Offenbach-Hundheim Arno-Frank-Roman: Wie normale Leute zu Nazis werden

Arno Frank las nur aus seinem Roman „Ginsterburg" und gab Einblicke in den Schaffensprozess.
Arno Frank las nur aus seinem Roman »Ginsterburg« und gab Einblicke in den Schaffensprozess.

Der Autor und Journalist Arno Frank las am Dienstag im evangelischen Gemeindehaus in Offenbach-Hundheim aus seinem dritten Buch „Ginsterburg“.

Nicht vom „Feldherrenhügel der Gegenwart“ urteilend, sondern leise und oft durch die Blume, zeigt der Pfälzer Autor Arno Frank, 1971 in Kaiserslautern geboren, in seinem dritten Buch durch die Bewohner der titelgebenden fiktiven Kleinstadt „Ginsterburg“, die Entwicklung von Menschen zwischen 1935 bis 1945. „Das waren normale Leute. Das ist das Grausame daran.“

Über die Opfer des Dritten Reiches gibt es bereits zahlreiche Bücher, der Westpfälzer Journalist und Autor Arno Frank wählte einen untypischen Weg und zeigt die Geschichten der Täter und Mitläufer, die alles mitzuverantworten hatten. Dabei zeigt sich: Menschen sind vielschichtig, ambivalent, kaum jemand ist nur gut oder schlecht.

In drei Teile gegliedert

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, vergleichbar mit einer Symphonie mit wiederkehrenden Motiven. Er wählte bewusst die Jahre 1935, zwei Jahre nach der Machtergreifung, 1940 als der Krieg kurz gewonnen schien und 1945, als die Quittung kam. „Mich interessierte, warum Leute handeln, wie sie handeln“ und genau das zeigt er in der Lesung sehr eindrücklich am humanistisch geprägten Journalisten, der sich von einem nationalsozialistischen Bekannten überrollen lässt oder auch an Lothar Sieber, einer der wenigen realen Figuren.

1935 ein verträumter Knabe, ist er schon im Zeitfenster 1940 ein dekorierter Kampfpilot. Er sei wohl der erste Mensch gewesen, der mit einer Rakete aus Holz die Schallmauer durchbrach und mit dem Leben zahlte. Was bewog ihn Teil des Systems zu sein? War er strammer Nazi, gehorsamer Soldat? Immer wieder schwingt die Frage mit, wie man sich selbst verhalten hätte. Auch der Autor weiß nicht mit Gewissheit, wie er damals gehandelt hätte und der mahnende Zeigefinger zeigt weder in die Vergangenheit noch in die Gegenwart, aber „mich nervt die Selbstgewissheit derer, die behaupten, sie hätten sicher auf der richtigen Seite gestanden.“

Zeitzeugnisse eingebaut

Arno Frank gab in Offenbach-Hundheim auch Einblicke in den Schaffensprozess. Wie Figuren entstanden, die nicht wie „Pappaufsteller oder Marionetten für etwas stehen, sondern wie Menschen agieren, die es geben könnte“. Eingebaut ins fiktive Ginsterburg sind reale Zeitzeugnisse und „ich hatte besondere Freude Leute so reden zu lassen, wie sie damals sprachen.“ Das schafft nicht nur Authentizität, sondern zeigt, wie Sprache verroht und Kälte Einzug hält. Das veranlasste ihn zu einer ungeplanten Nebenfigur, als seine Tochter nach dem Besuch der Tötungsanstalt Hadamar, in der behinderte Menschen landeten, von „Ballastexistenzen“ berichtete, einem Wort, dessen Kälte den Autor unheimlich traf.

Zum freien Schreiben, habe er alles über die Zeit wissen müssen, um nicht ins Frivole abzudriften. Zum Einfühlen kochte Gerichte aus dem Kochbuch vom Bund Deutscher Mädel, hörte die Musik, sah Filme von damals. Wie aktuell die Geschichte ist, zeigt sich an einer Partei in Sachsen-Anhalt, die sich an Inklusion stört und die Kälte in die Gegenwart bringt oder den USA, wo Museen umbenannt und Geschichte verklärt wird – ganz so wie in „Ginsterburg“.

Lesezeichen

Arno Frank: „Ginsterburg“, Roman, Verlag Klett-Cotta 2025, 432 Seiten, 26 Euro, auch als Hörbuch und E-Book.

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