Kreis Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Mit einer App Lebensmittel vor der Mülltonne retten

Im China-Restaurant durfte die Überraschungsbox selbst befüllt werden.
Im China-Restaurant durfte die Überraschungsbox selbst befüllt werden.

Viele Lebensmittel landen in der Mülltonne, obwohl sie noch genießbar sind. Mit der App „Too good to go“ – auf Deutsch „Zu gut zum Wegwerfen“ kann das verhindert werden. Im Landkreis nutzen drei Supermärkte, eine Bäckerei sowie ein Restaurant das Programm. Ein Selbstversuch.

In der Kuseler Wasgau-Bäckerei soll sie abgeholt werden, meine Überraschungstüte, die sogenannte Magic Bag. Ich reihe mich in die Schlange ein und hole mein Mobiltelefon aus der Tasche, um die entsprechende App zu öffnen. „Too good to go?“, fragt die Verkäuferin. „Ja.“ An der Verkaufstheke entwertet sie meine Bestellung – alles läuft über das Mobiltelefon – und überreicht mit drei unterschiedlich große Tüten. Darin befinden sich ein gefüllter Kranz, ein Körnerbrötchen, ein kleines Baguette, eine Körnerstange und ein Kaffeestückchen – alles für vier Euro. Ohne meinen Kauf wären die Lebensmittel in der Mülltonne gelandet. Dieses Ziel verfolgt die App „Too good to go“: Übriggebliebene Lebensmittel werden von den Betrieben günstiger angeboten und vom Kunden im vorgegebenen Zeitraum abgeholt. Ein Gewinn für beide: Betriebe können ihre Ware dennoch verkaufen, Kunden müssen weniger Geld ausgeben.

Zweiter Test: die Buffet-Box des „China Gartens“ in Altenglan. Die App zeigt eine Abholzeit ab 21.30 Uhr an. Im Restaurant erhalte ich eine Box. Sie ist leer. Die Verwirrung währt nur kurz. „Die darfst Du selbst befüllen“, sagt die Mitarbeiterin. Reis, Nudeln, Hähnchen, Fleischgerichte, Salate, Lachs und Sushi stehen zur freien Auswahl. „Von allem ein bisschen“, denke ich mir und befülle die Box. Für fünf Euro erhalte ich ein leckeres Abendessen – mit einigen Abstrichen in Sachen Wärme und Panade. Dennoch: Am regulären Buffet wäre das Vierfache fällig

Bäckerei: Tüten direkt ausverkauft

Nachdem ich einige Überraschungstüten ausprobiert habe, werfe ich einen Blick hinter die Backwarentheke der Kuseler Wasgau-Bäckerei. Karin Graf zeigt, was dort alles in die Tüte kommt: „Hier haben wir ein Dinkelbrot, sechs Berliner und vier Brötchen. In der anderen Tüte ist ein günstigeres Brot drin, dafür gibt’s dort noch zwei Körnerbrötchen dazu.“ Mit welchen Backwaren die Tüten befüllt werden, ergibt sich erst im Laufe des Tages. „Heute haben wir viele Berliner übrig“, sagt die Bäckereifachverkäuferin.

Die Wasgau-Bäckerei in Kusel stellt seit April 2022 jeden Abend drei Überraschungstüten in die App. Diese seien meist binnen weniger Minuten vergriffen. Das zeigt sich auch im RHEINPFALZ-Selbstversuch. Bisher ist die Filiale in Kusel die einzige im Kreis, die bei „Too good to go“ mitmacht. Wasgau-Sprecherin Isolde Woll erklärt, dass die Umsetzung nicht überall möglich sei: „Die Personalbesetzung muss stimmen.“ Es sei aber geplant, das Angebot auszubauen.

Edeka bietet verschiedene Tüten an

Bei Edeka Eckstein in Glan-Münchweiler stehen mehrere dieser „Magic Bags“ zur Auswahl, ich entscheide mich für zwei Überraschungstüten. Im Markt, in der Obst- und Gemüseabteilung deutet Edeka-Mitarbeiterin Anita Reuter auf mehrere, gestapelte Kisten, die mit Lebensmitteln gefüllt sind: Rama, Schokolade, Fertig-Nudelgerichte, Getränkedosen. Reuter greift nach einem Pack Toast. „Der ist vor zwei Tagen abgelaufen, aber da ist nichts dran. Die Scheiben sind noch weich und verschlossen ist er auch noch.“ Im Markt dürfen solche Waren aber nicht mehr verkauft werden.

Obst und Gemüse: Die Optik entscheidet

Bei Obst und Gemüse sei nicht das Mindesthaltbarkeitsdatum entscheidend, sondern die Optik. Reuter reicht mir eine braun gefleckte Banane. Die Schale ist zwar braun, die Frucht hat aber keinerlei Flecken. „Die Banane ist noch fest“, sagt Reuter. Die Flecken entstehen durch die Lagerung und den Transport. Diese beeinflussten aber nicht den Geschmack, erklärt sie. Dennoch seien solche Bananen nicht mehr „gut genug“ für den regulären Verkauf. Auch Paprika mit weichen Stellen oder Zwiebeln mit Sprossen würden vom Kunden nicht mehr gekauft.

Den App-Nutzern stehen bei Edeka verschiedene „Magic Bags“ zur Auswahl, neuerdings werden auch „Biertüten“ angeboten. „Die Kühlthekentüten sind am schnellsten weg“, schildert Reuter, was sich auch beim Selbsttest zeigt. In diesen Tüten befinden sich Käse, Wurst, Joghurt und manchmal auch die eine oder andere Nachspeise. Bei vielen der Produkte steht der Ablauf des Haltbarkeitsdatums unmittelbar bevor oder sie sind gerade erst abgelaufen. Bei anderen Produkten ist lediglich die Verpackung beschädigt. Reuter betont: „Alle Waren sind noch bedenkenlos genießbar.“ Hier kostet eine Tüte 3,90 Euro, der reguläre Einkaufspreis der Waren liegt bei knapp 15 Euro.

Für den kleinen Geldbeutel

Die Edeka-Filialen in Glan-Münchweiler und Altenglan machen seit November 2022 bei „Too good to go“ mit und verkaufen jeden Tag zwischen 15 und 20 Tüten. Ziel von Filialleiter Julian Eckstein: möglichst wenig Lebensmittel verschwenden. „Wir unterstützen auch die Tafel und machen beim ’Foodsharing’ mit. Trotzdem bleiben noch genügend Lebensmittel übrig“, erzählt er. Das Angebot „Too good to go“ helfe auch den Menschen, bei denen das Geld gerade knapp ist.

Auch Lei Guo vom China Garten in Altenglan ist vom Konzept der App überzeugt. „Viele Leute haben nicht genug zu essen, da tut es mir leid, wenn wir es wegwerfen müssen“, sagt sie. Jeden Freitag, Samstag und Sonntag stellt Guo je sechs Boxen in die App, und die seien auch fast immer ausverkauft. Aber: „Wenn trotzdem noch genug vom Buffet übrig ist, verkaufen wir noch weitere.“ Das geschieht allerdings nicht über die App, sondern direkt vor Ort. „Am besten vor Ladenschluss anrufen und nachfragen“, empfiehlt sie. Ein Tipp, den ich mir merke.

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