Kreis Kaiserslautern
Wirtschaftsförderer im Interview: Der Landkreis Kaiserslautern trotzt der Krise
Die Nachrichten aus der Wirtschaft stimmen derzeit alles andere als positiv: Die Konjunkturaussichten sind düster und täglich gibt es neue Meldungen von Stellenabbau. Wie sieht es im Landkreis Kaiserslautern aus?
Ja, die Konjunktur in Deutschland ist schlecht. Da passen die Zahlen aus dem Landkreis Kaiserslautern eigentlich gar nicht in die Landschaft. Laut Agentur für Arbeit, die immer mit einem zeitlichen Abstand von einem halben Jahr Monatsdaten herausgibt, hatten wir 2025 im September eine Rekordbeschäftigung: Im Kreis gab es damals 27.820 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. So viele wie nie zuvor. Auch die Anzahl der Azubis war sehr positiv.
Schön, aber das war im September vergangenen Jahres, bevor die Krise immer mehr zum Tragen kam. Wie sieht es denn heute aus?
Erfreulicherweise ist diese sehr hohe Anzahl an Arbeitsplätzen nach wie vor sehr stabil, die Arbeitsmarktsituation noch sehr gut, wie wir von der Arbeitsagentur hören. Dies fällt besonders auf, wenn man es historisch betrachtet: 2016, also vor zehn Jahren, hatten wir im Kreis noch 25.190 Arbeitsplätze. Nun sind es 27.820. Über die Jahre ist dies eine Erhöhung um rund 10,4 Prozent. Bei gleichzeitigem Abbau der ausschließlich geringfügig Beschäftigten, was natürlich positiv zu sehen ist.
Auch die Krise im Saarland, etwa beim Automobilzulieferer ZF, hat sich hier bei uns im Kreis noch nicht negativ auf die Arbeitslosenzahlen ausgewirkt. Darum sage ich: Der Landkreis Kaiserslautern ist ein Fels in der Brandung.
Woran liegt es Ihrer Ansicht nach, dass die Situation im Landkreis gegen den allgemeinen Trend noch so stabil ist?
Ich denke, das ist hauptsächlich unserer recht robusten Wirtschaftsstruktur geschuldet, denn wir haben hier eine große Vielfalt verschiedener Branchen. Dieser Branchenmix aus größeren und kleineren mittelständischen Unternehmen in den Gewerbegebieten wurde bewusst gesteuert. Die Orts- und Verbandsgemeinden haben im Kreis bei Ansiedlungen immer auf die Anzahl der Arbeitsplätze pro Quadratmeter Fläche geachtet und zugleich, dass vielfältige Arbeitsplätze angeboten werden. Das zahlt sich nun aus.
Gibt es aktuell Anfragen von weiteren ansiedlungswilligen Unternehmen?
Ja, aus der Logistik. Dieser Bereich steht zwar öfter mal wegen des Flächenverbrauchs in der Kritik, aber er bietet Arbeitsplätze für Menschen mit geringer Qualifikation und ist zugleich wichtig für den Weitertransport von Waren aus Industriebetrieben. Häufig liegt der Fokus auf der Logistik des Konsums, aber ohne Logistik kann kein größeres Unternehmen Produktionsgüter erhalten und die veredelten Produkte weitervertreiben. Die Stabilität von Lieferketten ist ein kritisches Thema und findet immer mehr Beachtung.
Welche Logistiker haben denn derzeit Interesse an einem Standort im Landkreis Kaiserslautern geäußert?
Vor allem haben wir derzeit Anfragen von Unternehmen der value added logistics, der wertschöpfenden Logistik. Das sind Firmen, die nicht nur für den Transport der Waren sorgen, sondern weitere Dienstleistungen wie etwa die Endmontage oder Verpackung übernehmen.
Haben Sie mal ein Beispiel für so ein Unternehmen?
Leider ein schlechtes: Das Rofu-Lager in Ramstein, das geschlossen werden soll, wie die Tage zu erfahren war. Beispielsweise setzen Mitarbeiter in solchen Unternehmen Teile zusammen und stellen somit das Endprodukt vor Ort quasi her. Das erleichtert unter anderem den Transport.
Jetzt werden die rund 60 Mitarbeiter im Ramsteiner Außenlager von Rofu-Kinderland arbeitslos.
Ja, leider! Aber die Chancen für diese Menschen, einen neuen Job zu kriegen, stehen meines Erachtens gut. In den Amazon-Niederlassungen in Ramstein und Kaiserslautern werden immer wieder Kräfte gesucht, ebenso in den Discountern. Als 2025 im Kaiserslauterer Pfalz Center die Edeka-Filiale dicht machte, haben wir von der WfK uns mit der Branche beschäftigt und festgestellt, dass diese Beschäftigten in der Regel schnell unterkommen, da die Branche insgesamt weiter am Wachsen ist. In diesem Segment gibt es viele offene Stellen. Erst recht gilt das natürlich für Erzieher und Pflegekräfte. In diesen Branchen herrscht großer Fachkräftemangel. In der Automotivbranche, die sich ja in einer großen Krise befindet, ist es dagegen im Moment eher schwierig.
Apropos Fachkräfte: Anfragen von ansiedlungswilligen Unternehmen mit Industriearbeitsplätzen gibt es derzeit nicht?
Ja und nein. Aufgrund der Gesamtsituation sind diese Betriebe sehr zurückhaltend. Wir können jedoch beobachten, dass diese Unternehmen großes Interesse haben, sobald eine passende Fläche vorhanden ist. Aktuell brauchen wir einen Interessenten, um eine Fläche aktivieren zu können. Dies müsste komplett gedreht werden: Wir brauchen die Fläche, damit das Unternehmen eine Ansiedlung überhaupt erwägt.
Von dem jahrelang vergeblich verfolgten Vorhaben, einen gemeinsamen Zweckverband zur Erschließung neuer Gewerbeflächen zu bilden, haben sich Stadt und Landkreis ja inzwischen verabschiedet. Nun wurde das Projekt auf die ganze Westpfalz ausgeweitet. Gibt es da etwas Neues?
Wir unterstützen diese Initiative, um die dringend benötigten Flächen zu erschließen. Konkrete Ergebnisse gibt es aber leider noch nicht. Aber wir geben nicht auf. Denn mit Blick auf die Zukunft birgt die jetzige Situation ein großes Risiko: Die Firmen, die bei uns anfragen, haben in der Regel ein enges Zeitkorsett, einen festen Plan, wann ihr neues Werk in Betrieb gehen soll. Da kann man als Region nicht lange rummachen. Und wenn man potenziellen neuen Investoren keine passenden Areale anbieten kann, bedeutet dies ja nicht nur Stagnation auf einem – bei uns noch hohen – Niveau, sondern auch immer die Gefahr der Abwanderung. Zum Beispiel wenn sich ein hier ansässiges Unternehmen erweitern möchte. Wenn es dann hier keine Flächen gibt, sucht sie sich das expansionswillige Unternehmen eben woanders und wir verlieren Arbeitsplätze und Steuereinnahmen.
Beim Dübelhersteller MKT in Weilerbach, der 2025 im neuen Gewerbegebiet Immel II ein großes neues Werk eröffnet hat, hat das ja mit der Erweiterung geklappt. Und zum Glück auch bei der abgebrannten Großwäscherei Elis in Landstuhl.
Ja, das sind wirklich positive Beispiele. Aber gerade der Fall Elis zeigt auch, wie wichtig Erweiterungsfläche sein kann. Die Großwäscherei hatte ja ihr altes Gelände, auf dem die abgebrannten Werksgebäude standen. Doch im Zuge des Wiederaufbaus wollte sich das Unternehmen in Landstuhl auch ganz neu aufstellen, modernisieren und erweitern. Ohne die zusätzliche Fläche, die man in unmittelbarer Nähe zur Verfügung gestellt hat, wäre das nicht möglich gewesen. Doch der Landstuhler Bürgermeister Mattia De Fazio und auch wir von der WfK haben uns sehr dafür eingesetzt, dass es mit der Erweiterungsfläche geklappt hat. So bleibt nun ein Unternehmen vor Ort, dass schon vor dem Brand mehr als 300 Arbeitsplätze für Menschen ohne spezielle Qualifikationen bot und nun seinen Mitarbeiterstamm noch erheblich erweitern will.
Zur Person
Philip Pongratz ist gebürtiger Münchner und hat in Politik- und Betriebswirtschaft promoviert. Nach beruflichen Stationen unter anderem in Berlin hat es den heute 65-Jährigen 2004 in die Pfalz verschlagen. Seit 22 Jahren leitet er als Geschäftsführer die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Kaiserslautern (WfK): In dieser Funktion kümmert er sich um Neuansiedlungen von Unternehmen und hält zugleich den Kontakt zu den örtlichen Betrieben, begleitet sie und ist im Boot, wenn diese expandieren wollen.