zog sich Schütz nach zwei Jahren Verhandlungen frustriert zurück.

Der Ofen musste mit.
Der Ofen musste mit.

Tiny Haus: Glück im Unglück

Sollte es ihr so gehen wie anderen, mit denen sie über die Sozialen Netzwerke in Kontakt stand und die ihre in Polen gebauten Tiny Häuser in Rostock zwischenparken, weil sie kein Grundstück finden? Dann wieder ein Lichtblick. Doch das mögliche Projekt in Herxheim scheiterte daran, dass es kurz vor knapp an Bauwillige verkauft wurde. Dann hatte Schütz Glück im Unglück. Eine Bekannte meldete sich und vermittelte ein Grundstück in der Lothringer Straße, das ihrem Mann und dessen Geschwistern gehört und seit Jahren ungenutzt war.

Auch am Schaukelstuhl hängt die „Bauherrin“.
Auch am Schaukelstuhl hängt die »Bauherrin«.

Alles passte. Wolfgang und Bernhard Roth entpuppten sich als wahre Helfer und Menschenfreunde. Der Herxheimer Architekt Adolf Knoll half ihr bei den Formalien mit den Behörden. Als die Häuser aus Leipzig im November 2024 geliefert wurden, waren der Bauantrag noch nicht durch und die Stellflächen auf dem 600 Quadratmeter großen Grundstück noch nicht befestigt.

Die Nordseite des Hauses, die Obstbäume links waren schon da.
Die Nordseite des Hauses, die Obstbäume links waren schon da.

Villa Kunterbunt ein Ort für Kinder

Also wurden die Wagen auf einem anderen Grundstück der Roths abgestellt und dann im Februar mit dem Schlepper an Ort und Stelle transportiert, was laut Schütz abenteuerlich und eine Heidenarbeit war. Zwischenzeitlich hatte sie ein junges Paar mit Kinderwunsch für die Villa Kunterbunt mit ihren 170 Quadratmetern gefunden. „Ein Besichtigungstermin. 20 Leute. Zwei Paare wollten das Haus haben.“

Im Dezember räumte sie die Villa aus und kam für einige Monate bei Freunden unter. Wie geht das? Wie trennt man sich von Dingen, die einen lange umgeben haben? „Ich habe vor zwei Jahren angefangen, mit offenen Augen durchs Haus zu gehen und mich zu fragen: Was ist mir wichtig?“, erzählt Schütz. Letztlich gehe es um Sentimentalitäten. „Du brauchst nicht viel.“

Den Schrank mit Tür im Vintage-Look hat Beate Schütz selbst gebaut.
Den Schrank mit Tür im Vintage-Look hat Beate Schütz selbst gebaut.

Nachhaltiges Wohnen: Es braucht nicht viel

Der alte Ofen musste mit, den sie einst mit ihrem Vater zum E-Herd umgebaut hatte, das Sofa und der Schaukelstuhl des verstorbenen Bruders, einige wenige Lieblingsbücher, die selbst gemachten Holzskulpturen. Andere Möbel verschenkte sie, Geschirr warf sie weg – jetzt hat sie nur noch drei Teller und drei Tassen. Klamotten? „Augen zu und durch“, sagt Beate Schütz und lacht. „Mit jedem Stück fiel es mir leichter.“

Die schlaflosen Nächte der vier Jahre gehören der Vergangenheit an. Sie habe die Zusage, zunächst fünf Jahre bleiben zu können, berichtet Beate Schütz. Sie schaut nach vorn. Eine Terrassenüberdachung ist das nächste Projekt. Die Gartengestaltung hat schon Formen angenommen. Die Besucherin kann nur erahnen, wie hart Schütz geackert hat. Das Eckgrundstück sei überwuchert gewesen, berichtet sie. Die großen Bäume auf dem Grundstück sind ein Glücksfall, zwei Nussbäume sowie Mirabelle und Kirschpflaume.

Skulpturen aus Holz spiegeln die künstlerische Ader von Beate Schütz wider.
Skulpturen aus Holz spiegeln die künstlerische Ader von Beate Schütz wider.

Sonntags könnte Beate Schütz Würstchen verkaufen

Die Neubewohnerin und ihr Tiny Haus sind im adretten Wohngebiet nahe der Stegmüllerschen Erdbeerfelder eine Attraktion. „Sonntags könnte ich Würstchen verkaufen“, erzählt sie lachend. Immer wieder wird sie angesprochen. So mancher stoße sich daran, andere seien restlos begeistert.

Neulich waren zwei Mädels da, die wissen wollten, wie sie sich ihren Traum vom Tiny Haus erfüllen können. Schütz riet ihnen, am besten ein Grundstück zu kaufen und ansonsten erst das Haus zu bestellen, wenn der Pachtvertrag unterschrieben ist.

Was kostet ein Tiny Haus? Das orientiert sich an den individuellen Wünschen. Beate Schütz hat infolge der Preissteigerungen wegen der Wirtschaftskrise mehr bezahlt als sie geplant hatte. Ein Haus hat sie ausgebaut bestellt, eines im Rohbau. Dafür hat sie 115.000, beziehungsweise 56.000 Euro bezahlt. Die Überführung wurde mit 6000 Euro berechnet. Hinzu kommen Materialkosten für den Ausbau des Badezimmers, Leisten und Zwischenwände im Rohbau. Arbeitszeit nicht berechnet.

Dieses Wurzel-Fundstück lehnt an der Hauswand.
Dieses Wurzel-Fundstück lehnt an der Hauswand.

Nachhaltiges Leben hilft im Alter

„Im Nachhinein kann ich sagen, ich hatte Glück. Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Aufgeben ist keine Option.“ Axel Wassyl habe sie mit seiner positiven Art ermutigt. Das sei auch ein Ansporn gewesen, weiterzumachen. „Es ist noch nicht in den Köpfen, dass Grundstücke auch naturbelassen bewohnbar sind.“

Im Alter spare das nachhaltige Leben auf kleinerer Wohnfläche Kosten und Zeit, weil man nicht dauernd 190 Quadratmeter putzen müsse. Tiny Häuser sind nach Meinung von Beate Schütz eine gute Lösung für jedes brachliegende Enkelgrundstück, also Flächen, die für Kinder oder Enkel reserviert und nicht genutzt werden.

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