Pfälzerwald / Maikammer
4000 Kilometer, kein Zelt: Extremwanderer Gerald Klamer in der Pfalz
Grauer Himmel hängt über der Kalmit. Über den Freisitz weht frischer Wind. Der höchste Berg des Pfälzerwalds hätte einladenderes Wetter bereithalten können, wenn er schon mal Besuch vom Wanderförster der Nation bekommt. Aber Gerald Klamer sind solche Befindlichkeiten eh fremd. Er streckt unter der Holzbank die Füße hervor. Gehüllt sind sie in graue Trailrunning-Schuhe, nicht mehr ganz taufrisch, eher Kategorie: haben einiges gesehen. „Die will ich jetzt bis zum Ende durchlaufen“, sagt er und grinst. Ein Paar nur, für 4000 Kilometer in 99 Tagen quer durch Deutschland. Von Angermünde bis Berchtesgaden.
Der drahtige Ex-Förster hat schon etliche Kilometer in den Beinen, als er auf dem 673 Meter hohen Gipfel ankommt, mit Rucksack, Wanderstöcken, einem breiten Lächeln inmitten sonnengegerbter Haut – und diesem Blick, der selbst im schönsten Wald nicht nur Bäume sieht, sondern Spuren und Schieflagen. Fünf Jahre nach seiner 6000-Kilometer-Tour durch Deutschland läuft Klamer wieder quer durchs Land. Diesmal ist es zwar etwas kürzer, dafür schrubbt er jeden Tag mehr Kilometer – 41 Kilometer im Durchschnitt, wie er extra für uns noch mal seine persönliche Statistik durchgegangen ist. Denn natürlich kommt er wieder in der Pfalz vorbei – diesmal aber mit einem anderen inneren Motor als 2021. Aber dazu kommen wir später.
Ein Weinsteig zum Verlieben
Die Pfalz ist für ihn ohnehin nicht bloß eine Gegend, durch die man halt mal durchmarschiert. Vor allem der Pfälzer Weinsteig, den er davor noch gar nicht kannte, hat es ihm angetan. „Der ist eine tolle Überraschung, einer meiner Favoriten bislang“, sagt er. Rheinland-Pfalz gehöre landschaftlich zu den schönsten Wanderregionen überhaupt, bemerkt er. Ohne Schleimspur, wohlgemerkt. Der 59-Jährige ist viel rumgekommen, hat halb Deutschland und zudem weltweit etliche Wege unter den Sohlen gehabt. Wenn so einer den Pfälzerwald lobt, können wir uns schon mal stolz und selig lächelnd auf die Schulter klopfen.
Sein Alltag unterwegs ist straff durchgetaktet. Mit dem typischen Wandermittwoch hat diese Art des Laufens rein gar nichts zu tun. Der Wecker klingelt um 5.30 Uhr, wenn’s noch stockduster ist. Die Zimmerleuchte anknipsen? Das geht dann nicht, denn meistens schläft Klamer draußen – irgendwo im Wald, einfach auf der Erde, unter freiem Himmel. Ohne Zelt, Plane nur bei Regen. Allein Isomatte und leichter Schlafsack. „Mein Cowboy-Camp“ nennt er es, und das sei ihm am allerliebsten. Auch wenn das mal bedeutet, dass man bei weit unter minus 10 Grad im Schnee übernachtet – so wie es ihm zum Start seiner Deutschlandtour im Februar erging. Und sich freut, wenn man dann noch eine Ansitzkanzel entdeckt. „Da bin ich hochgeklettert und habe mich irgendwie reingefaltet“, erinnert er sich. Ausgestreckt schlafen ging nicht, dafür war das Ding zu klein.
12 Stunden auf den Beinen, 41 Kilometer am Tag
Gegen 6.30 Uhr läuft er los, und dann marschiert er im Grunde den ganzen Tag, ohne großes Bohei, ohne lange Pausen, meist 12 Stunden am Stück. Laufen, Schlafplatz suchen, essen, schreiben, weiterlaufen. Solche Sätze erzählt er trocken, fast beiläufig. Klamer ist keiner dieser Outdoor-Propheten. Keiner, der sich dauernd selbst beim Extremsein zuschaut. Lieber beobachtet er die Welt um sich herum, will Leute und Geschichten kennenlernen.
Denn unterwegs trifft er immer wieder Menschen, die ein Stück mitlaufen. Heute ist das zum Beispiel Günter aus Mannheim, Wanderleiter beim Deutschen Alpenverein. Mit ihm ging es am Vormittag von Neustadt bis hierauf auf den Gipfel – und am Nachmittag weiter bis „... irgendwo im Wald bei Weyher wird das wohl sein“, überlegt Klamer. Wieder mal herrlich unprätentiös. Er legt sich die Etappenziele eben nicht nach Aussichtspunkten, sondern nach Wegstrecke fest.
Begegnungen statt bloßer Kilometer
Beim Marsch Seit an Seit bleibt’s dann nicht beim Smalltalk über Schuhe und Steigung. Jeder bringt auch ein eigenes Thema mit, Günters war etwa bezahlbarer Wohnraum. Besonders in Erinnerung geblieben ist Klamer eine Unternehmerin, die ihn zu Beginn seiner Tour begleitete. Sie entwickelt umweltverträgliche Schiffslacke. Klingt erst mal nach ziemlicher Spezialnische. „Aber das war voll interessant.“ Denn der Lack sorge für eine glattere Oberfläche, und dadurch kämen die Schiffe schneller und so auch mit weniger Treibstoff voran – 5 bis 20 Prozent. „Es ist toll, dass es auch heute noch so innovative und hoffnungsgebende Beispiele aus Deutschland gibt“, findet Klamer.
Denn genau solche Begegnungen sucht er auf seiner Tour – die diesmal den Titel „Weg der Hoffnung“ trägt. Was erst mal ein bisschen nach Kalenderspruch duftet. Bei Klamer klingt es aber anders. „Hoffnung muss sich immer auf Fakten gründen“, sagt er. Er habe im vergangenen Jahr viele politische Podcasts gehört. „Und mein Eindruck war, dass die allgemeine Stimmung schlecht ist.“ Überall würden Krisen analysiert, Probleme durchgekaut, aber es gebe keine Empfehlung, wie man die Dinge besser machen kann. Genau dazu habe er ein Gegengewicht setzen wollen.
Bitte keine Verspargelung der Landschaft
Dass er trotzdem nicht mit rosa Wanderbrille durch die Gegend läuft, merkt man in der Pfalz schnell. Den Weinsteig feiert er, der Pfälzer Höhenweg kommt dagegen gar nicht gut bei ihm weg. Zu viele Windräder und Freiflächen-PV-Anlagen, die alles verschandelten, befindet er. Dabei ist Klamer klarer Befürworter von Solar- und Windenergie. „Nur eben nicht bis in die letzte Ecke.“ Die Technik sei inzwischen so weit, dass man dafür nicht auch noch jede sensible Höhenlage zustellen müsse. „Und ich finde es sehr gut, dass das Biosphärenreservat Pfälzerwald davon freigehalten wird“, sagt er.
Aber jetzt erst mal weiter. Günter wartet schon.
Klamers Blog
https://wegderhoffnung.blogspot.com/
Gerald Klamers Route durch die Pfalz
