Glanbrücken
Laufen für Anfänger: Drei Monate, ein Ziel, viele Erkenntnisse
Der Anfang. „Jeder kann lernen, eine halbe Stunde am Stück (langsam) zu joggen“, hatte ich versprochen! Meine Ausbildung und fast 25 Jahre Erfahrung in meiner Laufschule geben mir die nötige Sicherheit für diese Behauptung. Nun saß er Ende Oktober vor mir, der Kuseler Redaktionsleiter der RHEINPFALZ, sichtlich gespannt und mit ’nem bissel Angst vor der eigenen Courage. Was kommt da wohl auf mich zu, mag er sich gedacht haben und war mit diesem Gedanken gar nicht so weit weg von dem, was mich beschäftigte. Klar, ich habe meine Erfahrung. Aber was ist, wenn es nicht klappt? Steht dann in der Zeitung, der Lauftherapeut und Trainer war doch ein wenig vollmundig? Er hatte es versprochen, konnte es aber nicht halten? Also war ich mindestens so gespannt wie mein Gegenüber.
Die Grundlagen. Ein wenig Theorie zum Start muss sein. Wie funktioniert das eigentlich, wenn wir fitter werden, wie reagiert unser Organismus auf Belastungen, wie hoch dürfen die sein und wie wichtig sind die Pausen? Ausgesprochen interessiert hörte mein neuer Schützling zu, machte sich Notizen und stellte viele Fragen. Meine Herausforderung war ja, einerseits den Journalisten mit fachlichem Stoff zu füttern, vor allem aber doch dem untrainierten Menschen Mut für das zu machen, was in den nächsten drei Monaten auf ihn zukommen würde. Denn das war das Ziel: nach drei Monaten und 24 Terminen eine halbe Stunde am Stück zu joggen.
Die ersten Termine. Unsere ersten Treffen liefen wie die meisten anderen auch. Anfangs ist die Belastung neu, bereits nach den ersten paar hundert Metern aber stellen die Menschen mit Erstaunen und Freude fest, dass sie doch besser drauf sind, als sie selbst von sich denken. So auch er, der total Unsportliche, wie er von sich selber sagt. Unsportlich – und plötzlich kommt er im Winter morgens um halb neun bei eisiger Kälte und beißendem Wind zum Lauftermin. Ich muss innerlich grinsen, wie schnell sich die Prioritäten im Leben doch verändern können. Ein erster Versuch, mich wegen Nieselregen zum Verschieben zu bewegen, scheiterte kläglich an meiner Antwort auf Whatsapp: „Wir laufen!“
Die Probleme. Das Wetter und die Jahreszeit wurden immer mehr zur Gewohnheit und damit immer weniger zu einer Herausforderung, dafür stellten sich die ersten orthopädischen Probleme ein. Trotz der obligatorischen neuen Laufschuhe schmerzte es mit steigernden Laufeinheiten verdächtig nahe an der Achillessehne – für mich so etwas wie ein Alarmzeichen. Eine entzündete Achillessehne würde eine lange Pause und zumindest das vorläufige Ende der ganzen Aktion bedeuten, also richtete sich meine ganze Aufmerksamkeit auf die Füße – und auf den Kopf! Denn sehr schnell merkte ich, dass aufgrund der Schmerzen seine Motivation litt. Anfangs noch voll motiviert, trübte sich die Stimmung bei den Laufeinheiten ein, ich merkte es an seinem Gesichtsausdruck und am Tonfall seiner Kolumne, in der er 14-tägig von seinen Erlebnissen berichtete.
Die Herausforderung. Es war für beide Seiten kein einfacher Laufstart. Er war verunsichert und musste sich dazu noch meine beruhigenden „Litaneien“ anhören, ich schwankte zwischen nochmals neuen Laufschuhen und der langsamen Gewöhnung an eine bis dato unbekannte Bewegung. Letztlich war entscheidend, dass die Achillessehne reizfrei blieb, der wöchentliche Wechsel zwischen Gehen und Joggen nur behutsam gesteigert und sehr langsam gelaufen wurde. Diese Kombination führte schließlich zum Verschwinden der Probleme. Die Trainingsmethode ist maßgebend für den Erfolg. Gehen und Laufen sind dem Menschen in die Wiege gelegt, es ist nahezu unmöglich, sich dadurch eine Verletzung zuzuziehen. Nicht dass wir laufen entscheidet über gesund oder ungesund, sondern wie wir laufen.
Der Erfolg. Die halbe Stunde Joggen nach den drei Monaten war dann nur noch Formsache und der Lohn der Mühen. Wieder ein glückliches Gesicht mehr in den vielen Jahren meiner Arbeit!
Die Rückschau. Es war eine denkbar ungünstige Jahreszeit, das bisher unsportliche Leben in Richtung einer recht hohen Fitness zu verändern. Dazu eine Zeit der Überwindung, weil der Bewegungsapparat die bisherigen Gewohnheiten nicht freiwillig aufgeben wollte. Das Ergebnis aber ist großer Stolz, es durchgehalten und geschafft zu haben und die Erkenntnis, welchen Wert und welches Lebensgefühl eine selbst erarbeitete Fitness hat. Und ein großes Paket an Erfahrung und Informationen über sich selbst gab’s noch mit dazu.
Die Zukunft. Ja, auch dafür fühle ich mich verantwortlich, und natürlich haben wir in den letzten zusätzlichen Laufeinheiten immer wieder darüber geredet. Das, was jetzt mit so viel Zeit, Mühe und manchmal Überwindung erarbeitet wurde, wird der „Benni“ doch nicht wieder aufgeben!? Hat sich doch sein Lebensmotto von „no sports“ ein gutes Stück in Richtung „fit und gesund“ verändert, zumal er das Ganze auch noch öffentlich gemacht hat. Nun steht er im wahrsten Sinne des Wortes „laufend unter Beobachtung“. Seine Umgebung wird schon dafür sorgen, dass seine Motivation nicht schwindet!
Mein Fazit. Ist einmal eine Idee geboren und ein Lichtchen brennt, dann wird das nicht wieder ausgepustet oder auf irgendwann verschoben. Mein Glückwunsch und meine Achtung gelten Benni, der seine Idee allen Widrigkeiten zum Trotz umgesetzt hat und nun die Krone seines Erfolges trägt (ein Krönchen, Anm. d. Redaktion).
Telefonaktion
Lauftherapeut Günther Bergs steht am Freitag, 20. März, passend zum Frühlingsbeginn zwischen 15 und 16 Uhr am Redaktionstelefon für Fragen rund ums Laufen parat. Er beantwortet Fragen rund ums Joggen – von Anfängern wie auch ambitionierten Läuferinnen und Läufern.
Die Serie
In der Reihe „Laufen, ohne zu schnaufen“ hat RHEINPFALZ-Redakteur Benjamin Ginkel Einblicke in sein Lauftraining mit Lauftherapeut Günther Bergs gegeben. Das Ziel, eine halbe Stunde ununterbrochen laufen zu können, hat er erreicht.
In der Serie bereits erschienen sind
Teil 10: Jogging ohne Kollaps: Gruppenlauf überlebt und ein Treppenhaus entdeckt
Teil 9: Trainer weg, Plan weg? Jogging zwischen Waage und Wirklichkeit
Teil 8: Laufen wie ein Raubtier: Ein unerwarteter Erfolg beflügelt die Motivation des Anfängers
Teil 7: Winterlauf ohne Risiko: Die Pech-Regel, das richtige Schuhwerk und angepasstes Training
Teil 6: Kleine Schritte, kurze Strecke: Ein Laufanfänger ringt mit der Motivation
Teil 5: Kalt? Egal! Warum Dehnen vorm Joggen nicht nötig ist
Teil 4: Lauftraining für Anfänger: Wenn der Fotograf schneller spaziert, als der Chef läuft
Teil 3: Waldboden in der Sohle: Was gute Schuhe für ein Lauftraining ausmacht
Teil 2: Glatzkopf-Trick und obdachlose Spinnen: Erste Lauftrainingseinheiten eines Sportmuffels
Teil 1: Treppe 1 – bgi 0: Wie ein Redaktionsleiter ins Lauftraining stolperte