Schulreport
Fragen und Antworten: Wie selbstorganisiertes Lernen den Unterricht verändern soll
Was ist eine „Schule der Zukunft“?
Die Initiative ist laut dem rheinland-pfälzischen Bildungsministerium ein auf mehrere Jahre angelegter Schulentwicklungsprozess, der von Ministerium, Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) und vom Pädagogischen Landesinstitut begleitet wird. Die teilnehmenden Schulen werden miteinander vernetzt und bekommen Freiräume fürs Ausprobieren neuer Unterrichtskonzepte.
Wieso braucht es solche neuen Ansätze?
Die Konzentrationsspannen der Schüler seien merklich kürzer als früher, die technischen Möglichkeiten und Fähigkeiten der Heranwachsenden hätten sich rasant entwickelt – und nicht zuletzt seien die Anforderungen der Unternehmen und Betriebe an neue Mitarbeiter andere als noch vor einigen Jahren, erläutert Lehrerin Marie Schlösser von der Integrierten Gesamtschule (IGS) Schönenberg-Kübelberg/Waldmohr. „Wir müssen versuchen, die Schüler mit zeitgemäßer Bildung in ihrer Lebenswelt abzuholen“, sagt sie.
Was muss eine Schule leisten, um „Schule der Zukunft“ zu werden?
Laut IGS-Schulleiter Michael Schlemmer braucht es vor allem die Bereitschaft von Lehrern, Schülern und Eltern, Neues auszuprobieren. Im Fall seiner Schule arbeite das Kollegium schon lange an einem Konzept für selbstorganisiertes Lernen. In der Oberstufe würden erste Ideen bereits umgesetzt.
Wie funktioniert selbstorganisiertes Lernen?
„Jedes Kind lernt in seinem Tempo“, umreißt Schlösser die Idee dahinter. Auf eine sogenannte Inputphase zu Beginn einer Schulstunde, also klassischen Frontalunterricht, folge die Übungs- und Lernphase. Schlösser: „Beispielsweise in Kleingruppen, um sich in einer Fremdsprache gegenseitig Texte vorzulesen.“ Auch eine Recherche oder das Lesen alleine seien denkbar.
Was ist der Vorteil am selbstorganisierten Lernen?
Für Schlemmer und Schlösser liegt der Vorteil darin, dass Schüler individuell gefördert würden. Stärkere Schüler durch Zusatzaufgaben, schwächere durch eine engere Lehrerbetreuung.
Kriegen das alle Schüler selbstorganisiert hin – auch die Jüngeren?
„Wir sehen uns Lehrer als Lernbegleiter“, sagt Schlösser. Sie ist davon überzeugt, dass das Konzept auch mit den unteren Jahrgängen funktioniert. Entscheidender als das Alter sei der Lerntyp: „Manche Schüler bekommen statt einem Wochenplan einen Tagesplan, wenn wir wissen, dass wir sie mehr an der Hand nehmen müssen“, erläutert die Lehrerin.
Fester Bestandteil beim selbstorganisierten Lernen werden freie Lernzeiten: Wem Mathe leichtfalle und wer die Aufgaben dort schneller erledige, der könne mehr Zeit in ein Fach investieren, in dem er schwächer ist. Schlösser: „So lässt sich gezielt an einem Problemfach arbeiten.“ Doch das ist noch Zukunftsmusik. „Noch sind unsere Stundenpläne nicht so flexibel“, sagt Schlemmer.
Was braucht es fürs selbstorganisierte Lernen?
„Unter anderem passende Unterrichtsmaterialien“, sagt Schlemmer. Schon seit einiger Zeit läuft an der IGS eine Materialsammlung. Eine digitale Plattform für die gesammelten Materialien müsse noch geschaffen werden, erläutert Schlemmer: „Damit Lehrer und Schüler strukturiert darauf zugreifen können.“ Hier erhofft sich der Schulleiter im Austausch mit anderen „Schulen der Zukunft“ Ideen und nachahmenswerte Beispiele aus der Praxis.
Wenn das selbstorganisierte Lernen konsequent eingeführt wird, ziehe das auch bauliche Veränderungen nach sich. Schlemmer nennt ein Beispiel: „Momentan weichen Kleingruppen beim Üben immer wieder auf die Flure aus, weil es im Klassensaal zu laut wird, wenn mehrere Schüler reden.“ Würden das alle Klassen tun, sei es schnell auch auf dem Flur zu laut. Hier könnten mehrere Glaskabinen wie in Großraumbüros Abhilfe schaffen.
Wie ist der Stand an der IGS?
Schlemmer: „Unsere Idee ist, langsam zu starten. Dass wir zwei Standorte haben, stellt uns vor organisatorische Herausforderungen.“ So sei es zwar sinnvoll, das neue Lernmodell bei den Fünftklässlern zu beginnen, „aber die sind in Waldmohr“. Deshalb habe man sich entschieden, mit der Oberstufe zu anzufangen und das Konzept nach und nach in die unteren Klassen auszuweiten.
„Optimal wäre für uns, wenn es hier in Schönenberg-Kübelberg einen Neubau gibt, wenn die Schule an einem Standort zusammengeführt wird“, sagt der Schulleiter. Auch im Hinblick darauf, dass Lehrer zwischen den Standorten pendeln müssten. Ein solcher Neubau könne mit dem Fokus aufs selbstorganisierte Lernen geplant werden.
In Projektwochen soll der Ansatz in allen Klassenstufen mit Leben gefüllt werden, um Schüler, Eltern und Lehrer an die neuen Unterrichtsmethoden heranzuführen.
Wer arbeitet am neuen pädagogischen Konzept der IGS?
Schlösser und Schlemmer betonen, dass neben Lehrern auch Eltern und Schüler in der Steuerungsgruppe vertreten sind. In einer Gesamtkonferenz Anfang Oktober habe es eine große Mehrheit dafür gegeben, sich als „Schule der Zukunft“ zu bewerben und den Weg gemeinsam zu gehen.
Macht es sich das Bildungsministerium nicht zu einfach, wenn es mit der „Schule der Zukunft“ – sinngemäß – sagt: „Macht mal“?
„Nein“, sagt Schlemmer entschieden. Während andere Bundesländer vom grünen Tisch aus Vorgaben für alle Schulen im Land machen würden, „die Leute vor den Kopf stoßen, gibt uns das Programm ein gewisses Maß an Freiheit“, betont er.
Ist das Programm mit einer finanziellen Förderung verbunden?
„Die Teilnahme gibt der Schule mehr Möglichkeiten – aber nicht mehr Budget“, sagt Schulleiter Schlemmer. Schlösser ergänzt: „Wir würden uns schon wünschen, dass es vielleicht zumindest einen zeitlichen Bonus für die Schule gibt“, beispielsweise in Form von Lehrerstunden. Die Entwicklung eines pädagogischen Konzepts sei ein Kraftakt und koste Zeit. Zeit, die die Schulgemeinschaft momentan ehrenamtlich leiste.
Was sagen die Schüler?
Schülersprecherin Leonie Stanka hat mit dem selbstorganisierten Lernen gute Erfahrungen gemacht. In Ethik und Gesellschaftslehre werde teilweise auf das neue Modell gesetzt, erzählt sie. „Das klappt in meiner Stufe ganz gut“, sagt die Zehntklässlerin. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass das System tatsächlich helfe, dass sich Lehrer besser um schwächere Schüler kümmern könnten. Die Schülervertretung „unterstützt das Konzept, weil es uns weiterbringt“.
Info
Die Integrierte Gesamtschule (IGS) Schönenberg-Kübelberg/Waldmohr wird am Dienstag in Mainz zur „Schule der Zukunft“ erklärt.


