Kusel Die Geschichte des Remigiusbergs: Wann kamen die Brüder?

Klosterruine und Michelsburg: Diese idealisierte Darstellung des Remigiusbergs stammt aus dem späten 19. Jahrhundert.
Klosterruine und Michelsburg: Diese idealisierte Darstellung des Remigiusbergs stammt aus dem späten 19. Jahrhundert.

Die mutmaßliche Gründung des zwischen Kusel und Haschbach gelegenen Klosters Remigiusberg steht im Mittelpunkt eines neu entfachten Gelehrtenstreits.

Ums Gründungsjahr des historischen Klosters auf dem Remigiusberg bei Kusel ist ein Expertenstreit entbrannt. Der Regionalhistoriker Helmut Dick stellt die von Ulrich Königstein in einer Doktorarbeit vermutete Datierung in Frage. Beide Autoren berufen sich auf altes Schrifttum.

Der Haschbacher Ulrich Königstein ist Jahrgang 1970 und leitet seit wenigen Monaten das Lauterecker Veldenz-Gymnasium. Er hatte bereits einen Doktortitel in Theologie und wurde 2024 für einen 418-Seiten-Band über „Die Benediktiner-Propstei St. Remigiusberg im Remigiusland“ von der Universität Saarbrücken ein zweites Mal promoviert (die RHEINPFALZ berichtete am 2. Oktober). Seine umfangreiche Studie darf als neues Standardwerk zum Thema gelten.

Uneinigkeit der Fachmänner

Ein anerkannter Fachmann für die Geschichte des Klosters, seine Kirche, deren Glocken und die benachbarte Michelsburg ist auch Helmut Dick. Der in Theisbergstegen lebende Heimatforscher ist 81 Jahre alt und weiterhin Gästeführer auf dem Remigiusberg. Zu dessen Geschichte hat der pensionierte Lehrer, der lange Jahre in Glan-Münchweiler unterrichtete, zahlreiche Artikel und 2017 einen umfänglichen „Kirchenführer“ veröffentlicht. Im Quellen- und Literaturverzeichnis des Königstein-Buchs wird sein Name mehrfach genannt.

Jetzt jedoch widerspricht Helmut Dick dem jüngeren Kollegen: ein Gelehrten-Disput, wie er unter Wissenschaftlern durchaus üblich ist. Der Dissens kreist um die Frage nach den Anfängen des Klosters auf der 368 Meter aufragenden Anhöhe am Rand des Nordpfälzer Berglands. Dick datiert die Gründung aufs Jahr 1019, Königstein setzt sie auf 1127 an. Die Deutungshoheit schwankt also um 118 Jahre.

Deutungshoheit schwankt um 118 Jahre

Der Heilige Remigius, der den Franken das Christentum brachte und ihren merowingischen Herrscher Chlodwig I. taufte, starb mit angeblich 93 Jahren anno 533 in Reims. An seinem dortigen Grab bildete sich eine Mönchsgemeinschaft, die später die Ordensregeln der Benediktiner annahm.

Die Geschichte des Remigiusbergs ist wissenschaftlich und publizistisch weitgehend aufgearbeitet.
Die Geschichte des Remigiusbergs ist wissenschaftlich und publizistisch weitgehend aufgearbeitet.

Spätestens im 9. Jahrhundert kam das Erzbistum Reims in den Besitz des Gebiets zwischen „Gleni“ (Altenglan) und dem einstigen fränkischen Königshof „Cosla“ (Kusel). Das heute so genannte Remigiusland, das geistlich dem Bischof von Mainz unterstand, war also eine französische Enklave auf deutschem Boden. Zwischen Kusel und Reims liegen gut 320 Kilometer.

Erst Abtei in Kusel, dann Propstei auf dem Berg

Im Jahr 952 bestätigte Otto der Große – nachmals Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation – dem Reimser Kloster den Besitz dieses Terrains sowie einer Abtei in Kusel. Unklar ist, wann die Kuseler Mönche auf den nahe gelegenen Remigiusberg umzogen. Helmut Dick hält es für „ziemlich sicher, dass bereits unter der Ägide des sechsten Abts der Reimser Abtei (…) die Gründung der Klosterfiliale erfolgt sein muss“. Damit müsste Abt Airard den Ausschlag für eine Propstei auf dem Remigiusberg gegeben haben. Er stand den Reimser Brüdern bis 1036 vor.

Als Beleg führt Dick eine Glocke im Remigiusberger Kirchturm an. Als im Jahr 1867 die alte und zersprungene Glocke abgenommen wurde, notierte der damalige Pfarrer Nicolaus Mischo die eingegossene Inschrift. Sie lautete in lateinischer Sprache: „Remigius werde ich (die Glocke, Anm.) genannt. Johannes Penepet von Rethel (ist) Vorsteher auf dem Berg des Heiligen Remigius. (Der Glockengießer) Dietrich Wolf von Pframert hat mich gemacht im Jahr 1019.“

Historische Handschriften liegen in Speyer

Laut Dick hat also der Pfarrer Mischo die jahrhundertealte Inschrift anno 1867 noch selbst gesehen. Die Notizen des katholischen Seelsorgers flossen erst nach dessen Tod ins 1889 begonnene „Pfarrgedenkbuch“ ein. Sowohl Mischos Aufzeichnungen als auch die von seinen Nachfolgern geführte Chronik lagern heute im Speyerer Bistumsarchiv. Dick hat sie gelesen.

Stellt die Datierung eines Kollegen in Frage: Regionalhistoriker Helmut Dick.
Stellt die Datierung eines Kollegen in Frage: Regionalhistoriker Helmut Dick.

Lese- oder Erinnerungsfehler, die dem 1880 verstorbenen Mischo ebenso unterstellt werden wie mangelhafte Lateinkenntnisse, hält Dick für unwahrscheinlich: „Ich habe seine Personalakte eingesehen. Er war ein seriöser, integrer, rühriger und sorgfältiger Mann.“ Allerdings lasse das Original unterschiedliche Tintentöne und Federstärken erkennen. Ein möglicher Hinweis auf verschiedene Zeitpunkte der Niederschrift?

Dem Gottesmann werden „Irrtümer“ unterstellt

Allein wegen des Stellenwerts, „den eine Glocke für eine Kirche hat, dürfen wir sicher sein, dass mit der Glockendatierung das Gründungsjahr bzw. das Jahr der Inbetriebnahme der Propstei dokumentiert wird“, befindet Dick. Mithin sei es „naheliegend“, dass das Kloster 1019 gegründet wurde. Das Jahr schlicht als „Irrtum“ des Pfarrers abzutun, will der Regionalkundler nicht hinnehmen.

Königstein dagegen beruft sich auf die urkundliche Ersterwähnung. Sie datiert vom 8. Oktober 1127, als der Mainzer Bischof den Mönchen vom Remigiusberg verschiedene Rechte und Besitzungen bestätigte. Lediglich drei Jahre vorher habe Mainz „die Kirche von Kusel mit den nachgeordneten Kapellen Konken, Altenglan und Pfeffelbach (...) dem Reimser Kloster unterstellt“.

Rückschlüsse auf „sachlogisches“ Zeitfenster

Gemäß dieser Lesart wäre also die Klostergründung nach 1124 erfolgt und das Dokument von 1127 ein Beleg für den Abschluss des Umzugs von Kusel auf den Remigiusberg. Für den Doktoranden sind die beiden Jahreszahlen „sachlogisch (…) als Zeitfenster für die Gründung“ und diese damit im „Rahmen von 1124 bis ’27“ zu sehen. Ulrich Königstein bekräftigt damit eine These, die in der Fachliteratur bereits weitgehend etabliert ist.

Neuere Veröffentlichungen von Regional- und Kirchenhistorikern wie Bernhard H. Bonkhoff, Dieter Zenglein und dem 2016 verstorbenen Ernst Schworm berufen sich gleichfalls auf die urkundliche Ersterwähnung. Helmut Dick hält sich dagegen an die Aufzeichnungen des Pfarrers Mischo.

Unstrittig ist jedenfalls, dass bei Niederschrift der Urkunde vom 8. Oktober 1127 ein Kloster auf dem Remigiusberg bestand. In jenem Jahr amtierte Renaud de Martigné als Bischof von Reims. Lothar III. war deutscher König. Den Papstthron hatte Honorius II. inne, einer der Verhandlungsführer fürs berühmte Wormser Konkordat.

Der später heiliggesprochene Philosoph und Theologe Thomas von Aquin war im Herbst 1127 nicht ganz drei Jahre alt. Von ihm stammt der Satz: „Von Natur ist es dem Menschen eigen, nach der Erkenntnis der Wahrheit zu verlangen.“

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