Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel In der Pfalz lebende Iranerin spricht von Freiheit und Hoffnung auf Wandel

2002 ist Masserat Botfargh mit ihrer kleinen Tochter aus dem Iran nach Kusel geflohen. Auch anhand ihres Tagebuchs erinnert sich
2002 ist Masserat Botfargh mit ihrer kleinen Tochter aus dem Iran nach Kusel geflohen. Auch anhand ihres Tagebuchs erinnert sich noch gut an die damaligen Geschehnisse in ihrem Heimatland.

Masserat Botfargh ist vor vielen Jahren aus dem Iran geflohen. Von Kusel aus kämpft sie für Freiheit in ihrem Land. Wie sie die aktuellen Geschehnisse verfolgt und einordnet.

Masserat Botfargh sitzt vor einem Tisch voller Fotos und Dokumente, die von ihrer Zeit im Iran und ihrem politischen Aktivismus nach der Flucht vor mehr als 20 Jahren zeugen. Zur Feier des Tages gibt es Eis, das traditionell mit Safran und Rosenwasser zubereitet wurde. Als Botfargh im Jahr 2002 mit ihrer kleinen Tochter über Dubai nach Kusel floh, konnte sie nicht viel mitnehmen; ihre Kultur trägt sie jedoch immer im Herzen.

Es ist Dienstag – vor vier Tagen haben die USA und Israel den Iran angegriffen. Einen Tag später haben die Staatsmedien den Tod des Obersten Führers Ali Chamenei bestätigt.

Angriff auf die iranische Hauptstadt Teheran: Rauch steigt auf nach einer Explosion. Am vergangenen Wochenende haben die Angriff
Angriff auf die iranische Hauptstadt Teheran: Rauch steigt auf nach einer Explosion. Am vergangenen Wochenende haben die Angriffe Israels und der USA begonnen.

Heute spricht Botfargh mit einem Lächeln von „guten Nachrichten“: Der amerikanische Präsident Donald Trump habe verkündet, die USA würden weiterhin im Iran aktiv sein und keine terroristische Regierung tolerieren. Das gebe ihr zwar Hoffnung, aber man könne nicht sicher sein, dass jetzt alles gut werde.

Vor der Flucht: „Freundinnen starben im Gefängnis“

„Ich erinnere mich noch an die Zeit vor Chomeini. Wir haben in Freiheit gelebt, und auf einmal hieß es: Kopftuchpflicht. Und aus dem Iran wurde eine islamische Republik“, schildert die 62-Jährige die Ereignisse nach dem Sturz des Schahs 1979. Ruhollah Chomeini war Führer der islamischen Revolution und bis zu seinem Tod 1989 iranisches Staatsoberhaupt. Ali Chamenei wurde zu seinem Nachfolger bestimmt.

Botfargh hat im Iran ihr Diplom als Lehrerin im Fach Geschichte gemacht und an einer Privatschule gearbeitet. Der Entschluss zu fliehen wurde von dem Wunsch nach einem besseren Leben für ihre Tochter angetrieben. „Freundinnen von mir starben im Gefängnis. Das war eine dunkle Zeit. Ich wollte nicht, dass meine Tochter so aufwachsen muss“, berichtet sie. Es sei schrecklich gewesen, mitansehen zu müssen, wie das Land sich wandelte. Kulturstätten, die nicht in das Bild des islamischen Regimes passten, seien niedergewalzt worden.

Tagebuch gibt Einblicke in das Leben unter dem Terrorregime

Sie habe im Geheimen gekämpft und immer Tagebuch geführt, erzählt die ehrenamtlich engagierte Kuselerin. Das kleine Notizheft liegt heute vor ihr. Sie liest eine Passage vor, die kurz nach dem Machtantritt Ruhollah Chomeinis entstand: „Chomeini hat gesagt: Alle Frauen müssen jetzt einen Hijab tragen.“ Noch heute besitzt sie ein Passfoto, das aufgenommen wurde, kurz nachdem diese neuen Gesetze erlassen worden waren – ein verbotenes Foto ohne Kopfbedeckung, das ihr die Reise nach Deutschland ermöglichte.

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DIE RHEINPFALZ berichtet in einem Liveblog von den Ereignissen im und rund um den Iran.

Der Hijab sei nur eine von vielen Einschränkungen, die die Iraner ertragen mussten. Das Regime habe Tausende Menschenleben auf dem Gewissen und sei verantwortlich für das Foltern und die Inhaftierung zahlreicher weiterer Personen, sagt Botfargh.

In Paris und Genf demonstriert, für Engagement ausgezeichnet

Doch ihre Augen strahlen, wenn sie von ihrer Heimat vor Machtantritt des Terrorregimes erzählt: nicht nur reich an Öl und Gold, sondern auch an Kultur. Neben all den politischen Geschehnisse dürfe man nicht vergessen, was der Iran zu bieten habe. Sie beschreibt die malerische Natur und jahrtausendealte Bauwerke, erzählt von traditioneller Bekleidung und dem Essen. „Und auf einmal war ein Terrorist in meinem schönen Land“, sagt die Iranerin.

Selbst aus der Ferne habe sie nie aufgegeben, für eine demokratische, friedliche Zukunft zu kämpfen. In Paris und Genf hat sie gegen die Zustände im Iran protestiert. Immer wieder mit dabei: ihre Tochter und ihr Ehemann Majed. Sie durfte bereits mehrfach öffentlich über ihre Arbeit sprechen. Für ihr Engagement wurde die Iranerin unter anderem mit einer Verdienstmedaille des Landes geehrt.

Verhaltene Freude beim Blick in die Zukunft

Den Tod Chameneis sieht sie noch nicht als Befreiung, denn es bleibe abzuwarten, wie sich alles weiterentwickele. „Es sind so viele junge Leute im Land, die kämpfen wollen. Man muss abwarten. Aber das ist auf jeden Fall eine große Chance.“

Die Verbindung in ihr Heimatland reiße immer wieder ab. Das bereite ihr Sorge. Bekannte hätten von abgehörten Telefongesprächen berichtet – und von angeblich sicheren Kanälen. „Ich habe Angst, diesen Nachrichtenservice zu benutzen“, sagt die 62-Jährige. Hoffnung macht ihr der Zusammenhalt der iranischen Gemeinschaft, ob in Kusel oder bei den Feiern in Berlin und Düsseldorf. Sie zeigt Videos auf ihrem Handy, die tanzende und singende Iraner auf den Straßen Deutschlands zeigen.

Die Menschen im Iran seien verängstigt und blieben in ihren Häusern, sagt Masserat Botfargh. Im Hintergrund an der Hausfassade h
Die Menschen im Iran seien verängstigt und blieben in ihren Häusern, sagt Masserat Botfargh. Im Hintergrund an der Hausfassade hängt ein Porträt des ermordeten Führers Ali Chamenei.

Im Iran sei das Ganze etwas verhaltener. Noch seien die Menschen verängstigt und blieben in ihren Häusern. „Im Iran freut man sich, wenn Bomben fallen, weil das zeigt: Es wird weiter gekämpft“, berichtet sie von den makaberen Lichtblicken. Schon vor 2500 Jahren habe König Kyros II mit dem Kyros-Zylinder schriftlich festgehalten, dass alle Menschen gleich sind. „Diese Idee für Menschenrechte ging unter dem Terrorregime verloren, kann aber wieder aufblühen“, blickt Botfargh durchaus optimistisch in die Zukunft.

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