Kreis Kusel
Wolf contra Kulturlandschaft: Tierhalter warnen vor Verbuschung und Folgekosten
Hans Göttel ist Landwirt und bewirtschaftet den Wellesbacherhof zwischen Matzenbach und Neunkirchen. Gut 60 Kühe grasen ab dem Frühjahr wieder auf den Weiden um den Hof. Gemeinsam mit Sohn Matthias Göttel und den Landwirten Marvin Paetsch (etwa 35 Kühe) und Katja Demler (50 Schafe) aus Fockenberg-Limbach zählt Göttel auf, was ihn an der Rückkehr des Wolfes stört und was der Region aus ihrer Sicht droht.
Große Betriebe wachsen. Kleine hören auf. „Nur wenige Tierhalter sind Weidetierhalter“, sagt Hans Göttel. Großen Milchviehbetrieben sei der Wolf herzlich egal, da die Tiere ohnehin den ganzen Tag oder zumindest die Nacht im Stall verbringen würden. „Die Großbetriebe wären sogar noch froh, wenn wir kleinen Bauern aufhören, weil sie dann Wiesen aufkaufen können, um dort Futter zu machen.“ Förster und reine Landwirte – ohne Tiere – würden sich ebenfalls über den Wolf freuen, ergänzt Matthias Göttel: „Ein Wolf in der Gegend heißt weniger Rehe und weniger Wildschweine. Also auch weniger Fraß- und Flächenschäden.“
Die Politik sendet unterschiedliche Signale. Katja Demler zeigt sich verwirrt: „Auf der einen Seite wird die Weidetierhaltung für Betriebe gefördert und bei uns Biobetrieben auch gefordert, andererseits wird die Weidehaltung durch den Wolf sehr aufwendig.“ Ihre Schafe seien fast das ganze Jahr über an der frischen Luft, nur im Winter zum Ablammen im Stall. Momentan halte vermutlich nur ein Wolf die Tierhalter auf Trab, „aber wie sieht das bei einem Rudel aus?“. Sollte eines hier heimisch werden, könnte niemand mehr ruhigen Gewissens seine Schafe über Nacht auf der Weide lassen. Manche Schäfer hätten zudem überhaupt keine Möglichkeit, all ihre Tiere nachts einzustallen, weil sie von Fläche zu Fläche wandern. Paetsch fragt: „Was will die Politik? Tiere auf Weiden oder im Stall?“
Ein Wolf verursacht viel Tierleid. Die meisten Tierhalter gehen sehr verantwortungsbewusst mit ihren Tieren um, sagt Hans Göttel – ob es Schafe, Ziegen oder Kühe sind. Jeder versuche, die Tiere bis zur Schlachtung ordentlich zu behandeln und ihnen ein möglichst gutes Leben zu ermöglichen. Göttel: „Und dann kommt ein Wolf, tötet immer mehrere Tiere und verletzt andere. Diese Tiere leiden.“ Demler ergänzt: „Wenn ein Wolf den Herdenschutzzaun überwindet, haben die Schafe drinnen keine Chance mehr, rauszukommen.“ Ohne Herdenschutzzaun könnten die Schafe vielleicht noch flüchten – „aber rennen dann auf eine Straße und verursachen einen Unfall“, zeichnet Matthias Göttel als ein mögliches Szenario. Selbst ohne Unfall sei es für den Tierhalter mehr Arbeit, weil er die Herde wieder einfangen muss. Deshalb könne ein Wolf auch für Kuhhalter ein Problem werden: wenn eine Herde vor lauter Panik ausbüxt.
Die Landschaft wird sich verändern. Gerade Schafhalter, aber auch kleinere Mutterkuhbetriebe haben einen großen Anteil an der Kulturlandschaft, zeigen sich die vier überzeugt. Matthias Göttel: „Große, gut mit Traktoren befahrbare Wiesen kriegt man immer verkauft. Aber was passiert mit Streuobstwiesen, in die die großen Maschinen nicht passen, und mit steilen Hängen?“ Momentan gebe es in vielen Dörfern noch Tierhalter, die solche Flächen mit ihren Schafen und Kühen freihalten. Demler: „Da werden, wenn jetzt Landwirte wegen des Wolfs aufhören, etliche Flächen verbuschen und zuwachsen oder aufgeforstet.“
Folgekosten sind noch nicht eingerechnet. Wenn verhindert werden soll, dass sich die Kulturlandschaft verändert, weil Schafhalter aufhören und in der Folge Hänge verbuschen, „wird es in einigen Jahren Prämien vom Land geben, dass bestimmte Flächen freigehalten werden“, vermutet Matthias Göttel. So wie beispielsweise zur Landschaftspflege der Rheinauen Schafe und Ziegen eingesetzt werden. Hans Göttel pflichtet bei: „Wir kleinen Betriebe machen hier die Landschaftspflege.“
Deutlich mehr Aufwand durch den Herdenschutz. Dass im Präventionsgebiet verschiedene Zaunvarianten finanziell gefördert werden, sei eine gute Sache. Allerdings sei es mit der Anschaffung alleine nicht getan. Fest-, Semimobil- und Mobilzäune müssten auch aufgebaut werden. „Und im Frühjahr, wenn alles wächst, ständig kontrolliert und freigeschnitten werden“, sagt Hans Göttel. Bei 60 Hektar Wiesen und Weiden und mehreren Kuhherden sei das nicht zu leisten – da helfe die finanzielle Entschädigung für die Unterhaltung der Zäune wenig. Paetsch: „Da musst du alle zwei Wochen mähen, damit immer Strom auf der Litze ist.“
Bürokratie erschwert die Arbeit. Nicht nur die ohnehin vorhandene Bürokratie, mit der jeder Landwirt zu kämpfen habe, stört die vier Tierhalter. Starre Regelungen machten es zusätzlich umständlich, mit dem Wolf umzugehen. Demler nennt ein Beispiel: „Ich nutze für meine Schafe meistens Mobilzäune. Die muss ich von Hand stellen – und ich hab mir vor einiger Zeit meine Netze neu gekauft. 1,10 Meter, also von der Höhe her wolfsicher.“ Allerdings sei die unterste stromführende Litze des Netzzauns nicht auf 20 Zentimetern Höhe, wie es bei einem sogenannten wolfsabweisenden Grundschutz vorgeschrieben ist, sondern auf 21 Zentimetern. Demler: „Muss ich deswegen jetzt einen komplett neuen Zaun kaufen?“ Aus ihrer Sicht ergebe das keinen Sinn.
Große Kosten für ein einziges Tier. Der Kreis Kusel sowie Teile des Kreises Kaiserslautern und des Donnersbergkreises sind nun Präventionsgebiet. „Da kommt ganz schön was an Kosten zusammen, selbst wenn die Tierhalter nur bestimmte Flächen vorschriftsmäßig gegen Wölfe sichern wollen“, sagt Matthias Göttel. „Letztlich zahlen das die Steuerzahler.“ Dabei gebe es aus seiner Sicht drängendere Probleme in Deutschland zu lösen.
Paetsch kritisiert, dass die Politik bei vielen Entscheidungen die Folgen nicht genügend bedenke. Gerade bei älteren Landwirten könne der Wolf und der damit verbundene Aufwand dafür sorgen, „dass sie schneller aufhören, als es ihr Plan war“. Alle anderen müssten sich darauf einstellen, dass der Wolf in der Westpfalz bleibt. Hans Göttel fragt: „Wer braucht den Wolf?“ Wer sich für ihn ausspreche, solle auf den Aufwand bezahlen.