Glanbrücken
Winterlauf ohne Risiko: Die Pech-Regel, das richtige Schuhwerk und angepasstes Training
Dass Lauftherapeut Günther Bergs keine Gnade kennt, habe ich in den vergangenen Monaten mehrfach erfahren und berichtet. Also starte ich an diesem eisigen Morgen schon gar keinen Versuch mehr, über Whatsapp nachzufragen, ob wir bei dem Wetter überhaupt laufen gehen können. So ein bisschen Schnee, Eis und eine Temperatur von minus acht Grad halten doch echte Läufer nicht auf ...
Bergs begrüßt mich schmunzelnd: „Jetzt ist die große Frage: Wie abenteuerlich sind Sie eingestellt?“ Außerordentlich abenteuerlich natürlich! Außerdem habe ich mich ohnehin schon ins eisige Auto gesetzt und bin in den Nachbarort gefahren. Jetzt gibt’s kein Zurück mehr! Nun ist Bergs zwar Läufer mit Leib und Seele, aber auch Fachmann für die Sportart: „Wir schauen uns die Lage auf dem Radweg an. Wenn es zu glatt ist, tun wir uns das nicht an.“ Denn als Laufanfänger kann ich nicht auf eine breite Auswahl an Schuhen zurückgreifen. Bergs: „Bei dem Wetter sind Trailschuhe mit einem tiefen Profil die erste Wahl, quasi die Winterreifen eines Läufers.“ Ich bin also mit Sommerreifen unterwegs.
Im Falle alles Falles ist Pech wichtig
Tatsächlich ist die Verletzungsgefahr bei der Witterung höher, spricht der Trainer das Offensichtliche aus. Das Wissen und die Ausrüstung geübter Läufer fehlen mir. „Deswegen sind wir gemeinsam unterwegs“, betont Bergs. So harte Wetterbedingungen wie an diesem Tag sind in unseren Breiten ohnehin sehr selten: „Wir könnten es uns ohne Probleme leisten, eine mehrtägige Pause einzulegen. Das würde den Trainingsfortschritt nicht schmälern.“ Schlimmer sei eine Verletzung, die das Sporttreiben für mehrere Wochen ausbremst.
Nicht nur bei Eis und Schnee sei es wichtig, die Pech-Regel zu kennen – und nach einem Sturz, falls nötig, anzuwenden. Pech steht in diesem Fall für:
- P: Pause. Nicht weiterlaufen, das verletzte Körperteil schonen.
- E: Eis. Das verhindert eine starke Schwellung und lindert Schmerzen. Doch Obacht: Zu kalt sollte es auch nicht sein.
- C: Compression. Druckverband anlegen hilft gegen Schwellungen und Blutergüsse.
- H: Hochlegen. Um den Blutfluss zu verbessern, sollte das betroffene Körperteil hochgelegt werden.
Schmerzmittel bei Verletzungen
Damit könne ein erfahrener Läufer sich oft selbst helfen, sagt Bergs: „Wer die Pech-Regel nach einem Unfall konsequent befolgt, kann die Ausfallzeit deutlich verringern.“ Wenn die Schmerzen über Tage anhalten, sehr stark sind oder die Unsicherheit zu groß ist, dann führt kein Weg an einem Arztbesuch vorbei. „Viele sind beruhigt, wenn die betroffene Stelle untersucht wurde und sie wissen, dass nix am Knochen ist“, weiß Bergs aus Erfahrung. Dann bleibe auch aus Sicht eines Mediziners neben Schmerzmitteln nur der Einsatz der Pech-Regel.
Wären solche Medikamente nicht auch etwas für den Laufanfänger der RHEINPFALZ, der ja nach einigen Laufminuten an der Achillessehne oder im Schienbein Schmerzen spürt? Das lehnt Bergs entschieden ab: „Auf keinen Fall sollten wir solche Rückmeldungen vom Körper ignorieren und Schmerzmittel nehmen. Die nutzen wir nur, wenn eine Verletzung da ist und Entzündungshemmung wichtig ist. Aber nicht prophylaktisch.“ Das habe im Sport keinen Platz – auch wenn der Einsatz zumindest im Laufsport nicht verboten sei. Bergs: „Wenn ich eine Verletzung habe, pausiere ich mein Training und nehme auf ärztlichen Rat hin auch Schmerzmittel.“
Nach der Pause nicht volle Power weitermachen
Für die Zeit nach einer Verletzungspause weiß der Lauftherapeut ebenfalls Rat: „Der Fuß darf nicht mehr dick sein und ich sollte nicht gleich loslaufen. Erst einmal spazieren gehen und darauf achten, wie sich die verletzte Stelle verhält.“ In sich hineinhorchen sei wichtig – und erst nach zwei, drei Spaziergängen wieder loslegen.
Schön, denke ich mir, dass wir gerade jetzt so ausführlich über Verletzungen gesprochen haben. Denn auf dem Radweg gibt’s einige wirklich glatte Stellen. Deshalb plant Lauffuchs Bergs die Trainingseinheit so, dass wir an den gefährlichen Passagen gehen und im Schnee laufen. Also keine Zwangspause! Die winterlichen Trainingseinheiten in den vergangenen beiden Wochen haben übrigens beide, Meister und Schüler, verletzungsfrei überstanden.
Die Serie
In der Reihe „Laufen, ohne zu schnaufen“ gibt RHEINPFALZ-Redakteur Benjamin Ginkel Einblicke in sein Lauftraining mit Lauftherapeut Günther Bergs. Ziel ist es, im Januar eine halbe Stunde ununterbrochen laufen zu können.
In der Serie bereits erschienen sind
Teil 6: Kleine Schritte, kurze Strecke: Ein Laufanfänger ringt mit der Motivation
Teil 5: Kalt? Egal! Warum Dehnen vorm Joggen nicht nötig ist
Teil 4: Lauftraining für Anfänger: Wenn der Fotograf schneller spaziert, als der Chef läuft
Teil 3: Waldboden in der Sohle: Was gute Schuhe für ein Lauftraining ausmacht
Teil 2: Glatzkopf-Trick und obdachlose Spinnen: Erste Lauftrainingseinheiten eines Sportmuffels
Teil 1: Treppe 1 – bgi 0: Wie ein Redaktionsleiter ins Lauftraining stolperte