Kusel
Zunftbaum: Seit drei Jahrzehnten überragend und seit der Jahrtausendwende wurmfrei
Irgendwo in den Tiefen der aufgelassenen Geschäftsstelle der Kreishandwerkerschaft staubten einst uralte Zunftzeichen vor sich hin. Die Schilder waren es, die damals eine Idee haben zünden lassen. Dass der gute Gedanke in die Tat umgesetzt wurde, ist nun drei Jahrzehnte her: 1993 ist der Kuseler Zunftbaum auf dem Kochschen Markt aufgestellt, damit einhergehend der Hut in die Höhe gehievt worden. Was sich heute in den Himmel erhebt und die meisten Dächer der Innenstadt überragt, ist indes schon ein „Ersatzbaum“. Denn einmal wäre das Prunkstück ums Haar gefallen und der Blechzylinder womöglich aufs Pflaster geplumpst.
Die Initialzündung hatte Gerhard Berndt geliefert. Der frühere Bauunternehmer war es, der die Zunftzeichen in den gegen Ende der 1980er Jahre verwaisten Räumen der Handwerkerschaftsgeschäftsstelle in der Bangertstraße entdeckt hatte. Die Zeichen waren da schon gut und gerne ein halbes Jahrhundert alt und wohl mal dafür gedacht, an einem Umzugswagen zur Herbstmesse präsentiert zu werden.
Der Baum aber sollte neue Symbole der Handwerkszünfte erhalten. Die wurden deshalb eigens gefertigt von Schülern der Berufsbildenden Schule, die unter der Ägide des Lehrers Manfred Loos Hand anlegten. Malerbetriebe verpassten den 14 Stahlblech-Symbolen den passenden Farbton. Inzwischen trocknete auch schon aus Gehölz vor sich hin: Die stattliche Douglasie – gestiftet vom Forst – war bereits aus der Winterhelle gezerrt. Bei der Baufirma Jung war sie geschält und zur Trockenruhe gebettet worden. Einstweilen war der spätere Standplatz erst im Entstehen; so wurde etwa an der späteren Tiefgarage noch fleißig gewerkelt. Als die dann fertig war, galt es noch, eigens ein Fundament für den Zunftbaum einzubauen.
Übergabe an die Stadt gerät zum Volksfest
Mithin war aufwendige Vorarbeit zu leisten, ehe der große Moment folgen konnte: Von der Idee bis zur feierlichen Aufstellung sollten gut vier Jahre ins Land ziehen. 1993 aber war es schließlich soweit: Am 23. April wurde der Baum in die Senkrechte gewuchtet. Tags darauf sollte die symbolische Übergabe des neuen Wahrzeichens an die Stadt mit einem Fest gefeiert werden. Was dann allerdings auf dem neu gestalteten Areal der früheren Kochbrauerei abging, ließ so manchem dem Mund offenstehen: Zwar hatte die Kreishandwerkerschaft gehörig die Werbetrommel gerührt. Dass die „Einweihung“ aber derartige Volksfest-Dimensionen annehmen sollte, hatte in diesem Ausmaße niemand erwartet.
Mit den Bau-Größen Berndt und Karl Jung, Friedrich Beck und den Verkehrsvereinsverantwortlichen sowie Berufsschulleiter Helmut Hermes strahlte neben vielen Handwerkern auch der Kreis-Handwerksmeister um die Wette: Heiner Mühlhan aus Kusel, der viele Jahre die Handwerkerschaft im Kuseler Land geführt hat, war einer der Motoren des Projekts, das mit der Aufstellung des mitsamt Hut 23,5 Meter hohen Baumes seinen Abschluss gefunden haben sollte. Denn das Befestigungsscharnier, das den mächtigen Stamm unten am Boden fest umschließt, sollte eigentlich nicht mehr geöffnet werden. Es kam allerdings anders.
Denn im verflixten siebten Jahr drohte das Aus. Mit Schrecken hatten die Fachleute feststellen müssen, dass sich der Holzwurm am Zunftbaum gütlich getan hatte. Auch der Zeitpunkt passte gar nicht: Weil die Herbstmesse bevorstand, sollte der Baum umgehend entfernt werden – allein aus Sicherheitsgründen schien es nicht möglich, angesichts der nun bekannten Gefahr die Messegäste durch die Stadt flanieren zu lassen.
Tatsächlich wurde der Baum im September des Jahres 2000 entfernt. Aber: Er schien sich zu sträuben. Versuche schlugen fehl, mithilfe der Feuerwehr-Drehleiter den Hut abzunehmen und den Stamm Stück für Stück abzusägen. Rettung nahte schließlich in Form eines großen Krans, den ein Schausteller anrollen ließ, um ein Fahrgeschäft aufbauen zu lassen.
Zweiter Baum noch ein Stückchen höher
Inzwischen waren schon Weichen gestellt und Ersatz aufgetan worden. Baum Nummer zwei – ebenfalls aus der Winterhelle – wurde ins Pflaster gepflanzt. Und dort steht er bis heute. Der neue ist sogar noch ein Stückchen höher, misst nun bis zur Zylinder-Oberseite knapp über 26 Meter.
Diese Höhe kann sich im pfälzischen Vergleich sehen lassen: Nicht von ungefähr verwiesen die Initiatoren von einst beim 20. „Zunftbaum-Jubiläum“ im Jahr 2013 darauf, dass der Kuseler Baum sogar höher sei als die etwa in Neustadt und Speyer. Der Zunftbaum an der Weinstraße bringt es auf 16 Meter, dem in Speyer fehlt mit 18 Metern Höhe immer noch ein respektabel großes Stück bis zum Kuseler Hut.