Steinbach RHEINPFALZ Plus Artikel Steinbach: Stolpersteine abgelehnt

Seit dem Jahr 2000 ganz auf die jüdische Geschichte ausgerichtet: das Museum in Steinbach.
Seit dem Jahr 2000 ganz auf die jüdische Geschichte ausgerichtet: das Museum in Steinbach.

Steinbach am Glan im Südkreis Kusel streitet um Gedenksteine für jüdische NS-Opfer. Eine Bestandsaufnahme zu einer sensiblen Diskussion.

Auf dem Foto steht Ruth Miller im Jüdischen Museum von Steinbach, einem kleinen Dorf im Kreis Kusel. Es ist Mai 2015, und sie und ihr Ehemann Steven Miller sind aus Israel zu einem Besuch im Heimatort des Urgroßvaters Emmanuel Mann angereist. Sie haben einen Thora-Vorhang mitgebracht, um ihn dem Museum zu schenken.

Es ist nicht der erste Besuch der Millers und auch nicht das erste Mal, dass sie Erinnerungen mit den Steinbachern teilen. „Wir können nicht vergessen, was die Nazis uns angetan haben“, sagt Ruth Miller. Aber das sei eine Sache, die Freunde in Deutschland seien die andere. „Und dass hier Erinnerungen geschaffen werden für die Menschen, die wir lieben.“

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Viele Erinnerungen

Erinnerungen sind in Steinbach allgegenwärtig und bei einem Dorfspaziergang zu erleben. Erinnerungen an jene Zeit, als der Ort kultureller Mittelpunkt einer großen jüdischen Landgemeinde war, die etliche Dörfer in der Nachbarschaft umfasste, darunter Brücken, Glan-Münchweiler, Börsborn und Gries. Heute liegen diese Dörfer alle in der Verbandsgemeinde Oberes Glantal.

Als kulturelles Zentrum hatte Steinbach eine jüdische Schule, eine Synagoge, ein Ritualbad und auch einen Friedhof, der noch existiert, obwohl er immer wieder Vandalismus ausgesetzt war. Steinbach war außerdem Heimatort jenes jüdischen Mitbürgers, der als Begründer der westpfälzischen Diamantindustrie gilt: 1888 hatte Isidor Triefus auf der Neumühle zwischen Brücken und Ohmbach die erste pfälzische Diamantschleiferei eröffnet, was zu einer Erfolgsgeschichte in der armen Region werden sollte.

Erst Gurs, dann Auschwitz

Bei der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zählte Steinbach schon nicht mehr so viele Mitbürger jüdischen Glaubens wie noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, als sie gut ein Drittel der Einwohner ausmachten. Ab dann waren sie, wie Tausende andere Pfälzer, ausgewandert, um vor allem in den USA ihr Glück zu finden. Von den 34 Juden, die 1932 noch in Steinbach gemeldet waren, blieben in Folge der Hetzjagd auf jüdische Mitbürger ab 1933 nur noch vier übrig: Emmanuel Mann, letzter Vorsteher der Kultusgemeinde, seine Töchter Hermine und Hedwig sowie deren Tochter Ruth. Ihre Adresse war ein Haus in der Hohlstraße, das heute noch existiert. 1940 wurden die Manns zunächst von den Nazis ins südfranzösische Lager Gurs verschleppt und danach im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Ein Thora-Vorhang als Geschenk: Ruth Miller im jüdischen Museum.
Ein Thora-Vorhang als Geschenk: Ruth Miller im jüdischen Museum.

Die Erinnerung hält in Steinbach unter anderem ein kleines jüdisches Museum wach, um das sich der Heimatverein Steinbach und Umgebung kümmert. Zu den Exponaten beigetragen haben auch Nachkommen von Holocaust-Opfern, wie die Millers aus Israel. Als bei der Kommunalreform die Verbandsgemeinden Waldmohr, Schönenberg-Kübelberg und Glan-Münchweiler zum Oberen Glantal fusionierten, wurden zudem zwei weitere Projekte initiiert, um das Zusammenwachsen zu fördern: ein Rundwanderweg Jüdische Kultur als Ergänzung des Projekts „Begehbares Geschichtsbuch“ sowie Stolpersteine, die in Glan-Münchweiler, Brücken und Steinbach verlegt werden sollen.

Auch Zeitzeugen gesprochen

Bei der Verbandsgemeinde kümmert sich Markus Bauer um dieses Projekt – und er ist Mitautor einer zweibändigen Dokumentation „Auf jüdischen Spuren im Oberen Glantal“, die akribisch und unter Mithilfe etlicher Zeitzeugen die Geschichte für die Nachwelt festhält. Zu den Co-Autoren zählt unter anderem der hochbetagte Josef Wintringer, ein Steinbacher und Ehrenmitglied des Heimatvereins, der sich große Verdienste um das vormalige jüdische Leben in seinem Heimatort erworben hat, insbesondere durch die stete Pflege des jüdischen Friedhofs.

Mit einer Menora, dem siebenarmigen Leuchter, ist der Wanderweg „Jüdische Kultur im Oberen Glantal“ gekennzeichnet.
Mit einer Menora, dem siebenarmigen Leuchter, ist der Wanderweg »Jüdische Kultur im Oberen Glantal« gekennzeichnet.

Wintringer ist einer jener Freunde, die die Millers und andere Nachkommen von Holocaust-Opfern gefunden haben. In ebenso engem Kontakt stehen sie zu anderen Mitgliedern des Heimatvereins, darunter der frühere Bürgermeister der Verbandsgemeinde Glan-Münchweiler, Klaus Müller. Für sie alle ist es nicht nachvollziehbar, dass ausgerechnet in Steinbach etwas nicht umgesetzt werden soll, was für die Gemeinderäte in Brücken und Glan-Münchweiler selbstverständlich war: die Stolpersteine.

Zigtausende Messingplatten

Über 107.000 der kleinen Messingplättchen wurden seit Beginn der 1990er-Jahre, als der Künstler Gunter Demnig diese Idee hatte, in rund 1900 Kommunen europaweit verlegt, oft unterstützt von Initiativen vor Ort, seien es Schulen, Vereine, Verwaltungen oder Hausbewohner. Gemeinden, die sich dafür entscheiden, müssen die Stolperstein-Verlegung bei der „Stiftung – Spuren – Gunter Demnig“ beantragen.

Verlegt werden müssen sie – meist im Gehweg – vor jenem Haus, in dem eine jüdische Familie zuletzt freiwillig gewohnt hat. Gleichzeitig muss deren Lebensgeschichte dokumentiert werden. Das Ziel ist klar: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“, sagt die jüdische Tradition. Durch aktives Gedenken – besonders an Leid und Unterdrückung – soll eine Wiederholung verhindert und eine friedliche Zukunft ermöglicht werden.

Zuerst Brücken

In Brücken wurde das 2024 umgesetzt: In der Bergstraße 17 erinnern vier Stolpersteine an Mitglieder der Familie Straass. Für die Hausbesitzerin ist das kein Problem, wie sie an der Haustür im Gespräch mit der RHEINPFALZ berichtet. 2005 hatte die aus Polen stammende Frau das Anwesen gekauft. Die Gemeinde habe sie vorab gefragt, obwohl der Bürgersteig öffentlicher Verkehrsraum sei und „ich gar nicht hätte gefragt werden müssen“. Dass immer mal wieder Leute stehen blieben und sich die Steine anschauten oder sie und das Haus fotografierten, „stört mich nicht“.

Die Menora von Gottfried Bräunling.
Die Menora von Gottfried Bräunling.

Noch nicht ganz so weit ist man in Glan-Münchweiler, wo gerade der Antrag an die Stiftung auf den Weg gebracht wurde. Drei Adressen sind betroffen, an denen insgesamt 17 Stolpersteine gesetzt werden sollen – für Opfer der jüdischen Familien Maier, Moses, Haas, Löb, Eppstein, Oppenheimer und Kayem. Es seien auch deshalb so viele, weil nach der Reichspogromnacht 1938 zum Beispiel Steinbacher Juden nach Glan-Münchweiler gezogen seien, erläutert Markus Bauer.

Nichtöffentlich beraten

Bleibt Steinbach. Dort hat der Gemeinderat bereits 2023 gegen vier Stolpersteine für die Familie Mann votiert, wie Ortsbürgermeister Tobias Trapp auf Anfrage der RHEINPFALZ bestätigt, der allerdings erst seit der Kommunalwahl 2024 im Amt ist. Damals soll das Thema in nichtöffentlicher Sitzung als „Grundstücksangelegenheit“ beraten worden und das Nein vor allem mit dem Schutz der Privatsphäre der heutigen Hausbesitzer begründet worden sein – zumal auch immer wieder Menschen von außerhalb sich für die jüdische Vergangenheit Steinbachs interessierten.

Steinbach - Besuch des jüdischen Friedhofs: die Schwestern Leslie (links) und Carol Roos am Grab ihres Großvaters mit Josef Wint
Steinbach - Besuch des jüdischen Friedhofs: die Schwestern Leslie (links) und Carol Roos am Grab ihres Großvaters mit Josef Wintringer.

Trapp sieht sich in der für ihn schwierigen Lage, beide Seiten verstehen zu können und würde gern einen Mittelweg finden. Er erinnert an andere Gedenkstätten im Ort, wie den von dem Pfälzer Historiker Roland Paul angeregten und 1988 gesetzten Gedenkstein oder die von dem renommierten Künstler Gottfried Bräunling 2021 errichtete und fast drei Meter hohe Menora, der jüdische siebenarmige Leuchter, mit Davidstern. Vielleicht könnten Stolpersteine zum Erinnern an die Familie Mann dort gesetzt werden, sagt Trapp, oder im der Hohlstraße gegenüberliegenden Bürgersteig.

Für Miller alternativlos

Für Ruth Miller kommt das nicht in Frage, weil es für sie eine falsche Form des Erinnerns wäre. Jeder, und nicht nur die Nachkommen, sollten wissen, dass in jenem Haus die Familie Mann gelebt habe, sagt sie. Und dass diese ihr Haus, Steinbach, ihre Heimat verlassen mussten, nur weil sie jüdischen Glaubens waren, um auf der anderen Seite der Welt neu anzufangen oder aber, viel schlimmer noch, um ermordet zu werden.

Wurden als erste verlegt: Stolpersteine in der Bergstraße in Brücken, die an die Familie Straass erinnern.
Wurden als erste verlegt: Stolpersteine in der Bergstraße in Brücken, die an die Familie Straass erinnern.

Die Inschrift auf dem Gedenkstein beginne mit den Worten „Vergessen wollen verlängert das Exil“, betont Miller, und genau dem müsse entgegengewirkt werden. Stolpersteine vor dem früheren Wohnhaus ihrer Familie hielten die Erinnerung wach und ermöglichten künftigen deutschen Generationen, sich für das „Nie wieder“ einzusetzen.

„Etwas ganz Besonderes“

Der Heimatverein Steinbach und Umgebung steht hinter dem Stolperstein-Projekt. „Wer, wenn nicht wir“, so Vorstandsmitglied Klaus Schillo (Börsborn). Allerdings sei das Thema auch vereinsintern umstritten gewesen, vor allem bei den nur noch wenigen Mitgliedern aus Steinbach selbst, so Vorsitzende Cornelia Hahn (Kusel). Die jüdische Vergangenheit von Steinbach sei etwas ganz Besonderes, und das müsse die Gemeinde begreifen, ergänzt Gerhard Jung (Steinbach). Zumal das jüdische Museum Gemeindeeigentum und in vielen Gegenden weltweit bekannt sei.

Vielleicht Runder Tisch

Andererseits will der Verein nicht spalten, den Gemeinderat nicht unter Druck setzen, zumal es sich um eine demokratische Entscheidung handele. In der Folge ist er ebenso in einem Dilemma wie Ortsbürgermeister Trapp. Bliebe die Überlegung, ob ein Runder Tisch, an dem alle Beteiligten einschließlich der Hausbesitzer zusammenkommen, eine Lösung wäre. Laut Heimatverein wurde das früher schon einmal vorgeschlagen, damals aber abgelehnt. Ortsbürgermeister Trapp allerdings könnte sich damit anfreunden.

Info

In einer älteren Version dieses Artikels ist irrtümlich noch ein weiteres Bild erschienen, das das Ehepaar Miller bei einem anderen Besuch in der Pfalz zeigte. Dabei handelte es sich aber um die Gemeinde Steinbach am Donnersberg, wo ebenfalls Mitglieder der Familie Mann lebten, und nicht um Steinbach am Glan.

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