Kusel
Nicht von dieser Welt? Paddy Steer im Kinett
„Klingt wie eine Schweizer Kuckucksuhr aus Eierkartons und Rosshaar, zusammengeklebt von einem afrikanischen Moog-Spieler in einem vietnamesischen Eisenwarenladen.“ Diese Beschreibung von Musikjournalist Graham Massey trifft den Nagel auf den Kopf, wenn es um die wahrlich ungewöhnliche Musik von Paddy Steer geht. Und diese Beschreibung muss man sich jetzt einfach ein Mal kurz in den Ohren vorstellen, dann bekommt man eine ungefähre Vorstellung davon, was da am Donnerstag durchs Kinett waberte. Und nicht nur die Musik ließ staunen, der Brite bot auch reichlich Augenfutter.
Paddy Steer ist ein Musiker und Mysterium, mitten aus der englischen Metropole Manchester in der Westpfalz gelandet. Mit langem grauen Zottelbart und einem Händchen für extravagante Kostüme und noch extravagantere Klänge verwandelt der Klangtüftler jede Bühne in eine kleine verrückte Weltraum-Disco aus einer Science Fiction-Komödie. In der kann alles passieren – nur nichts Gewöhnliches. Und dabei funkelt Paddy Steer gefühlt als Alleskönner. Im Laufe seiner Musikerjahre – es sind sichtlich schon einige – hat er mit einer breiten Palette an Stilen und Künstlern herum experimentiert, mal als Bassist, mal als Schlagzeuger, mal als hawaiianischer Gitarrist und mal in allen Rollen gleichzeitig.
Ein Gesamtkunstwerk
Auf der Live-Bühne beweist Paddy Steer, dass sein Projekt ebenso wenig irdischen Grenzen folgt wie er selbst. Hier wird nicht einfach ein Song oder eine Melodie nach Maß produziert. Hier wird ohne Routenplan drauf los geklimpert, bis etwas in seinen Ohren Brauchbares entsteht. Und was auch immer er als brauchbar bewertet, fügt er in ein derart verspieltes, scheinbar chaotisches und hochgradig spannendes Mixed-Media-Gesamtkunstwerk ein, dass man einfach nicht wegsehen und nicht weghören will. Nur … was genau ist das, was man da sieht und hört?
Paddy Steer kann man schon mal guten Gewissens als unerschrockenen Disco-Punker beschreiben, der mit seinem aufgemotzten Xylophon durch die Atmosphäre gurgelt, seltsame Sing-Geräusche aus seinem Vocoder purzeln lässt, alles auf seinem mit Deckchen und Teppich geschützten Schlagpodest zum Klappern bringt und mit seinem Loop-Gerät die wirrsten Soundgewebe spinnt. Das alles versieht er dann auch noch mit Disco-Lichtern und bespielt eine Leinwand im Hintergrund. Hier surfen Aliens und tanzen Topfhandschuhe. Finger klimpern scheinbar auf gemalten Tastaturen und eine Gruppe Außerirdischer lässt eine kollektive Choreo los, die sogar einige Gäste im Kinett zum Rhythmus fetzen ließ.
Wollene Glücksschlangen
Im Zentrum dieses abgedrehten Space-Wahnsinns sitzt Paddy Steer an seinem Ein-Mann-Orchesterset, in einem überdimensional großen Cyber-Helm – übrigens alles sichtbar von Hand gebastelt – und seinem galaktisch funkelnden Kostüm, mit einem Kragen, der weit über seinen Kopf ragt, und musiziert. Musiziert mit allem, was er hat. Und die elektronischen Beats, die so klingen, als hätte ein falsch gepolter Roboter mit Schaltkreisproblemen sie gezimmert, vibrierten sich durch alle Gliedmaßen. Eine One-Man-Cosmic-Disco in der Tat.
Jeden Ton erschafft er von Grund auf. Und jeder kosmisch verquere Track – von „Clap Yer Daft Head“ zu „Woolen Fortune Viper“ – wird zu einer einzigartigen Hintergrund-Nummer für wilde Festgelage um den Orbit. Schicht für Schicht, mit Fülle, Tiefe und Leben in jeder Note, entfacht Steer galaktisch gute Laune mit seinem plüschigen Glitzer-Elektronik-Sound, der klingt wie ein Computerspiel aus den späten 1980ern und frühen 1990ern. Und plötzlich schwebt man davon, weg vom „Blauen Planeten“, und tanzt durch die Sternenbilder.
Bis in die Zehenspitzen
Und sobald man denkt, man hätte schon alles gesehen und gehört, kommt Steer mit einer neuen abgedrehten Video-Collage daher und neuem Geklimper, das bis in die Zehenspitzen groovt und kitzelt. Zwar hat das Kinett-Team schon alle möglichen „abgespacten“ Künstler auf diese Bühne geholt, doch dieser Paddy Steer setzt noch einen drauf. Hammer. Und gerne mehr davon.