Kusel
Pen-Berlin-Reihe vor den Landtagswahlen: „Reden wir über Heimat“
Wer kann Hochdeutsch? Wer kann Polnisch? Wer findet die AfD gefährlich? Wer würde das Saarland an Rheinland-Pfalz anschließen? Wer flieht vor Karneval? Wer sagt „Deutschland ist mein Land“? Mit diesen und weiteren, teils sehr ernsten, teils humoristischen Fragen konfrontierte Aron Boks, Schriftsteller und Poetry-Slammer, das Publikum in dem kleinen, schwach beleuchteten Kinosaal direkt zu Beginn der Veranstaltung.
„Ist das noch/schon mein Land?“ lautet der Titel der Heimat-Gesprächsreihe, mit der die Schriftstellervereinigung Pen Berlin im Vorfeld der Landtagswahlen durch Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz tourt, ehe der zweite Teil dann ab August in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin weitergeht. Dabei machen die Organisatoren in verschiedenen Städten Halt – immer mit dem Ziel, auch mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen, wie eine Projektion auf der Bühne verriet. Denn neben Manuel Andrack, Autor und Wanderexperte, und dem aus Polen stammenden Schriftsteller, Lyriker und Übersetzer Artur Becker sollte auch das Publikum die Diskussion anregen. Alexandra Dietz führte als Moderatorin durch den Austausch zwischen den beiden Gästen.
Publikum als Diskussionspartner
Nach dem kleinen Warm-up zu Beginn diskutierten Becker und Andrack zunächst über Boks’ Frage, ob Deutschland ihr Land sei. Becker warf ein, Heimat nicht geopolitisch zu definieren, und sprach von der Idee, Heimat als geistiges Gebilde zu verstehen. Die Vergangenheit habe ihn gelehrt, den Begriff als brüchig zu betrachten. Überhaupt wieder über „Heimat“ sprechen zu können, sei für Andrack etwas Besonderes, da der Begriff lange Zeit von den Nationalsozialisten geprägt gewesen sei. Von sich verschiebenden Grenzen über zweite und dritte Heimaten wurde im Laufe des Abends deutlich, wie schwierig eine Bestimmung des Begriffs „Heimat“ ist und wie weit gefasst und subjektiv gefärbt er sein kann – und vielleicht auch sollte. Die Dynamik zwischen beiden Gesprächspartnern war geprägt von humoristischen Spitzen in Richtung des Gegenübers – „Obwohl du kein Intellektueller bist, hast du recht“ –, fand aber zum richtigen Zeitpunkt den nötigen Ernst. Beispielsweise dann, wenn es um Klischees ging, mit denen rurale Gebiete oft verbunden sind.
Neben Andrack und Becker kam das Publikum als dritter Gast zu Wort. Andreas Becker, Betreiber des Veranstaltungsorts, erzählte von Vorurteilen, dass auf dem Land keine Popkultur stattfinden würde. Das Kinett versuche jedoch, seiner Heimat mit internationalen Künstlern neue Blickwinkel zu eröffnen. Eine weitere Frau aus den Stuhlreihen definierte Heimat als Ort, an dem sie sich einfach wohlfühle – wo vielleicht derselbe Dialekt gesprochen werde. Außerdem mache das Treffen Gleichgesinnter eine Region für sie zur Heimat. Viele Anwesende berichteten von der Schwierigkeit, den Begriff zu fassen, und sprachen im Plural von mehreren Heimaten, da auch der Migrationshintergrund das Heimatverständnis stark beeinflussen könne.
Zuwanderung verändert Heimatgefühl?
Auf Anregung einer Frau aus dem Publikum wurde anschließend diskutiert, inwiefern Heimat nicht nur ein positiv konnotiertes Gefühl sei. So müsse man auch Flüchtlinge in den Blick nehmen, die mit ihrer alten Heimat traumatisierende Erfahrungen verbinden oder sie bei einer Rückkehr verändert – wenn nicht sogar zerstört – wiederfänden. Daraufhin wurde über Zuwanderung als Einflussfaktor auf das Heimatgefühl gesprochen. Becker erklärte, Deutschland habe die Migration nicht im Griff, und Xenophobie sei so alt wie die Menschheit selbst. Als der Diskussionsgegenstand schließlich vom Heimatbegriff zur Meinungsfreiheit wechselte, wurden auch Spannungen im Publikum sichtbar. Während eine Dame die Meinungsfreiheit aufgrund eines gewissen sozialen Drucks als durch ihr Umfeld beeinflusst wahrnahm, entgegnete ein Mann bestimmt, dass er sich überhaupt nicht eingeschränkt fühle. Dies führte zu einem Gespräch über moralische Erwartungen der Gesellschaft und übergriffige Situationen.
Als schließlich vom politik- und mediengemachten Bild der Heimat die Rede war, ergriff auch Pen-Mitgründer und Journalist Deniz Yücel das Wort. Die Meinungsfreiheit sei in Deutschland sicher nicht makellos, und auch die Debattenkultur in der Öffentlichkeit habe sich verändert. Deswegen sei man hier – um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Die Menschen müssten allerdings offener sein und versuchen, dem Gegenüber nicht immer das möglichst Böse zu unterstellen. Zum Abschluss fragte Dietz die beiden Gäste auf der Bühne, was man denn nun tun könne, um eine Gesellschaft zu schaffen, in der sich Menschen wohlfühlen. Beckers und Andracks einfache Antwort: „Liebe“ – und „öfter mal ein Bier zusammen trinken“.