Erzenhausen
Zwischen Hof, Familie und Ehrenamt: Wie die Frauen auf dem Wiesenbergerhof anpacken
Wenn Sonja Diehl auf dem Wiesenbergerhof in Erzenhausen durch die lichtdurchfluteten Ställe geht, wird sie von den Milchkühen erkannt. Das mag daran liegen, dass sie für die Kühe einst die wichtigste Person auf dem Bauernhof war. Denn Diehl steht den Kälbchen direkt nach der Geburt mit der Milchflasche zur Seite. Auch später im „Kindergarten“, wo die Kälber in der Gruppe heranwachsen, wird sie immer noch gerne gesehen.
Kein Wunder also, wenn die zu Milchkühen herangereiften Tiere die Bäuerin erkennen. Aber nicht jede Kuh zeigt diese Freude mit der gleichen Intensität: Die eine nimmt Tuchfühlung auf, die andere beäugt sie aus der Distanz. „Kühe haben Charakter, jede ist anders“, erklärt Diehl. Sie gesteht, dass ihr das Herz aufgehe, wenn es den Tieren gut gehe und sie das auch zeigten.
Die ganze Familie packt an
Der Wiesenbergerhof in Erzenhausen ist ein Milchviehbetrieb, der von Andreas Diehl, seiner Frau Sonja Diehl, Sohn Johannes Diehl und Schwiegertochter Anne Diehl bewirtschaftet wird. „Wir Frauen sind im Hintergrund und halten alles am Laufen“, sagt Sonja Diehl aus Überzeugung. Damit meint sie auch Schwiegertochter Anne Diehl, die immer mehr Arbeiten im Büro und bei den Tieren von ihr übernimmt. So sei es schon bei ihren Schwiegereltern gewesen, die unten im Dorf einst den Kuhstall hatten.
Der Bauernhof wurde bereits vor Jahren auf den Wiesenbergerhof ausgesiedelt, mit offenen Stallungen und Melkroboter – sehr zur Zufriedenheit der Kühe. So sieht es jedenfalls Sonja Diehl, für die das Wohlergehen der Tiere das A und O in der Landwirtschaft ist. „In einem Milchviehbetrieb funktioniert es nur, wenn die ganze Familie dahintersteht“, sagt Diehl. Denn trotz aller Technik müssten die Menschen mindestens zweimal täglich bei den Tieren sein.
Über Umwege zurück zur Landwirtschaft
Diehl stammt aus der Landwirtschaft, ist auf einem Hof in Rothselberg im Kreis Kusel als jüngstes von vier Kindern aufgewachsen. Sie sollte den elterlichen Betrieb übernehmen. „Da war schon Druck da, die Erwartungshaltung war hoch“, sagt sie rückblickend. Erstmal wollte Diehl sich aber nicht festlegen: Sie ging nach Kaiserslautern, machte Abitur und lernte anschließend den Beruf Hauswirtschafterin. Ihre Lehrzeit auf einem Weingut in Eschbach an der Südlichen Weinstraße und bei einem Gemüsebetrieb in Gönnheim im Kreis Bad Dürkheim bezeichnet sie als zwei wertvolle Jahre. Darin schließt sie ihren Sieg im Bundeswettbewerb im Bereich der Hauswirtschaft mit ein.
„Es war ein Wachsen der Persönlichkeit“, sagt sie heute zu ihrem Weg, der sie gut auf den folgenden Spagat zwischen Familie, Landwirtschaft und Ehrenamt vorbereitet habe. Beim Tanzen lernte sie ihren heutigen Mann Andreas kennen – und die Landwirtschaft hatte sie zurück.
Ein Programm, das voller nicht sein könnte
Und wie: Die Familie mit drei Kindern, die Büroarbeit, die, wie sie sagt, trotz Versprechen aus der Politik immer mehr Raum einnimmt, dazu die Tiere und der Haushalt, dazwischen die Meisterschule und die Weiterbildung zur Agrar-Betriebssekretärin – das war viele Jahre lang ganz „normaler“ Alltag für Diehl. Als Hauswirtschaftsmeisterin saß sie zudem im Prüfungsausschuss der Landwirtschaftskammer. Auf dem Wiesenbergerhof hat sie viele junge Menschen ausgebildet.
Zusätzlich ließ sich Diehl zur Milch- und zur Agrarbotschafterin ausbilden. Sie zog durch die Schulen, um den Kindern die Natur und den Weg vom Gras zur Milch nahezubringen. Auch für gesunde Ernährung wollte sie Bewusstsein schaffen. Zu Zeiten der Krankheit BSE, im Volksmund „Rinderwahnsinn“ genannt, und der dadurch entstandenen Verunsicherung bei den Verbrauchern stand sie mit Informationsständen vor den Geschäften, um über die heimische Landwirtschaft aufzuklären und Vertrauen zurückzugewinnen.
Und all das, obwohl es auf dem Hof in Erzenhausen an 365 Tagen im Jahr ohnehin genug Arbeit gab – denn die Rinder kennen keinen Sonntag.
Mit Tatkraft, Herzblut und Idealismus
„Ohne Idealismus und Herzblut geht es in der Landwirtschaft nicht“, sagt Diehl. Ohne ein Arbeiten im Team und im Familienverbund funktioniere es nicht. Teamarbeit war ihr auch während ihres langjährigen ehrenamtlichen Engagements bei den Landfrauen wichtig. Ob als Ortsvorsitzende oder Kreisvorsitzende im Landfrauenverband – ihr ging es immer auch darum, die Frauen und deren Einsatz in der und für die Landwirtschaft sichtbar zu machen.
Seit geraumer Zeit hat sich Diehl ein bisschen aus der Verantwortung im täglichen Hofgeschehen zurückgezogen. Sie nennt sich selbst scherzhaft „Senioren-Beauftragte“ der Familie. Sie will für die ältere Generation, für Familienmitglieder, die viele Jahre lang für sie da waren, wenn sie gebraucht wurden, da sein und Zeit haben. Der Familie etwas zurückzugeben, ist ihr wichtig – auch das gehört für Diehl dazu, wenn es um Frauen in der Landwirtschaft geht.
Die Serie
Die Vereinten Nationen haben 2026 zum „Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft“ erklärt. Wir stellen einige der Frauen vor, die für die Landwirtschaft und die Ernährungssicherheit von zentraler Bedeutung sind.