Annweiler / Rinnthal / Wilgartswiesen
Ein Tag inmitten der B10-Sperrung: 40 Bilder vom Ausnahmezustand
Es kommt einem schon wie Ewigkeiten vor, dabei ist gerade erst die erste Halbzeit geschafft. Die Sperrung der vier B10-Tunnel bei Annweiler wegen Sanierungsarbeiten strapaziert das Nervengerüst jeden, der sich ihnen nur nähert. Ob Anwohner, Pendler, Trucker oder Behörden – diese Mega-Baustelle im Pfälzerwald treibt jedem den Puls in die Höhe.
Jeden Morgen und jeden Abend quält sich eine nicht enden wollende Blechlawine durch die Umleitungsorte und kommt nur im Schneckentempo voran. Dafür hält sich außerhalb der Stoßzeiten kaum ein Fahrer ans Tempo-30-Limit. Ausländische Brummifahrer, die irgendwo im Nirgendwo landen und in schmalen Kurven ganze Bordsteine herausfahren oder an Hausdächern hängen bleiben.
So geschehen vor einer Woche in Wilgartswiesen, das eigentlich gar nicht zur Umleitungsstrecke gehört, durch das aber trotzdem alle paar Minuten große Sattelzüge donnern, wie Leserin Rita Hartmann der Redaktion schreibt. Sie wohnt hoch oben in der Pfälzerwald-Gemeinde und hat direkten Blick auf die schmale Eisenbahnunterführung am Ortseingang.
„Und während ich dies schreibe, sind innerhalb von fünf Minuten wieder vier Lkw durch die Unterführung gekommen, die viel zu schmal für sie ist.“ Offenbar fehlgeleitet in Sarnstall, wo sie das Navi von der offiziellen Umleitungsstrecke weg über Spirkelbach und Wilgartswiesen wieder auf die B10 schickt – trotz Lkw-Verbotsschildern. Aber die seien viel zu klein, um sie erfassen zu können, bemängelt Rita Hartmann.
Lkw-Irrfahrten abseits der Route
Wir besuchen sie zu Hause und erfahren dabei, dass sie noch aus einem ganz anderen Grund so nah dran ist am Verkehrschaos wie kaum jemand anderes: Denn sie trägt jede Nacht die RHEINPFALZ-Zeitung aus – in den Umleitungsdörfern entlang der B10. Sie bekam live mit, wie vor einer Woche das Verkehrschaos noch einmal eine ganz neue Dimension bekam, als auch noch die Umleitungsstrecke dicht gemacht werden musste, weil es in Rinnthal nachts zu einem Wasserrohrbruch mitten in der Ortsdurchfahrt kam. „Als ich um 4 Uhr auf dem Rückweg meiner Tour war, stand schon alles unter Wasser, ein Gefahr-Schild war aufgestellt, und mit einem Auto wurde die Straße blockiert.“ Im Eiltempo rückte die Tiefbaufirma der Verbandsgemeinde mit ihrem Saugbagger an, um den Schaden zu reparieren. Am Samstagmorgen zeugte nur noch eine frisch asphaltierte Stelle auf der Fahrbahn von dem Vorfall zum denkbar unglücklichsten Zeitpunkt.
Wer einen Blick darauf erhaschen möchte, sollte eine schnelle Reaktionsfähigkeit mitbringen, um sich noch rechtzeitig gegen den Vorgartenzaun zu pressen, wenn der nächste Laster im Anmarsch ist. Denn in Rinnthal ist zwar die eine Gehwegseite mit Absperrbaken gesichert, doch wenn sich zwei Großkaliber auf Rädern auf der schmalen Dorfstraße begegnen, weichen sie eben über den anderen Fußgängerweg aus, um überhaupt aneinander vorbeizukommen.
Wenn der Gehweg zur Ausweichspur wird
Gleiches Spiel in Annweiler in der engen Kurve am Hohenstaufensaal, in der zusätzlich noch der Stadtverkehr auf die B10-Umleitung drängt. Auf große Sattelschlepper ist hier nichts ausgelegt, weswegen die sich entweder ihren Weg über das Trottoir oder eben die andere Straßenseite suchen und so für Rückstau in beide Richtungen sorgen.
Ein paar Meter weiter drückt eine ältere Dame gerade auf den Knopf der Fußgängerampel. Mehrere solcher Überquerungshilfen hatte der Landesbetrieb Mobilität in Annweiler, Sarnstall und Rinnthal eigens für die Sperrzeit eingerichtet. Und tatsächlich: Es dauert keine 15 Sekunden, bis das Ampelmännchen grün aufleuchtet. „Jetzt ist es gut, am Anfang war die Zeit zum Drüberlaufen noch zu kurz“, bemerkt die Dame, als sie mit ihrem Rollator gerade den Bordstein auf der anderen Straßenseite erreicht, bevor die Ampel wieder auf rot springt.
Wobei vor Ort viele wirklich dankbar für das sind, was die Polizei hier leistet. Jeden Tag stehen vereinte Kräfte sowohl von Landauer als auch von Pirmasenser Seite entlang der B10, um das Lkw-Aufkommen im Zaum zu halten und den unerlaubten Transitverkehr wieder zurück auf die vorgesehene Autobahnumleitung zu schicken.
Bis zur Halbzeit wurden 1476 Lkw kontrolliert, davon 673 beanstandet. Testweise stand für drei Tage ein Enforcement-Trailer – ein spezieller Lkw-Blitzer – an der B10 bei Birkweiler. Die Daten werden aktuell ausgewertet. Weil das alles aufwendige Handarbeit ist, ist ein weiterer Einsatz des Geräts vorerst nicht geplant, wie Thomas Sewohl von der Polizeidirektion Landau berichtet, der die B10-Kontrollen leitet.
Polizei drückt beim Schwerverkehr aufs Tempo
Trotzdem kann schon gesagt werden: Der Lkw-Verkehr hat durch die hohe Kontrolldichte seit Beginn der Sperrung deutlich abgenommen. Waren anfangs noch mehr als die Hälfte der Laster unberechtigt auf der Strecke unterwegs, ist es inzwischen nur noch knapp ein Drittel. Und das bestätigen nicht nur die Zahlen der Polizei, sondern auch die Wahrnehmung der Menschen vor Ort.
Dafür sehen die ein anderes Problem, das sich immer mehr aufdrängt: die Raser in der 30er-Zone. „Unzählige Zugmaschinen fahren mit Höllenlärm und weit überhöhter Geschwindigkeit“, ist der Eindruck von Anwohner Martin Graf aus Annweiler. Aber nicht nur die, sondern auch Autofahrer. „Selbst wenn ich nachts unterwegs bin, wird gehupt und ganz nah aufgefahren, weil ich mich eben an die 30 halte“, berichtet Zeitungsausträgerin Rita Hartmann. Mehrere Annweilerer monieren gegenüber der RHEINPFALZ, dass es viel zu wenige Tempokontrollen gebe – und in der Trifelsstadt bisher gar keine seit der Sperrung.
Neues Reizthema: die Raser
Auf Nachfrage bei der Polizei bestätigt sich dies jedoch nicht so ganz. In den ersten vier Wochen hat die Polizei immerhin schon zwölfmal Tempokontrollen gemacht: vier in Rinnthal, zwei in Sarnstall, drei in Annweiler und drei in Queichhambach. Anlass seien Bürgerbeschwerden und die eigene Wahrnehmung der Polizei gewesen, erklärt Sewohl. Dabei habe die Polizei sowohl ihr Radarfahrzeug genutzt als auch Handlasermessgeräte gezielt an den Beschwerdestellen eingesetzt. Von 2893 gemessenen Fahrzeugen waren 304 zu schnell – also rund 10 Prozent. Die meisten im geringfügigen Bereich, 31 von ihnen hatten mehr als 15 Sachen zu viel drauf. Der unrühmliche Spitzenreiter kam auf 59 km/h in der Rinnthaler 30er-Zone.
Mehr zur B10 im interaktiven Zeitstrahl
Erleben Sie die Pfälzer Verkehrsachse, die die Gemüter wie keine andere bewegt. In unserem multimedialen Zeitstrahl finden Sie alles rund um die Geschichte der B10, deren Ausbau und die Debatten darum – vom Ursprung der Straße im 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart und zukünftigen Plänen. Sie finden diesen unter rheinpfalz.de/b10ausbau
