Interview Bewegungsmanager Günther Bergs: „Alles, was wir nicht benutzen, verkümmert“

Günther Bergs aus Glanbrücken ist Bewegungsmanager des Landkreises Kusel und Lauftherapeut. Er sagt, der Sport und das Laufen ha
Günther Bergs aus Glanbrücken ist Bewegungsmanager des Landkreises Kusel und Lauftherapeut. Er sagt, der Sport und das Laufen haben sein Leben verändert.

Bewegen wir uns zu wenig, ist das wirklich so schlimm und falls ja, wie lässt sich das ändern? Günther Bergs, Bewegungsmanager des Kreises Kusel und Lauftherapeut, kennt die Probleme und wirbt für eine Aktion am Samstag in St. Julian.

Warum ist Bewegung wichtig?
Wir haben einen Bewegungsapparat. Der heißt ja nun auch so. Alle Funktionen unseres Körpers sind so geworden, wie sie sind, aufgrund der Herausforderung, die wir hatten. Das hat was mit Bewegung zu tun. Jede Körperfunktion, die wir nicht benutzen, verkümmert. Jede Muskulatur, die wir nicht benutzen, verkümmert, Gelenkbeweglichkeit, die wir nicht nutzen, verkümmert. Die Gelenkprobleme und Skelettprobleme, die wir im zunehmenden Alter haben, haben nichts mit einer Überforderung zu tun oder einer Überlastung sondern sie haben etwas mit einer Unterforderung, einer Unterlastung zu tun. Deswegen ist Bewegung wichtig, damit wir als Mensch so funktionieren, wie es vorgesehen ist von der Natur, der Entwicklung oder vom lieben Gott. Das kann jeder halten, wie er will. Dazu ist Bewegung wichtig.

Wie viel Bewegung brauchen wir, um uns wohlzufühlen?
Da gibt es jede Menge pauschale Zahlen. Da bin ich kein Freund davon. Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Da spielt die Genetik eine große Rolle. Es gibt Menschen, für die reicht es vollkommen aus, wenn sie eine gut aufgestellte Alltagsbewegung haben, aufgrund ihres Berufes, aufgrund ihres Werdeganges, ihrer Erziehung. Die Bewegungsfreude wird schon als Embryo impliziert. Ob die schwangere Mama Sport treibt oder nicht ist entscheidend für den weiteren Lebensweg des noch Ungeborenen. Weil im Mutterleib Signale gesetzt werden: Wenn die Mama sich bewegt und sich anstrengt, hat sie einen erhöhten Nährstoffdurchsatz, von dem der Embryo profitiert. Das ungeborene Kind hat eine höhere Sauerstoff-, eine erhöhte Nährstoffversorgung als wenn Mama auf der Couch liegen würde. Weil wir über unser Blut, wenn wir anfangen uns zu bewegen, mit Nährstoffen und Sauerstoffen versorgt werden. Wir unterscheiden da zwischen Sport und einer Alltagsbewegung, wo Menschen es in ihrem Beruf und in ihrem Umfeld gewohnt sind, wenn sie in den zweiten Stock müssen, automatisch ins Treppenhaus zu gehen, ohne drüber nachzudenken. Oder wenn ich eine Entfernung von einem Kilometer zurücklege, dass ich das automatisch zu Fuß tue und nicht das Auto nehme. Wir möchten eine Alltagsbewegung bei den Menschen erstrebenswert machen. Da gibt es viele Möglichkeiten. Bei dem Menschen selber, dass er sagt, ich nehme jetzt ganz bewusst nicht das Auto sondern gehe zu Fuß. Aber das geht schon viel früher los. Beispielsweise bei der Ausbildung der Architekten, dass Treppenhäuser in öffentlichen Gebäuden oft nicht so konzipiert werden, dass man sie benutzen muss. Wenn man sie benutzen will, muss man sie suchen und sich dann mit dem gesamten Gewicht durch eine selbstschließende Stahltüre werfen. Es gibt keinerlei Anreiz, das Treppenhaus zu benutzen. Und innen sieht es aus wie in einem Busbahnhof in den 60er Jahren, während die Aufzüge hell und freundlich gestaltet sind, als Lobby, mit Werbetafeln. Man kann es nicht nur bei den Menschen verorten, dass sie sich zu wenig bewegen, weil sich unser ganzes Leben wegorientiert von der Bewegung.

Es gibt Menschen, die sagen, ich bin im Alltag aktiv, arbeite viel im Garten, mache den Haushalt. Ich brauche keinen Sport. Reicht das tatsächlich aus?
Ich vermeide generell Pauschalaussagen. Ich tendiere dazu zu sagen, dass diese Art der Bewegung und auch die berufliche durchaus auch mal krank machen kann, wenn es immer dieselbe ist. Wer sein Leben lang hinter dem Presslufthammer steht, wird eine Skeletterkrankung kriegen. Die Vielseitigkeit der Alltagsbewegung ist Trumpf. Die Gartenarbeit, das wissen wir alle, führt zunächst mal zu einem Muskelkater, weil die Bewegung ungewohnt und oft übertrieben ist. Wir brauchen eine Bewegung im Sinne von Sport, unter Anleitung, um all den negativen Auswirkungen unseres Alltags entgegenzusteuern.

Was gibt es denn für Tricks, um den inneren Schweinehund zu überwinden und was fürs Bewegungskonto zu tun?
Ziele setzen. Zunächst zu sagen, wenn ich anfange, mich zu bewegen, dann nicht, weil ich abnehmen will. Nicht anfangen, täglich die Waage zu kontrollieren und sich fragen, hat das auch funktioniert? Das geht in die Hose. Sondern wenn ich mich entscheide, mehr Bewegung in meinen Alltag zu bringen, dass ich das über eine erhöhte Fitness und körperliche Leistungsfähigkeit definiere. Ich versuche den Menschen immer näher zu bringen, dass die Motivation einfach darüber geht, dass man körperlich leistungsfähiger und fitter werden möchte. Alltagsfitness. Dass man zwei Stockwerke nach oben gehen und da oben immer noch erzählen kann, was man will.

Also sind Sie kein Fan von Schrittzählern, Pulsuhren und Fitnessapps?
Doch. Alles was die Menschen motiviert, fitter zu werden und motiviert, regelmäßig etwas für sich zu tun, hat seine Wirkung. Ich verwende nicht eine App und sage, mit dieser App wird es funktionieren. Aber ich gebe bekannt, dass es Apps gibt und wer möchte, kann es damit versuchen. Alles was hilft, ist gut und es kann helfen, sich zu motivieren etwas zu tun, was der Körper regelmäßig verlangt aufgrund seiner Bauart. Sich Ziele setzen, motiviert. Es kann auch durchaus eine Motivation sein, nächstes Jahr am Firmenlauf teilzunehmen. Eine Motivation für Menschen am Rollator kann sein, wenn fünf Treppen auf mich zukommen, dann möchte ich diese Treppen bewältigen können. Dazu reicht es nicht, wenn ich mich auch regelmäßig mit dem Rollator bewege. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass Menschen, die am Rollator gehen, durch regelmäßiges Training wieder am Stock gehen können und Menschen, die am Stock gehen, wieder ohne Stock gehen können und dass Bettlägerige durch ein regelmäßige Training an den Rollator können. Das ist nachgewiesen. Aber es sollte für jeden Menschen die Motivation sein, dass er fitter werden will.

Was passiert am Samstag auf dem Mehrgenerationenplatz in St. Julian?
Da hat sich eine Gruppe zusammengetan, bestehend aus der Gemeindeschwester Plus und dem Seniorenkoordinator, Amelie Donauer vom Turnverein Offenbach-Hundheim, die ein Programm für Kinder anbietet, der Rheumaliga Kusel und der Laufschule Bergs. Der Mehrgenerationenplatz hat viele bauliche Möglichkeiten, sich körperlich zu betätigen. Das geht von einem Parcours, den man mit dem Rollator abgehen kann, über einen Fahrradparcours, einer Tischtennisplatte über fest installierte Trampolins und Turngeräte. Der Turnverein Offenbach-Hundheim kommt mit drei Übungsleiterinnen und umfangreichem Material. Es werden auch Wasserspiele angeboten. Wir werden einen zusätzlichen Parcours für Rollator- beziehungsweise Rollifahrer aufbauen. Wir werden anregen und fördern, dass Kinder und ältere und alte Menschen nicht nur gemeinsam, sondern wirklich zusammen die Anlage und die vielen Möglichkeiten nutzen. Es gibt ein Mitmachprogramm auf einer Bühne und wir alle, die wir da vor Ort sind, bieten eine Führung an den Stationen an und zeigen Übungen. Da kann jeder unverbindlich vorbeikommen und mitmachen.

Bewegungstage im Land

Zwei Tage lang bietet die Landesinitiative „Land in Bewegung“ an diesem Wochenende in ganz Rheinland-Pfalz kostenlose Bewegungs- und Mitmachangebote an, um die Menschen aller Generationen zu mehr Bewegung zu animieren. Organisiert wird das Ganze von den Bewegungsmanagern der entsprechenden Städte und Kreise. Einen Übersicht über das komplette Angebot, das sich von Samstag bis Sonntag erstreckt, gibt es auf https://land-in-bewegung.rlp.de.
Treffpunkt für den Kreis Kusel ist am Samstag von 14 bis 16 Uhr auf dem Mehrgenerationenplatz in St. Julian. Jeder ist willkommen, die Mitmachangebote auszuprobieren, Fragen zu stellen und sich mit oder ohne Anleitung zu bewegen. huzl

Braucht es Schrittzähler oder Apps, um sich zur Bewegung zu motivieren? Bewegungsmanager Günther Bergs hat dazu seine eigene Mei
Braucht es Schrittzähler oder Apps, um sich zur Bewegung zu motivieren? Bewegungsmanager Günther Bergs hat dazu seine eigene Meinung.
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