Niederkirchen
Zwischen Folientunnel, Hühnermobil und Alltag: So arbeitet eine Bäuerin auf der Karlshöhe
Auf der Karlshöhe weht meist ein frischer Wind. Das war auf der Höhe, die zu Niederkirchen, genauer zum Ortsteil Heimkirchen gehört, schon immer so. Dort oben an der ehemaligen Römerstraße, die von Otterberg über Heiligenmoschel weiter nach Meisenheim führte, wurde auf dem steinigen Land gefühlt schon vor ewiger Zeit Landwirtschaft betrieben. Ackerbau, eine Hengststation mit Kaltblütern der Rasse Pfalz-Ardenner, eine Gastwirtschaft oder auch die Zucht von Simmentaler Rindern gab es alles schon. Auch Stillstand und leere Gebäude sind der Karlshöhe nicht unbekannt. Nach 1993 wurde fast 30 Jahre lang nichts mehr angebaut, kein Vieh stand im Stall.
Das änderte sich erst im Jahr 2022. Die Triererin Amelie Schlottmann, gelernte Landwirtin, entdeckte das Fleckchen Erde, hauchte ihm neues Leben ein und zog mit Kind und Partner ins alte Bauernhaus. Die ersten zwei Jahre arbeitete sie zusammen mit ihrem Kollegen Michael Rachfahl, seit 2025 ist sie alleinige Bäuerin. Nein, sie baut kein Getreide an, wie es früher war, hat auch kein Großvieh, mal abgesehen von den drei Ochsen, die sie als Hobby bezeichnet und die ihr wichtig fürs eigene Gemüt sind.
220 gackernde Mitarbeiterinnen
Amelie Schlottmann bewirtschaftet auf der Karlshöhe einen Biobetrieb mit Salaten und Gemüse, das sie im Folientunnel und auf der Freifläche daneben anbaut. Dort kommen auch die Kartoffeln in die Erde. Alles wird über Abokisten oder im Hofladen verkauft. Der fügt sich mittlerweile bestens in die alten Stallungen ein. Die Abokisten werden geliefert oder können abgeholt werden.
Auf ihrem verstreut liegenden zehn Hektar großen Land wohnen und arbeiten ihre gut 220 Mitarbeiterinnen – Hühner der Rasse Coffee and Cream. Das bewegliche Hühnermobil sorgt dafür, dass die gackernden Damen beim Gang an die frische Luft immer auch ein Stück Wiese unter die Füße und vor den Schnabel bekommen. Drei Zwergziegen leben als „Bodyguards“ bei der Hühnerschar und sollen den Habicht auf Abstand halten. Das funktioniert gut, ist von der Bäuerin zu hören. Drei Hähne sind ebenfalls zu entdecken. „Die gehören doch dazu“, will Amelie Schlottmann, dass es ihren eierlegenden „Mitarbeiterinnen“ so gut wie möglich geht.
Frauen sind in der Landwirtschaft noch selten
Ihr selbst ginge es besser, wenn das Hühnerfutter nicht in 25-Kilo-Säcken stecken würde, spricht sie einen aus ihrer Sicht wenigen Punkte an, bei denen sie spürt, dass Landwirtschaft bislang traditionell ein Männer-Beruf war. Das sei bei den Maschinen und Gerätschaften nicht anders. „Sicher ist das so gewachsen, aber es ist doch längst mal an der Zeit, hier für etwas mehr Leichtigkeit zu sorgen“, blickt Schlottmann auch auf ihre Lehrzeit zurück, die sie auf Wanderschaft bei verschiedenen Demeter-Betrieben absolviert habe. Dort hatte sie nur männliche Chefs, das sei okay gewesen, auch weil ihr immer viel zugetraut wurde. Gerne hätte sie von einer Bäuerin Tipps und Tricks gelernt, die einer Frau das Arbeiten dort erleichtern, wo alles auf den Mann abgestimmt ist.
Zur Serie
Die Vereinten Nationen haben 2026 zum „Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft“ erklärt. Wir stellen einige der Frauen vor, die für die Landwirtschaft und die Ernährungssicherheit von zentraler Bedeutung sind.
„Was ich mit der Zeit hier auf dem Hof gelernt habe, das ist, um Hilfe zu bitten“, gibt sie zu, dass es manchmal alleine nicht geht – weder für Mann, noch für Frau. Dabei, alleine ist sie gar nicht. Sie beschäftigt zwei Mitarbeiter, allerdings nur wenige Stunden, und sie kann sich auf Freundinnen und Freunde verlassen, die schon mal Spitzenarbeitszeiten abfedern. „Es gibt auch gute Kooperationen mit anderen Betrieben“, stellt sie klar, dass dies für sie unverzichtbar ist.
„Es ist ja kein Fehler, abends müde ins Bett zu gehen“
An ihrer Seite ist zudem ihr Freund. Er geht einem anderen Job nach, packt aber mit an, wenn sie ihn braucht. „Mein Freund und ich teilen uns die Kinderbetreuung auf: Einer ist beim Kind und einer im Garten“, sagt Schlottmann und lacht. Das sei eine moderne Landwirtsfamilie. Normalerweise sitzt sie „mal kurz“ auf dem Trecker oder ist beim Gemüse, während sich der Freund um den Haushalt und die sechsjährige Tochter kümmert. Das sei in der Regel ja andersherum.
Amelie Schlottmann beschreibt ihr Leben als Bäuerin als erfüllend, abwechslungsreich und als etwas, das Körper und Geist anspreche. „Es ist ja kein Fehler, abends müde ins Bett zu gehen“, sagt sie. Natürlich sei es ein immenser Spagat, den sie sich da zwischen Betriebsaufbau, dem Betrieb selbst, Kleinkind, Partnerschaft, Freundschaften und dem Haus, das ja auch Pflege benötigt, abverlange. Aber, und das betont sie, neben dem Betrieb liege ihr wichtigster Fokus darauf, viel Zeit mit Tochter und Partner zu verbringen. Mitunter blieben dann im Garten und in der Landwirtschaft auch Dinge unerledigt.
Die große Schattenseite am Bäuerinnen-Dasein sei für sie der immense Zeitdruck, der aus Wetter, Finanzen und familiären Verpflichtungen entstehe. Um das ein bisschen abzufedern, wünscht sich die Landwirtin viele Kunden, die regional und saisonal einkaufen, und ihre Arbeit genau wie die ihrer Kolleginnen und Kollegen unterstützen.
Info
Mehr Infos zum Hofladen, den Öffnungszeiten oder den Gemüsekisten im Abo unter biohof-karlshoehe.de.