Kusel
Alice Hoffmann und Bettina Koch machen Älterwerden-Kabarett
Friedhöfe sind das Facebook für Ältere! Das ist die erste Erkenntnis des Abends, die die beiden pensionierten Plaudertaschen Alice Hoffmann und Bettina Koch als „Die Ähn und das Anner“ unters Kulturvolk streuen. Auf einer Friedhofsbank scheint man ohnehin gut zu sitzen. Mit stilsicherem Sitzkissen unterm Allerwertesten und dem bestmöglichen Blick auf die Vergänglichkeit. Da drängen sofort die wichtigen Themen um Gleitsicht und Gleitcreme in den Vordergrund. „Wir sind noch lange nicht abgeschrieben“ lautet ein erstes Fazit der gutmütigen Grabsteinschachteln nach etwa zehn Minuten, musikalisch untermalt mit dem Sailor-Klassiker „Girls Girls Girls“ und dem Intro-Song der Muppets-Show. Genau: Macht Musik, bis der Schuppen wackelt und zusammenbricht!
Hoffmann und Koch stehen seit Mitte der 80er Jahre immer mal wieder gemeinsam auf der Bühne. Unabhängig davon können beide eine stattliche Präsenz im Fernsehen vorweisen. So sind sie unabhängig voneinander etliche Male im Fadenkreuz der ARD-„Tatort“-Krims aufgetaucht. Vom Älterwerden hat das Duo notgedrungen Ahnung. Und so unterstellt das Publikum in der bestenfalls halbvollen Fritz-Wunderlich-Halle zu Recht eine vielversprechende Fachkompetenz. Schließlich sind es exakt 140 Jahre Lebenserfahrung, die die zwei rüstigen Rentnerinnen locker vom Hocker in die Waagschale wuchten.
Nichts für Feiglinge
Der Schauspieler und Autor Joachim Fuchsberger wird im Programm indirekt erwähnt. Sein Buchtitel „Alt werden ist nichts für Feiglinge“ findet die volle Zustimmung der Protagonistinnen. Dennoch habe das Älterwerden auch eine Vielzahl von Vorteilen. Doch so sehr sich Hoffmann auch müht: sie fallen ihr gerade jetzt nicht ein. Im Alter ist es eben ein Kreuz mit den gedanklichen Aussetzern im Oberstübchen. Eine Einsicht, die fließend übergeht ins Thema Demenz und den stärksten Moment des Abends bereithält, als Hoffmann nachdenkliche Zeilen zur Vergesslichkeit in Gedichtform – passenderweise auswendig - vorträgt.
Gleichwohl sind der Abend und das Programm fast ausschließlich heiter. Koch spricht vom Zettel, den man als Gedächtnisstütze für Notizen gerne nutzt, dann aber so gut aufbewahrt, dass er nicht mehr aufzutreiben ist. Dieses Drama in Papierform scheint sie nicht alleine zu kennen. Das komplette Publikum lacht an dieser Stelle so herzlich, wie man eben lacht, wenn man sich ertappt fühlt.
KI und Pflegeroboter
Rechtzeitig mit dem Altern anfangen, lautet eine weitere, von Bettina Koch eingestreute Weisheit. Weil man eben nur dann ausreichend Zeit dafür hätte. Alice Hoffmann ergänzt, dass es ohnehin die Anderen seien, die mit dem eigenen Altern immer merkwürdiger würden. Doch das spielt eh nur eine untergeordnete Rolle, später, wenn der letzte Akt in der Lebensplanung bevorsteht und die Tage in der Seniorenresidenz „Hotel Inkontinental“ von Künstlicher Intelligenz sowie Gehhilfe- und Pflegerobotern dominiert werden.
Doch so weit ist es bei den beiden Frauen noch lange nicht. So richtet sich auch mitten auf dem Friedhof noch der Blick zielsicher in Richtung starkes Geschlecht. Mit alter oder neuer Brille und mit oder ohne ekligem Pickel mitten im Gesicht. Nach 90 Minuten ist das Loblied aufs Alter verklungen.
Auch junge Leute im Saal
Das liebenswürdige Gastspiel eines ungemein nahbaren Plaudertandems wird mit anhaltendem Applaus gewürdigt. Kein Wunder: Bei nicht wenigen im Saal ist das Altern auch das Thema, das bereits nachhaltig an die eigene Haustür hämmert, was den Grad der Identifikation mit den beiden Hauptdarstellerinnen logischerweise sprunghaft ansteigen lässt. Doch es waren auch junge Menschen im Publikum, denen ein für sie noch weitentfernter Blick in die Glaskugel des Lebens gewährt wurde. Sie mögen sich ihren eigenen Reim drauf gemacht haben.
Der kuscheligste Satz geht Alice Hoffmann gegen Ende der Veranstaltung über die Lippen, als sie überaus lebenserfahren bekennt: „Alter schützt nicht vor Liebe, aber die Liebe vor dem Altern.“ Das ist die wunderschöne Schlusserkenntnis zum Einrahmen. Herzlichen Dank dafür!