Herxheim RHEINPFALZ Plus Artikel Flucht, Angst, Abschiebung: Eine Familie muss Herxheim verlassen

 Eine Mutter und ihr Kind, die in Herxheim wohnten, mussten zurück nach Bogotá.
Eine Mutter und ihr Kind, die in Herxheim wohnten, mussten zurück nach Bogotá.

Mitten in der Nacht klopfen Beamte an die Tür: Eine Mutter und ihr Kind werden nach Kolumbien abgeschoben. Die Behörde spricht von Pflicht, die Mutter von Angst und Würde.

Es war 1 Uhr in der Nacht. Es klopfte an der Tür von Leidy Rodriguez in Herxheim. Seit September 2023 lebte die Kolumbianerin mit ihrem 12-jährigen Sohn in Deutschland, nachdem sie aus ihrer Heimat flüchteten. In jener Nacht Anfang Dezember dieses Jahres standen plötzlich neun Männer vor ihrer Tür. „Ich wusste nicht, wer sie waren. Ich dachte, es handelt sich um einen Überfall. Ich hatte Angst, dass sie gewaltsam eindringen, uns etwas antun oder mich missbrauchen würden“, erinnert sich Rodriguez, die am ganzen Körper gezittert habe.

Die Männer waren Polizeibeamte und Mitarbeiter der Ausländerbehörde, die sich vorgestellt und ausgewiesen haben, wie die Kreisverwaltung Südliche Weinstraße auf Nachfrage mitteilt. Sie kamen, um Rodriguez und ihren Sohn mitzunehmen und in ihr Heimatland abzuschieben. „Die Männer drohten uns und lachten mir ins Gesicht, während ich gezwungen wurde, mich vor ihnen umzuziehen. Es war eine völlige Verletzung meiner Privatsphäre, meiner Intimität und meiner Würde. Ich werde diese Nacht nie vergessen“, bedauert die 39-Jährige.

Abgelehntes Asylverfahren

Rodriguez und ihr Sohn seien nach Stuttgart gebracht worden, von dort nach Amsterdam und schließlich direkt in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá. „Wir wurden ständig eskortiert, als wären wir gefährliche Kriminelle. Mein Sohn weinte und verstand nicht, warum man uns so behandelte“, sagt Rodriguez. „Jetzt sind wir nicht mehr in Deutschland und das schien wohl das wichtigste zu sein. Ein weiterer Beitrag zu den Zahlen, die benötigt werden, um den Erfolg der Migrationspolitik zu belegen.“ Doch war das wirklich der Grund für die Abschiebung?

„Die Familie ist aufgrund des rechtskräftig abgelehnten Asylverfahrens in ihr Herkunftsland Kolumbien abgeschoben worden“, begründet die Kreisverwaltung den Vorgang. Grundsätzlich entscheide in Deutschland nur das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) über Asylanträge. Ist ein solcher Antrag negativ, werde eine Abschiebung angedroht. Verlassen Asylbewerbende daraufhin das Land nicht freiwillig, sei die Ausländerbehörde dazu verpflichtet, Rückführungen zu prüfen und umzusetzen. Vorher müsse allerdings geprüft werden, ob es Gründe gebe, die Asylbewerbenden trotzdem zu dulden. Diese gab es laut Gesetz nicht, betont die Kreisverwaltung.

„Wir setzen die Gesetze nur um“

„Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat der Frau bereits am 18. Dezember 2023 schriftlich mitgeteilt, dass ihr Asylantrag abgelehnt wurde“, sagt die Kreisverwaltung. Die Familie habe dagegen Berufung eingelegt. Diese wurde am 28. Oktober 2025 abgelehnt. Folglich sei das Asylverfahren vollumfänglich abgelehnt und die Betroffenen seien verpflichtet, innerhalb von 30 Tagen aus Deutschland auszureisen. Die Kreisverwaltung Südliche Weinstraße betont, dass sie eine kommunale Behörde ist, die verpflichtet sei, geltendes Recht und Gesetz auszuführen. Bei der Abschiebung handele es sich um ein rechtsstaatliches Verfahren. „Die Gesetze machen nicht wir, wir setzen sie um.“

„Niemand verlässt sein Zuhause, seine Stabilität und seine Überzeugung freiwillig“, sagt Leidy Rodriguez. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder tat dies im September 2023 trotzdem und flüchtete mit ihrem jüngeren 12-jährigen Sohn aus Kolumbien nach Deutschland. Das ältere Kind blieb in der Heimat, wo die Familie Morddrohungen bekommen habe. „Wir versteckten uns in mehreren Städten, doch man fand uns immer wieder. Als man versuchte, meinen Sohn in der Schule anzugreifen, wusste ich, dass wir keine andere Wahl hatten als zu fliehen, um zu überleben“, erzählt sie.

Zuflucht in der Kunst

Rodriguez und ihr Sohn seien zunächst in eine Erstaufnahmeeinrichtung gekommen. Dort wurde sie Opfer von Belästigungen, wie sie erzählt. Im Januar 2024 kam die Familie nach Herxheim in Containerunterkünfte, „ein schwieriger Ort für eine kleine Familie, die in ihrem Heimatland ein stabiles Leben hatte.“ Rodriguez lernte die deutsche Sprache und fand nach Abschluss des Integrationskurses einen Job als Küchenhilfe. In Kolumbien arbeitete sie als Krankenpflegerin und Radiotherapie-Technologin. Noch im selben Jahr fanden die 39-Jährige und ihr Sohn eine Wohnung in Herxheim.

Nun musste die Familie dieses Zuhause verlassen. Rodriguez Sohn suchte Zuflucht in der Kunst, er zeichnet. „Es ist seine Art, das Erlebte zu verarbeiten. Seit den Ereignissen sind seine Zeichnungen dunkler und trauriger geworden“, bedauert sie. Ihr gehen jeden Tag Fragen durch den Kopf: Warum so viel Gewalt gegen eine Mutter und ein Kind? Warum brauchte es neun Männer? Warum behandelte man uns wie Gefährliche? Warum verweigerte man meinem minderjährigen Sohn Antworten? Warum wurden mir nicht einmal 15 Minuten gewährt, um mein Kind zu trösten?

Rodriguez ist all jenen, die ihnen geholfen haben, für immer dankbar. Sie empfand Herxheim als ihr Zuhause und hofft, dass andere Kinder so etwas nie erleben müssen: „Wir Erwachsene versuchen zu verstehen. Aber Kinder können das nicht. Und leider muss mein Sohn nun lernen, mit diesem Trauma zu leben.“

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