Dernbach
Der 140-Tage-Ortschef: Bald dritte Bürgermeisterwahl in einem Jahr
Was sich seit der Kommunalwahl im vergangenen Jahr in dem Pfälzerwald-Dorf Dernbach abspielt, ist ebenso kurios wie bedauerlich. 15 Jahre hatte Harald Jentzer die Geschicke des Ortes in der Hand. 2024 war damit Schluss. Eine vierte Amtszeit wolle er nicht, stattdessen wieder mehr Zeit für sich und seine Familie haben, begründete der Parteilose seine Entscheidung. Mit Daniel Hatscher hatte sich zwar ein Kandidat für seine Nachfolge gefunden, doch dieser warf schon vor der eigentlichen Wahl den Bettel hin. Weil die Bürger aus formalen Gründen trotzdem noch im Juni zur Wahlurne gebeten worden waren, fuhr er mit 65 Prozent Nein-Stimmen entsprechend eine Nicht-Wahl ein. Ein neuer Aspirant war nicht in Sicht. Im August schließlich warf Dieter Broll seinen Hut in den Ring. Er wollte seine Heimatgemeinde nicht dem Schicksal einer Fremdverwaltung durch die Verbandsgemeinde Annweiler überlassen, hatte der politische Quereinsteiger angeführt.
Doch schon das Wahlergebnis ließ erahnen, dass es für ihn nicht leicht werden würde. Denn 58 Prozent Ja-Stimmen lassen nicht auf ungeteilten Rückhalt in der Bevölkerung schließen. Viereinhalb Monate übernahm er das Amt. Bis er am 24. Februar seinen Rücktritt erklärte. Unstimmigkeiten im Dorf hätten ihn zu seinem Entschluss bewogen. Zunehmend seien Themen nicht mehr sachlich, sondern persönlich angegangen worden. Diesen Zustand sei er nicht bereit, weiter mitzutragen. Der Gemeinderat wurde von dem Schritt überrumpelt, hatte erst kurz vor der Sitzung durch die RHEINPFALZ von der Amtsniederlegung am Vortag erfahren. Und nun?
Zwei Straßen, die die Meinungen spalten
Bereits in der letzten Legislaturperiode bahnte sich der Unmuß an, der nun zum Rücktritt Brolls führte. Zumindest sieht es der ausgeschiedene Kurzzeit-Ortschef so. Das Dorf sei inzwischen in zwei Lager gespalten, sagt er. Auf der einen Seite stehe die alte Riege rund um seinen Vorgänger Jentzer - der zwar den Bürgermeisterposten an den Nagel gehängt hat, aber weiterhin als Ratsmitglied die Dorfpolitik mitgestalten will. Auf der anderen eine Interessengemeinschaft (IG), die sich 2023 bildete, nachdem der Gemeinderat eine Entscheidung traf, die vielen Anwohnern am Ortsrand sauer aufstieß. Hintergrund sind die Pläne für ein Neubaugebiet und in diesem Zuge die Erschließung der bestehenden Straßen „Im Bruch“ und „Am Berg“.
Jentzer sah und sieht darin ein bedeutendes Projekt zur Ortsentwicklung. Die Anwohner sehen darin hingegen nur einen enormen finanziellen Aufwand, den sie tragen müssten. Da es sich nicht um einen Ausbau, sondern eine Ersterschließung handelt, kommt hier keine solidarische Kostenverteilung über Wiederkehrende Beiträge infrage, sondern nur die betroffenen Anwohner würden zur Kasse gebeten. Deren Aufschrei war – wenig verwunderlich – groß. Das Ganze gipfelte darin, dass kurz vor der Kommunalwahl eine Wählergruppe um die IG in Erscheinung trat, damit das traditionelle Mehrheitswahlprinzip im Ort aussetzte und schließlich drei der sieben Ratssitze gewann.
Broll Mitglied der Interessengemeinschaft
Nun muss man wissen, dass Broll Anwohner besagter Straße und Mitglied jener IG ist. Und sein Engagement auch nach der Vereidigung als Ortsbürgermeister nicht beendet hat, wie er gegenüber der RHEINPFALZ sagt. Im gleichen Atemzug betont er, dass er seine Kandidatur nie in Verbindung mit der Straße gesehen habe. „Ich habe mich immer als Bürgermeister für die gesamte Dorfgemeinschaft verstanden und den neuen Rat gebeten, dass wir als Team agieren.“ Doch Unterstützung und Vertrauen habe er von der alteingesessenen Riege nicht erfahren, ist seine Ansicht.
Fragt man den Amtsvorgänger dazu, wird dieser wortkarg. Öffentlich wolle er weder die Causa Broll noch seine Haltung zu der IG kommentieren, lässt Jentzer wissen, als die RHEINPFALZ ihn nach dem Rücktritt Brolls kontaktiert. Hat jenes Thema für Auseinandersetzungen gesorgt, die einen Keil in die Dorfgemeinschaft trieben? So drastisch sehe er die Situation nicht, reagiert Jentzer auf die von Broll geäußerte Kritik. Es habe sich eben eine Interessengemeinschaft gebildet, die Stimmung gemacht habe. Daraufhin habe er im letzten Frühjahr eine Einwohnerversammlung einberufen, bei der „Dinge richtig gestellt wurden“.
Dieser Tropfen brachte Fass zum Überlaufen
Richtigstellungen waren letztlich auch der Tropfen, der aktuell das Fass zum Überlaufen brachte. Mit zwei Absätzen in seinem letzten „Bürgerbrief“ hatte Broll zwei wichtige Vereine erzürnt: Feuerwehr und Heimatverein. Er habe falsche Tatsachenbehauptungen aufgestellt und die Passagen auch nicht vorab mit ihnen abgestimmt, kritisierten sie gegenüber der Verwaltung. Broll hingegen ist sich keines Fehlverhaltens bewusst, mit seinen Worten habe er niemanden diffamieren wollen. Als Bürgermeister müsse man doch auch negative Aspekte ansprechen dürfen, findet er. Nach jenen Reaktionen zog er die Reißleine. Jentzer, vormalig Vorsitzender des Heimatvereins, entgegnet abgeklärt: Wenn nicht korrekte Angaben veröffentlicht würden, habe der Betroffene das Recht auf Richtigstellung. Davon sei hier Gebrauch gemacht worden. „Und das Bürgermeisteramt ist nun mal nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen.“
Letztlich offenbarten jene Fälle, dass die Auffassungen inzwischen so weit auseinander liegen, dass keine gütliche Übereinkunft und Zusammenarbeit mehr möglich erschien. Die Konsequenz: Dernbach ist kurz nach der zweiten Bürgermeisterwahl erneut ohne Steuermann. Sowohl Broll als auch Jentzer sehen keine Rückkehr ins Amt. „Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht schnell hinschmeiße. Wenn aber der Punkt erreicht ist, an dem es nicht mehr weitergeht, dann ziehe ich das durch“, sagt Broll. Und auch Jentzer hält fest: „Ich will nicht mehr antreten. Das habe ich schon im Januar 2024 angekündigt. Das gilt weiterhin, alles andere wäre inkonsequent.“
Wann ist Neuwahl?
Aktuell vertritt der Erste Ortsbeigeordnete Sigfrid Knapp die Gemeinde. „Dieser steht in Verbindung mit der VG für die Terminierung einer nunmehr notwendigen Neuwahl“, berichtet Verbandsbürgermeister Christian Burkhart (CDU). Ein Termin solle in der nächsten Ratssitzung am 1. April beschlossen werden. Dann werden die Bürger wieder zur Wahlurne aufgerufen. Falls sich nach all dem Hin- und Hergezerre überhaupt noch ein Kandidat findet.
