Mainz
Wie die Bundeswehr sich auf Krisen und den Ernstfall vorbereitet
T-man? Das hört sich irgendwie nach den Avengers an, den US-amerikanischen Comic-Superhelden. Tatsächlich hat Oberst Michael Trautermann einen engen Bezug zu den Vereinigten Staaten. Dort wurde auch die Abkürzung für seinen Namen eingeführt, als er nach dem Eintritt in die Bundeswehr 1985, der Grund- und Offiziersausbildung sowie einem Studium der Wirtschafts- und Organisationswissenschaften ab 1989 zwei Jahre fliegerische Ausbildung zum Waffensystemoffizier F-4E („Phantom II“) auf der George Air Force Base in Kalifornien absolvierte. Weil „Trautermann“ in keine der Diensttabellen passte, wurden verschiedene Abkürzungen ausprobiert – mit dem oben genannten Ergebnis.
Trautermann hat damit kein Problem, ist vielleicht sogar ein wenig stolz auf diese Abkürzung. So, wie sein grüner Uniform-Overall nahezu angewachsen zu sein scheint. „Ich trage die Kombi, bis es mir verboten wird“, sagt der 59-Jährige. Denn die Kluft steht für das, was er seit dem Abitur in Stuttgart lebt: Waffensystemoffizier bei der Bundeswehr, ein Jetflieger, der etliche Jahre seiner Laufbahn in den USA verbracht hat.
Zuletzt in Ramstein
Bevor Trautermann Ende März 2025 neuer Kommandeur des Landeskommandos Rheinland-Pfalz in Mainz wurde, war er seit 2021 als „Dienstältester Deutscher Offizier“ des deutschen Anteils im Hauptquartier des Nato-Luftkommandos auf der Air Base Ramstein im Einsatz. Es war das erste Mal, dass er beruflichen Kontakt mit der Pfalz hatte. Sein Fazit: Selten sei er, „noch dazu als Schwabe“, mit so offenen Armen empfangen worden. Vom ersten Tag an hätten ihn die Amerikaner und die deutschen Nachbarn ins Geschehen integriert.
Dass er auf der Base stationiert war, passt. Englisch ist wie seine zweite Muttersprache, immer wieder flechtet der Oberst englische Wörter in seine Sätze ein, und das nicht nur, wenn es um Fachbegriffe geht. Bei der Ausbildung von Kampfjet-Piloten arbeiten Deutschland und die USA seit den 1960er-Jahren zusammen. Und obwohl Trautermann viele Stationen seiner Berufslaufbahn in Deutschland erlebte, darunter zwei Jahre im Verteidigungsministerium, wollte er immer wieder zurück in die USA. Deshalb musste er nicht lange überlegen, als während seiner Zeit im Ministerium das Telefon klingelte und er gefragt wurde: „Hey, T-man, Du wolltest doch unbedingt in die USA, wir hätten da was im Pentagon für dich...“
An der deutschen Botschaft
Ab 2008 war er dann mit einer Unterbrechung als deutscher Verbindungs- beziehungsweise Austauschoffizier im US-Verteidigungsministerium im Einsatz sowie als Luftwaffen-Attaché an der deutschen Botschaft in Washington DC. „Das war richtig gut“, sagt er im Rückblick, zumal er vom ersten Moment an Kontakte geknüpft habe, die ihm später immer wieder geholfen hätten. Auch in Ramstein habe er Generäle und Stabsoffiziere getroffen, die er bereits von früher kannte: „Das war wie ein Heimspiel.“
Aber warum dieses Faible für die USA, für das er auch „Nachteile beim Karriereaufbau“ in Kauf genommen hat. Zum einen mag Trautermann den vielzitierten American Way of Life, zum anderen „die Art und Weise, wie die Amerikaner arbeiten und wie ich diese Zusammenarbeit erlebt habe“. In Zeiten von Donald Trump allerdings macht er Abstriche, sagt aber auch, dass diese Entwicklung schon Ende der 1990er-Jahre eingesetzt habe. Dass das Land so gespalten sei, mache es sehr schwer, ein soziales Leben ohne ständige, „mehr oder weniger unterschwellige“ Konflikte, aufzubauen. Seinen Jugendtraum, im Ruhestand in die USA überzusiedeln, hat er aufgegeben.
„Aggressiv unpolitisch“
Zum aktuellen Zeitpunkt hält es Trautermann für unwahrscheinlich, dass die Amerikaner großflächig Truppen aus Rheinland-Pfalz abziehen oder gar aus der Nato austreten könnten. Und auch die deutsch-amerikanische Freundschaft in Rheinland-Pfalz sieht er nicht in Gefahr, weil US-Militärs „aggressiv unpolitisch“ seien. Das erlaube ihnen, „die guten Gäste zu sein, die unsere Wahrnehmung von den Stationierungsstreitkräften prägen“.
Eine Annahme, die Michael Trautermann als Kommandeur des Landeskommandos immer wieder korrigieren muss: „Dass ich der Boss der in Rheinland-Pfalz stationierten 14.000 Soldaten und Soldatinnen sowie der rund 9000 Zivilisten bin.“ Tatsächlich ist das Landeskommando die oberste territoriale Kommandobehörde der Bundeswehr im jeweiligen Bundesland und damit erster Ansprechpartner der Landesregierung bei der zivil-militärischen Zusammenarbeit. Jeder der größeren Bundeswehr-Standorte im Land hat – jenseits der militärischen Befehlshaber – einen Standortältesten, der für die Liegenschaft verantwortlich ist und mit den zivilen Behörden, Beispiel kreisfreie Stadt und Landkreis, kooperiert. Diese Standortältesten unterstehen Trautermann ebenso wie Verbindungskommandos zu den Landkreisen. Dort sei der Personalbedarf derzeit besonders groß: „Das ist eine wichtige Führungsaufgabe und es wäre toll, wenn sich erfahrene Reservisten im Landeskommando melden und mit mir gemeinsam die Zusammenarbeit mit den Kreisen gestalten.“
Antrag von ziviler Seite
Was zivil-militärische Zusammenarbeit bedeuten kann, hat zuletzt die Flutkatastrophe im Ahrtal gezeigt. Der zivile Katastrophenschutz und die Bundeswehr hatten gemeinsam geholfen, Stichwort „Einsatz in Flecktarn“, wobei eine solche Zusammenarbeit streng geregelt ist. Trautermann: „Ein Einsatz der Bundeswehr im Inneren bedeutet immer, dass die zivile Seite das beantragen und das Operative Führungskommando der Bundeswehr oder sogar das Verteidigungsministerium darüber entscheiden muss.“
Als Reaktion auf die sich verschärfende sicherheitspolitische Lage in Europa gibt es seit einiger Zeit den sogenannten Operationsplan Deutschland, ein geheimer Plan der Bundeswehr, der die Landes- und Bündnisverteidigung in einem Verteidigungsfall regelt. Er umfasst militärische und zivile Aspekte und soll auch die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr, Behörden und der Bevölkerung im Ernstfall koordinieren. Der Plan beinhaltet unter anderem die schnelle Verlegung von Truppen durch Deutschland als logistische Drehscheibe der Nato.
Ukrainer als Vorbild
Auch dazu ist Trautermann im Gespräch mit den Landräten und Landrätinnen sowie den Oberbürgermeistern und Oberbürgermeisterinnen in Rheinland-Pfalz. Angesichts der Verkehrswege sei nicht jede Stadt und jeder Kreis gleichermaßen betroffen, sagt er, was kein Geheimnis sei, sondern auf der Hand liege. Nach seiner Einschätzung ist auch weniger die Frage, ob jede Brücke einem Marsch standhält. „Wenn wir über Zivilschutz reden, muss der Fokus darauf liegen, wie wir das Staatswesen am Laufen halten.“ Wie das geht, mache die Ukraine seit dem russischen Angriffskrieg vor.
Wichtig ist dem Oberst, dass es der zivilen Seite gelingt, die Bürger von Vorsorge und Verständnis zu überzeugen. Vorsorge zum Beispiel für den Fall, dass die Stromversorgung ausfällt. Verständnis dafür, dass ein militärischer Konvoi rollen muss, was eben auch gesperrte Verkehrswege bedeuten könne. Geklärt werden müssten Fragen wie die Verpflegung von Tausenden Soldaten, das Übernachten, das Auftanken von Fahrzeugen. All das, was den Operationsplan Deutschland ausmache, beginne ja schon vor dem Verteidigungsfall, weil eben beispielsweise Konvois schon viel früher in Gang gesetzt würden – „und da hat die Bundeswehr noch keinerlei Sonderrechte“.
All das habe nichts mit Panikmache zu tun, betont Trautermann, ebenso wenig wie die Investitionen, um die Bundeswehr wieder fit zu machen. Das gelte auch für den Fliegerhorst Büchel (Eifel), in den zwei Milliarden Euro gesteckt werden sollen, unter anderem wegen des neuen Kampfjets F-35 – ein Projekt, das der Landesverband der Linken zuletzt stark kritisierte. Eine Prognose, ob mit Blick auf das Personal eine vorerst freiwillige Wehrpflicht reicht, will er nicht abgeben. Allerdings ließen schon die Zahlen vermuten, dass das angesichts von gut 80.000 zusätzlich benötigten Soldaten schwierig werden könnte.
Ein Spiel und seine Folge
Trautermann selbst hat seine Berufswahl nicht bereut. Beworben hatte er sich bereits mit seinem Halbjahreszeugnis aus der zwölften Klasse. Weil in einem der Kartenquartett der beste Jet eine F-4 war. „Und die wollte ich unbedingt mal selbst fliegen.“