Ulmet
Jogging ohne Kollaps: Gruppenlauf überlebt und ein Treppenhaus entdeckt
„Also mindestens einmal musst du mit meiner Gruppe laufen“, hat mir Lauftherapeut Günther Bergs in den Einzelstunden das Versprechen abgerungen, in seinem geführten Lauftreff aufzutauchen. Vergangene Woche war es nun so weit, und zum Abschluss eines für mich zunächst völlig offenen Laufexperiments durfte ich die Gruppe am Mittwochabend begleiten. Wobei die fitten Damen eher mich begleitet haben, aber dazu gleich mehr.
Daniela Pfaff-Gillenberger aus Mühlbach, Jennifer Hanß aus Glan-Münchweiler und eine Läuferin aus Ulmet stehen am vereinbarten Treffpunkt, dem Parkplatz vor der Ulmeter Flurskapelle, mit Günter Bergs zusammen – an den Sportoutfits ist schnell zu erkennen, dass hier keine blutigen Anfänger dabei sind. Der fährt gerade im Auto vor und sein Puls steigt. Nicht umsonst habe ich den Gruppenlauftermin möglichst lange hinausgezögert: Ich will ja kein Klotz am Bein sein!
Feste Termine und psychischer Druck
Nach der netten Begrüßung wird schnell klar, dass die drei Frauen – gemeinsam mit Michael Jung, der an diesem Abend berufsbedingt seine Runde schon hinter sich gebracht hat – totale Fans des Lauftreffs sind. Die festen Termine, zweimal in der Woche, seien für die Motivation sehr wichtig, sind sich alle einig. Dazu noch ein bisschen psychischer Druck in der Whatsapp-Gruppe und schon habe der innere Schweinehund kaum eine Chance, erzählen die Frauen lachend.
„Mir hilft das sehr“, sagt Pfaff-Gillenberger und Jung stimmt ihr zu. Er ist nach einem Anfänger-Laufkurs bei Bergs „hängengeblieben“ und läuft seitdem in der Gruppe mit – von einigen Zwangspausen abgesehen. „Wir sind den ganzen Winter über gelaufen“, ergänzt Hanß, sogar an Silvester habe sich die Gruppe, zu der noch weitere Läufer zählen, getroffen. Und ich dachte, der Lauftherapeut ist nur zu mir so gemein, mich selbst bei Eiseskälte zur Strecke zu bringen.
Es wird nicht nur gebabbelt
Klar, dass wir an dem Abend nicht nur die letzten der gefühlt ersten Sonnenstrahlen in diesem Jahr genießen, sondern uns schon bald auf den Weg machen. „Wir laufen heute zusammen“, sagt Bergs, was meiner Nervosität nicht abträglich ist. Doch netterweise passen sich die drei Läuferinnen meinem Tempo an und so geht’s über den Radweg durch Ulmet bis zum Ortsende Richtung Erdesbach – und zurück. Am Ende zerfasert die Gruppe dann doch – zum Glück für mein Gewissen. Und während die Damen sich auf der letzten Etappe auspowern, schleppe ich mich ins Ziel.
„Fast 45 Minuten“, sagt Bergs am Ende zufrieden. „Damit hättest Du vor drei Monaten nicht gerechnet, oder?“ Tatsächlich nicht. Wer die Artikel verfolgt hat, weiß, wie schwer ich mir zwischen den Jahren getan habe, weil die Beine nicht so wollten, wie es Kopf und Lunge zuließen. Vom Draisinenlauf – der Running-Gag in der Redaktion – bin ich meilenweit entfernt und für solche Sportereignisse vermutlich auch nicht ehrgeizig genug. Aber ich schätze es sehr, zwei Stockwerke die Treppe hochgehen zu können, ohne oben nach einem Sauerstoffzelt rufen zu müssen.
Plötzlich fand ich mich im Treppenhaus wieder
Neulich habe ich mich sogar dabei erwischt, wie ich im Westpfalz-Klinikum durchs Treppenhaus in den zweiten Stock gelaufen bin, statt den Fahrstuhl zu nehmen. In meiner Zeit als Zivildienstleistender – anno 2002 – wusste ich nicht einmal, dass es im Krankenhaus Treppenhäuser gibt!
Nicht selten stand ich nach den Laufeinheiten pfeifend und singend in der Dusche, was ich sonst eigentlich nicht tue. Ein untrügliches Zeichen, dass es mir doch irgendwie Spaß gemacht hat! Die Fortschritte haben wir mühsam erkämpft, aber sie sind spürbar.
Ob ich in einem halben Jahr noch laufe? Gut möglich, habe ich doch eine stolze Summe in Laufschuhe investiert und meinen Sohn als Mitläufer zwangsverpflichtet. Außerdem hat mir meine Frau zum Abschluss ein Laufoutfit gekauft: Meine erste Trainingsjacke seit dem missglückten Fußball-Experiment in den 90ern! Wenn Sie demnächst einen gemütlich joggenden RHEINPFALZ-Redaktionsleiter am Wegesrand entdecken: Ich freue mich über jedes Winken und jeden Daumen hoch!
Das letzte Wort hat – wie immer – der Trainer. Wie Günther Bergs die Zeit mit mir erlebt hat, schildert er im vorerst letzten Teil der Serie „Laufen, ohne zu schnaufen“ Mitte März. Ohne seine Begleitung wäre ich nicht so weit gekommen.
Die Serie
In der Reihe „Laufen, ohne zu schnaufen“ gibt RHEINPFALZ-Redakteur Benjamin Ginkel Einblicke in sein Lauftraining mit Lauftherapeut Günther Bergs. Das Ziel, eine halbe Stunde ununterbrochen laufen zu können, hat er erreicht.
In der Serie bereits erschienen sind
Teil 9: Trainer weg, Plan weg? Jogging zwischen Waage und Wirklichkeit
Teil 8: Laufen wie ein Raubtier: Ein unerwarteter Erfolg beflügelt die Motivation des Anfängers
Teil 7: Winterlauf ohne Risiko: Die Pech-Regel, das richtige Schuhwerk und angepasstes Training
Teil 6: Kleine Schritte, kurze Strecke: Ein Laufanfänger ringt mit der Motivation
Teil 5: Kalt? Egal! Warum Dehnen vorm Joggen nicht nötig ist
Teil 4: Lauftraining für Anfänger: Wenn der Fotograf schneller spaziert, als der Chef läuft
Teil 3: Waldboden in der Sohle: Was gute Schuhe für ein Lauftraining ausmacht
Teil 2: Glatzkopf-Trick und obdachlose Spinnen: Erste Lauftrainingseinheiten eines Sportmuffels
Teil 1: Treppe 1 – bgi 0: Wie ein Redaktionsleiter ins Lauftraining stolperte