St. Julian / Glanbrücken
Trainer weg, Plan weg? Jogging zwischen Waage und Wirklichkeit
Nicht nur Sie, liebe Leserinnen und Leser, haben den Laufanfänger aus der RHEINPFALZ-Redaktion über Wochen begleitet, auch Trainer und Lauftherapeut Günther Bergs war immer an seiner Seite. Unter der Woche sind wir zweimal gemeinsam unterwegs, fürs Wochenende gibt’s eine Hausaufgabe. Das hat sich eingespielt. Dachte ich jedenfalls.
Doch Bergs ist in den vergangenen beiden Wochen nicht da gewesen. Also stellte sich vorher die Frage, wie es nun alleine weitergeht. Zumal das Thema ohnehin schon sehr bald wieder aufploppen wird, wenn unsere gemeinsame Zeit endet. Also ist es doch eine gute Übung, zwei Wochen ohne Trainer auszukommen. Was soll ich sagen? Ich hab’s vermasselt.
Verschlafener Student statt hellwacher Trainer
Für die beiden Montagmorgenläufe ohne Trainer hab ich meinen Sohn aktiviert, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Während der 18-Jährige sich beim ersten Termin zunächst an mein eher gemächliches Tempo (Bergs: „Das gehen wir nach dem Urlaub an“) gewöhnen musste, war er nach einer halben Stunde Joggen sichtlich angestrengt. Montagmorgen gegen 8 Uhr ist für einen Studenten zugegebenermaßen eine fiese Zeit. Auch die nächsten Läufe – Donnerstag, Samstag, noch mal Montag – waren kein Problem.
Doch ausgerechnet diese Woche hab ich’s am Donnerstag nicht geschafft. Weil Bergs mir eingebläut hat, dass zwischen den Laufeinheiten eine Regenerationsphase von mindestens einem Tag liegen sollte – aufmerksame Leser erinnern sich an das Prinzip der Leistungssteigerung (erste Folge der Serie) –, bin ich wegen eines frühen Termins am Donnerstag ins Straucheln geraten. Statt den Lauf einen Tag vorzuziehen, wollte ich am Freitag laufen. Doch das geht natürlich nicht, weil für Samstag die Wochenendtour auf dem Programm steht und am Montag eines der letzten Treffen mit Bergs. Seufz. Künftig wird montags der Plan für die Woche gemacht.
Leserin kontra Waage
Achtung, harter Themenschnitt. Wir hatten diese Woche Besuch von einer netten Leserin. Zum Abschied schaut sie mich an, attestiert: „Sie sind schlanker geworden“ und verabschiedet sich freundlich. Den Kollegen gegenüber winke ich ab, denn meine Waage ist da anderer Meinung. Immerhin: Weihnachten hat sich nicht so sehr bemerkbar gemacht wie in vergangenen Jahren – trotz unserer Leser-Plätzchen-Aktion. Ich erkläre mir den Nicht-Gewichtsverlust außerdem mit einem massiven Muskelaufbau in meinen jetzt äußerst straffen Unterschenkeln. Doch da winkt meine Frau ab.
Dass sich mit Laufen Gewicht abnehmen lässt, hat mir Bergs vorm Urlaub noch erklärt: „In der Zeit, in der ich Sport treibe, ist der Kalorienverbrauch erhöht. Durch eine verbesserte Fitness kann ich längere Zeit Sport machen und das führt zu mehr Kalorienverbrauch.“ Abnehmen durch Sport sei also allein eine Frage des Trainingsfleißes – allerdings nichts, was in ein paar Monaten passiere. Er verdeutlicht: „Pro Kilometer mit etwa 70 Prozent Anstrengung, also moderates Laufen, wird ungefähr das eigene Körpergewicht in Kalorien verbraucht.“
Am Wochenende geht’s weiter
Wer dranbleibe und regelmäßige Laufeinheiten in seinen Alltag einbaue, der könne gut zehn Kilogramm in einem Jahr verlieren, sagt Bergs, und nennt noch weitere positive Effekte: „Beim Laufen verbrenne ich nicht nur Fett, die Leistungsfähigkeit steigt und auch das Bindegewebe wird verbessert.“ Die Erschütterungen beim Joggen regen die Kollagenbildung an, erklärt er. Das fördere die Durchblutung und mache die Faszien elastischer.
Und wenn wir schon beim Abnehmen sind: Der Lauftherapeut hält wenig davon, nur über eine Ernährungsumstellung abzunehmen. Bergs: „Da wird der Mensch nicht fitter. Die Versprechen aus der Werbung, dass man langfristig abnehmen kann, ohne regelmäßig Sport zu treiben, halte ich für unseriös.“ Er ergänzt: „Man muss sich quälen.“ Das tue ich am Wochenende. Nach einer ausnahmsweise besonders langen Regenerationsphase und vielleicht wieder mit dem Studenten. Wenn er ausgeschlafen hat.
Die Serie
In der Reihe „Laufen, ohne zu schnaufen“ gibt RHEINPFALZ-Redakteur Benjamin Ginkel Einblicke in sein Lauftraining mit Lauftherapeut Günther Bergs. Das Ziel, eine halbe Stunde ununterbrochen laufen zu können, hat er erreicht.
In der Serie bereits erschienen sind
Teil 8: Laufen wie ein Raubtier: Ein unerwarteter Erfolg beflügelt die Motivation des Anfängers
Teil 7: Winterlauf ohne Risiko: Die Pech-Regel, das richtige Schuhwerk und angepasstes Training
Teil 6: Kleine Schritte, kurze Strecke: Ein Laufanfänger ringt mit der Motivation
Teil 5: Kalt? Egal! Warum Dehnen vorm Joggen nicht nötig ist
Teil 4: Lauftraining für Anfänger: Wenn der Fotograf schneller spaziert, als der Chef läuft
Teil 3: Waldboden in der Sohle: Was gute Schuhe für ein Lauftraining ausmacht
Teil 2: Glatzkopf-Trick und obdachlose Spinnen: Erste Lauftrainingseinheiten eines Sportmuffels
Teil 1: Treppe 1 – bgi 0: Wie ein Redaktionsleiter ins Lauftraining stolperte