Ulmet
Rollende Preziosen: Oldtimer-Fan Udo Schmitt hegt und pflegt früheres Auto von Konsul Weyer
Der Besitzer ist Udo Schmitt, 70 Jahre alt, wohnhaft in Ulmet. Eingefleischter Junggeselle, wie er sagt, Elektro-Installateur, der bei Opel gearbeitet hat. So wundert es wohl niemanden, dass er – neben auf Acryl gepresste Musik – das Schrauben an Kraftfahrzeugen als Hobby pflegt. Schmitt hat einen rollenden Schatz zu Hause: einen Bitter, eine Rarität, deren Papiere einen prominenten Vorbesitzer ausweisen.
Wie bitte? Bitter? Erich Bitter war ein Ingenieur, geboren 1933, gestorben kurz vor seinem 90. Geburtstag. 1973 konnte er seinen Lebenstraum verwirklichen, als er bei der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt den Bitter CD vorstellte. CD steht für Coupé Diplomat. Später kamen der Bitter SC (Senator Coupé) und weitere Modelle hinzu. Wer den CD nicht kennt, könnte ihn leicht für einen Ferrari, Lamborghini, Maserati, einen Monteverdi halten.
Üppige Motorisierung und hoher Fahrkomfort
Erich Bitter hat das Fahrzeug nicht allein entworfen. Opels Chef-Designer Charles Jordan zeichnete für die gewagte Karosserie mitverantwortlich. Dass der CD nur vier Jahre lang produziert wurde, erklärt sich durch das Aus für den Opel Diplomat. Somit war die Grundlage entzogen.
Üppig motorisiert mit 230 PS durch einen 5,4-Liter-V8-Motor, stand beim Bitter CD der Komfort im Vordergrund. Die Spitzengeschwindigkeit von 209 Kilometern pro Stunde dürfte eher selten umgesetzt worden sein. Die Beschleunigung von Null auf Hundert in unter zehn Sekunden war damals spitze. Ausgestattet mit weichen Sitzen und tadelloser Federung, war der Bitter nicht zum Rasen prädestiniert – eher für lange, entspannte Touren. Weiteres Merkmal: ein Kofferraum mit mehr als 300 Litern Rauminhalt.
Ein Wagen so teuer wie 13 Käfer
Ein neuer Bitter CD war damals für etwa 75.000 D-Mark zu erstehen. Zum Vergleich: Den technisch zugrundeliegenden Opel Diplomat, von dem es auch ein Coupé gab, bekam man für weniger als die Hälfte. Der üppig ausgestattete Ford 26 M kostete 10.000, den Käfer erhielt man für 5600 Mark. Letzterer wiederum war damit nur ein bisschen günstiger als das Kult-Motorrad BMW R 75/5.
Viel an inländischer Konkurrenz war nicht da: Mercedes SL, Porsche 911 Turbo und BMW 635. Während die allesamt technisch mithalten konnten, so war beim Design der Opel respektive Bitter vorne: mondän und exklusiv zugleich.
Das Geniale am Konstruktionskonzept: Der Bitter-Hersteller konnte auf bewährte Großserientechnik zurückgreifen – eben den Opel Diplomat. Vorteile waren ein großes Händler- und Werkstattnetz sowie viele Automechaniker, die sich damit auskannten. Die Karosserie wurde bei Baur (bekannt durch die BMW Baur Cabrios) gefertigt.
„Garagengold“ hinter überbreitem Garagentor
Wer sich Udo Schmitts Wohnsitz nähert, betritt einen großzügigen Hof und steht vor einer Garage mit einem durchgehenden, etwa zwölf Meter (!) breiten elektrisch betriebenen Rolltor. Hinter der Einzelanfertigung verbergen sich einige Preziosen, sogenanntes „Garagengold“, mit großen Textilien abgedeckt und so vor Staub geschützt. Neben dem Bitter CD beherbergt die Garage einen Chevrolet Chevelle (1980), einen Chevy Caprice (1990), einen Chevrolet Impala von 1980 sowie einen MAN-Traktor von 1959.
Schmitts Bitter CD hat Ledersitze, Elektro-Schiebedach, Automatik. Gekauft wurde er als „absolute Ruine“, verwahrlost, für 10.000 Mark. Viel Mühe, Know-how und Kapital waren erforderlich, um das Auto so dastehen zu lassen, wie es heute zu bewundern ist. Die aufwendige Restauration hat der Besitzer autodidaktisch bewältigt.
Rosi Mittermeier Mitglied im Markenclub
Bewegt wird der Bitter nur noch selten. Es gilt, nicht einmal die kleinste Beule zu riskieren, denn die Ersatzteilversorgung sei schlecht, was Karosserieteile angeht. Der Oldtimer verbraucht je nach Fahrweise 13 bis 23 Liter, im Schnitt sind es rund 15.
Wie bei vielen Raritäten gab es auch für Bitter einen Markenclub, dem unter anderem Graf Poldi, Rosi Mittermeier, Paul Breitner und Irene Sheer angehörten. Einer der Vorbesitzer von Schmitts Exemplar war ein gewisser Konsul Hans Hermann Weyer, einst vielen bekannt als Titelhändler.
Auch wenn er heute eine hohe fünfstellige Summe aufrufen könnte, denkt Udo Schmitt nicht ans Verkaufen. Vielmehr hofft er, den Bitter noch lange hegen und pflegen zu können. Und hin und wieder zu fahren.
Zur Serie: Rollende Preziosen
In unserer Serie werfen wir genauere Blicke auf rollende Preziosen: Auf motorisierte Schmuckstücke; auf Oldtimer, gehegt und gepflegt von ihren Besitzern. Wir schauen unter die Haube, beleuchten Marke und Modell und lassen uns von den Männern und Frauen hinterm Steuer die Geschichte(n) ihres Fahrzeugs erzählen. In unserer vergangenen Folge ging es um Nadine Morgenstern und ihren deutlich älteren Borgward Arabella.