Meinung
Der Wolf im Landkreis Kusel: Durchatmen und nicht immer jeden Mist weiterverbreiten
Offenbar hält sich momentan ein Wolf irgendwo zwischen Bedesbach, St. Julian und Horschbach auf. Jedenfalls wurden aus der Region in den vergangenen Wochen ein bestätigter Riss bei Deimberg und zwei mutmaßliche Wolfsrisse (bei Niederalben und bei Eschenau) gemeldet. Vergangene Woche hat die Wildkamera eines Jägers zwischen Erdesbach und Patersbach einen Wolf fotografiert und am Wochenende ist in sozialen Medien ein Video aufgetaucht, das einen Wolf in den Wiesen zwischen Horschbach und Glanbrücken zeigt. Ob es immer dasselbe Tier ist? Möglich, aber noch nicht bewiesen. Die DNA-Proben werden noch ausgewertet.
Für Tierhalter kann der Rückkehrer tatsächlich ein Ärgernis werden – Wölfe waren immerhin seit weit mehr als 100 Jahren aus Rheinland-Pfalz verschwunden. Wer Weidetiere hält, ob Schafe, Ziegen oder Rinder, darf beunruhigt sein und sich um die Tiere sorgen. Er oder sie sollte sich allmählich auch über wolfssichere Zäune Gedanken machen und über Fördermöglichkeiten informieren. Eine Erweiterung des Wolfspräventionsgebiets über die B420 hinaus zu fordern, ist freilich legitim. Und wenn sich hier ein Wolf niederlässt, der immer wieder Nutztiere reißt, muss auch über einen Abschuss gesprochen werden dürfen. Aber doch nicht jetzt schon.
Keine Großmütter im Wald mehr besuchen!
Die Erregungsmaschinerie in den sogenannten sozialen Medien läuft bereits auf Hochtouren. „Jetzt kann man nicht mal mehr die Kinder allein an die Bushaltestelle laufen lassen“, war sinngemäß jüngst zu lesen. Reicht es vielleicht schon, wenn sie keine roten Kapuzen tragen? Spaß beiseite – unser Bild vom Wolf ist verständlicherweise in erster Linie durch Märchen und Gruselfilme geprägt. Großmütter werden ebenso vom „bösen Wolf“ verspeist wie gleich sieben Geißlein oder fast Liam Neeson im Spielfilm „The Grey – Unter Wölfen“. Die Vierbeiner sind in aller Regel blutrünstige Bestien. Dieses Bild hat sich über Jahrzehnte, gar Jahrhunderte eingeprägt. Das ist für den Rückkehrer Wolf nun ein echtes Problem.
Denn kaum jemand freut sich, dass ein Tier, das Jahrtausende in Mitteleuropa heimisch war, wieder in seinen früheren Lebensraum zurückkehrt. Übrigens allen Widrigkeiten wie Autobahnen und zu Schifffahrtsstraßen ausgebauten Flüssen zum Trotz. Störche haben’s da deutlich leichter. Auch sie waren lange verschwunden, erobern sich das Glantal aber nach und nach als Lebensraum zurück. Die Rückkehr der großen Vögel aus dem Winterquartier wird in vielen Gemeinden schon wieder freudig erwartet. Störche bringen schließlich Babys und fressen sie nicht ...
Erst denken, dann teilen oder weiterleiten
Ja, der Vergleich hinkt. Aber hat ein Wolf nicht wenigstens eine Chance verdient? Die kriegt er nur, wenn Menschen bereit sind, sich ernsthaft zu informieren. Wichtig ist: nicht bei jedem Foto, nicht bei jedem Video eines Wolfes kopfüber in die Erregungsspirale einzusteigen und womöglich noch Halbwahrheiten oder offensichtliche Hetze zu verbreiten.
Jetzt ist außerdem der richtige Zeitpunkt für einen runden Tisch mit Tierhaltern, Behörden, Jägern, Wolfsexperten und Bürgern. Diejenigen, die in den sozialen Medien gerade massiv Stimmung gegen den Wolf machen, werden damit wohl kaum zu erreichen sein. Aber vielleicht wächst die Anzahl derer, die den gröbsten Unfug wenigstens nicht weiterleiten oder teilen ...
Zum Autor
Benjamin Ginkel hat als Sohn eines Landwirts schon so manchem Kälbchen mit auf die Welt geholfen. Trotzdem schreit er beim Thema Wolf nicht gleich: „Abschießen! Abschießen!“
Wissenswertes zum Wolf
Bereits im Sommer hat sich die RHEINPFALZ-Lokalredaktion Kusel mit einer möglichen Rückkehr des Wolfs in das Pfälzer Bergland beschäftigt – unter anderem in einem Streitfall mit ganz unterschiedlichen Meinungen.

