Kreis Südliche Weinstraße Keine Lese auf Omas Grab
Die Weinbaugemeinde St. Martin will einen Friedweinberg anlegen. Spätestens ab nächstem Jahr können sich die Einwohner im Wingert bestatten lassen. Ortsbürgermeister Timo Glaser rechnet mit Kosten von bis zu 70.000 Euro. Wein wird aus den Trauben dieser speziellen Rebstöcke wohl nicht hergestellt.
Urnengräber sind in vielen Gemeinden stark nachgefragt und haben Erdbestattungen an Anzahl inzwischen überholt, auch weil sie günstiger sind. Nach Auskunft des Bundesverbands der Bestatter wurden 2016 deutschlandweit rund 64 Prozent der 900.000 Verstorbenen verbrannt. Um die Urnen unter die Erde zu bringen, hat sich St. Martin nun etwas Besonderes ausgedacht: Die Einwohner können sich künftig in einem Wingert bestatten lassen. „Wir haben noch ein brachliegendes Feld direkt neben dem Friedhof“, erzählt Timo Glaser auf Nachfrage. Dort solle in diesem oder nächstem Jahr ein Friedweinberg angelegt werden. „Es ist eine relativ große Fläche“, sagt Glaser. Das Gelände, das zum Friedhof hinzukommen soll, solle mit den Reben und zudem mit Bäumen bepflanzt werden. Der Friedhof sei eine Begegnungsstätte besonders für Ältere. Deshalb solle er schön und hochwertig aussehen. Glaser spricht von einer parkartigen Anlage, die vielleicht mit Findlingen geschmückt werden könnte. Der Ortsbürgermeister schätzt, dass die Errichtung der Anlage zwischen 50.000 und 70.000 Euro kosten wird. Zumindest das Geld für die Planung solle in den aktuellen Haushalt eingestellt werden. Ob sich das Projekt noch 2019 umsetzen lässt oder der Friedweinberg 2020 angelegt wird, sei offen. Es gibt bereits wenige Friedweinberge in Deutschland. Laut Glaser können erfahrungsgemäß bis zu zwölf Urnen um eine Rebe angeordnet werden. Für St. Martin denke er an acht Urnen pro Rebstock. Das Projekt solle in enger Abstimmung mit der Kirchengemeinde verfolgt werden. Als nächstes solle der Rat dazu Stellung nehmen und das Geld im Haushalt eingestellt werden. Geerntet würden die Trauben dieses speziellen Wingerts übrigens nicht, sagt der Ortsbürgermeister. Seit Anfang Dezember gibt es im fränkischen Nordheim am Main einen Friedweinberg mit einer Fläche von 3600 Quadratmetern. Auch hier werden unter einem Rebstock bis zu acht Urnen bestattet. 186 Stöcke gibt es, bisher wurden drei Urnen beigesetzt, berichtet Bürgermeister Guido Braun auf RHEINPFALZ-Nachfrage. Bürger können einen Rebstock für ihre Familie reservieren. Dazu zahlen sie laut Braun knapp 50 Euro pro Jahr und Urnenplatz. Mindestens vier Liegeplätze müssen für mindestens zehn Jahre im Voraus bezahlt werden. Man kommt also auf rund 2000 Euro, die es kostet, sich einen Rebstock zu sichern. Den Friedweinberg pflegt die Gemeinde, sagt Braun. Für die Einrichtung des Friedweinbergs inklusive Wegebau und der Errichtung von Mauern habe die Gemeinde rund 200.000 Euro investiert. Die Trauben würden grün gelesen und kompostiert. Zwar habe er überlegt, ob man nicht Wein daraus machen kann – „den könnte man sicher vermarkten“, so Braun. Doch der Winzerverband habe Einwände erhoben.