Kusel
Hebammenraum Kusel: Im „Milchcafé“ finden Mutter und Baby nette Gesellschaft
Lotta ist der seltsame Fremde nicht so ganz geheuer. Wen mag’s verwundern – der sieht auch nicht allzu vertrauenserweckend aus, wohl nicht mal in den Augen eines wenige Monate alten Babys. Ruby sieht das anders: Sie lächelt dem Typen zu, kommt sogar auf ihn zu gekrabbelt, ehe sie es sich anders überlegt. Die Kleine büxt aus und robbt auf Entdeckungsreise unterm Stuhl hindurch in Richtung Nebenraum. Hektisches Hinterhergerenne besorgter Eltern? Woher denn gar, nicht nötig. Im Milchcafé – im Lädchen der Diakonie in der Kuseler Schwebelstraße – kann nicht viel passieren. Genügend kompetente Aufsichtspersonen sind dabei, und die Umgebung birgt keine Gefahren.
13 Frauen sind an diesem Morgen versammelt, überwiegend junge und ganz junge. Unter die Besucherinnen hat sich eine Oma gemogelt – die wirkt allerdings so jugendlich, dass sie auch glatt als Mutter durchginge. Die Kuselerin hat ihre Tochter und ihre Enkelin begleitet und ist noch ein paar Minuten geblieben. Klar: Was es da zu erfahren gibt, hilft sicherlich auch Großeltern, die ihre Enkel gerne mal in Obhut nehmen.
„Das A und O ist, sich keinen Stress zu machen“, sagt Carolin Bauer an die Adresse der fünf Mütter, die allerdings in diesen zwei Stunden so entspannt sind wie selten. Die kleinen Besucherinnen, keine davon älter als neun Monate, machen es sich wahlweise in Mamas Arm oder auf einer weichen Matte bequem. Stress ist hier fern – er gehört aber sonst zum Alltag bei kleinen Familien oder gar Alleinerziehenden. Besagten Alltag besser zu bewältigen, auch dabei soll das Mutter-Kind-Treffen unterstützend wirken. Und sei es auch mal allein durch aufmunternde Worte.
Doch was heißt Alltag? Eigentlich trifft es das nicht, sind doch die Frauen im Grunde alle noch auf dem Weg zurück zu so etwas wie einem alltäglichen Rhythmus. Sie teilen in den meisten Fällen das Erlebnis, dass ihr zuvor gekanntes Leben auf den Kopf gestellt worden ist. Für all jene, die im Milchcafé ihr Erstgeborenes knuddeln, hat sich binnen zurückliegender Monate verdammt viel geändert. „Wir wollen auch ein Stück helfen, die Frauen zurück in einen Alltag zu führen“, erläutern die beiden Hebammen.
Das gilt für ihr Gesamtangebot. Das Milchcafé aber tanzt da aus der Reihe. Es ist ein zusätzliches Bonbon, ein niederschwelliges Angebot, das letztlich auch die Frauen zusammenbringen soll. „Sie sollen Kontakt knüpfen, womöglich halten, gemeinsam was unternehmen, sich gegenseitig stärken“, nennt Bauer mögliche positive Wirkungen.
Wichtiges Thema: Ab wann gibt’s richtig zu essen?
Dabei kommen Themen zur Sprache, die alle angehen. Auch ganz profan wirkende Dinge – beispielsweise Fragen der Zahnpflege. Oder, immens wichtiges Thema, Essen. Ab wann? Und wenn, was? „Darf ich ihr das geben?“, lautet eine der meistgestellten Fragen. Was lassen wir besser erst mal sein?
„Sie hat richtig Bock drauf“, schildert eine der Mütter ihre Beobachtung, wenn ihr Töchterchen Joghurt oder Kartoffelpüree kriegt. „Kürbis war nicht so der Brüller“, berichtet eine andere lachend. Eine dritte erzählt, dass ihre Kleine am Tisch mitschmatzt, wenn die Eltern essen, auch wenn sie selbst (noch) mit Milch vorliebnehmen muss. „Die Babys ertasten und erfahren vieles eben mit dem Mund“, erläutert eine der Hebammen.
„Wäre schön, wenn auch mal Väter kommen“
Dass an diesem Frühjahrsmorgen nur Mädchen auf der Matte krabbeln, ist Zufall. Dass sie aber allesamt mit ihren Müttern da sind, eher nicht. Das ergebe sich so – soll aber möglichst nicht so bleiben. „Wäre schön, wenn auch Väter kommen“, versichern Carolin Bauer und ihre Kollegin Christiane Krüger.
Die beiden betreiben mit ihren Berufskolleginnen Yvonne Buckl und Jule Bösel den Hebammenraum Kusel. Im Gewerbegebiet hat sich im früheren Elektro-Rech-Gebäude das „Gründerzentrum Kusel“ etabliert. Dort hat das Quartett Räumlichkeiten gefunden, in denen sich eine Idee hat in die Tat umsetzen lassen: Die vier Frauen haben sich zu einer Praxisgemeinschaft zusammengeschlossen.
Die Gemeinschaft hat sich im Dezember 2024 als Gesellschaft bürgerlichen Rechts formiert, seither bieten die Gründerinnen „eine Rundumversorgung vor und nach der Geburt“, so ihr selbsterklärter Anspruch. Nach wie vor machen sich die Hebammen auf den Weg, um Nachsorge nach Geburten bei Müttern respektive Familien zu Hause zu gewährleisten. Hausbesuche gehören also weiterhin zum Spektrum. Die zahlreichen weiteren Leistungen aber, die werden nun in Kusel konzentriert oder organisiert.
In Gruppe lassen sich die Kompetenzen bündeln
Die Form der Praxisgemeinschaft soll beiden Seiten Vorteile bringen: den Anbieterinnen, die gemeinsam Räume nutzen und ihr jeweils eigenes Angebot ergänzen können, ebenso den Familien, die in der Kreisstadt ein breitgefächertes Spektrum an Leistungen vorfinden. „Wir können alle wichtigen Bereiche der Hebammenbetreuung, vor der Schwangerschaft bis weit in die Elternzeit hinein, anbieten“, so formulieren es die Fachfrauen.
„Als Gruppe sind wir breiter aufgestellt – wir bringen ja jeweils besondere Kompetenzen und Stärken mit“, bringt es die in Altenglan lebende Carolin Bauer auf den Punkt. Sie selbst ist beispielsweise – neben anderem – auf Akupunktur und Yoga für Schwangere sowie in der Rückbildung spezialisiert. Babymassage nennt Christiane Krüger als eine der Leistungen, die übers Übliche hinausreichen. Die in Gimbweiler im Kreis Birkenfeld beheimatete Yvonne Buckl ist Ausbilderin für Notfall-Management. Sie arbeitet ebenso auch in einem Klinikum als Hebamme wie die im Nardini-Haus in Landstuhl beschäftigte Jule Bösel, die in Nanzdietschweiler daheim ist.
Info
Hebammenraum Kusel, im Gründerzentrum, Industriestraße 13, neben Globus („Hela“). Erreichbar telefonisch unter der Nummer 01525 3479608 oder per E-Mail an info@hebammenkus.de.
Nächstes Milchcafé am Donnerstag, 7. Mai, ab 10 Uhr im Lädchen der Diakonie, Schwebelstraße 5.