Landstuhl
Sommerinterview: Wie Diana Kutien Fachkräfte für die Pflege gewinnen will
Die Gesellschaft wird immer älter, es fehlen jetzt schon Fachkräfte, und die Zuzahlungen in der Pflege werden für die Patienten immer teurer. Haben Sie selbst Angst davor, alt zu werden und vielleicht nicht gut versorgt werden zu können?
Nein, ich habe keine Angst davor. Natürlich hat man, wenn man selbst in der Pflege arbeitet, eine Vorstellung davon, was man für sich möchte und was nicht. Insgesamt können wir aber zuversichtlich sein, dass wir Menschen künftig länger in den eigenen vier Wänden betreuen können.
Aber die Pflege wird doch immer teurer?
Fakt ist, dass die Personalkosten künftig in der Pflege steigen werden. Die Zuzahlungen für die Heimkosten werden steigen. Es ist schwierig abzuschätzen, welche Konsequenzen das für uns ambulante Dienste hat. Aus wirtschaftlicher Sicht könnte das bedeuten, dass Kunden bestimmte Leistungen weniger in Anspruch nehmen, um Geld zu sparen. Sich zum Beispiel, statt viermal die Woche nur noch zweimal duschen lassen. Zukünftig steigende Kosten können nicht nur durch die Patienten getragen werden. Hier ist es Aufgabe der Politik, die Weichen zu stellen.
Wie sieht das bei der Ökumenischen Sozialstation Westpfalz aus? Haben Sie genug Personal?
Bisher haben wir alle Touren mit Pflegefachkräften durchführen können. Zurzeit kümmern sich 31 Pflegefachkräfte, eine Altenpflegehelferin und sechs Auszubildende um 400 Patienten in den Verbandsgemeinden Bruchmühlbach-Miesau, Landstuhl, Ramstein-Miesenbach sowie den Städten Landstuhl und Ramstein. Doch damit das künftig auch so bleibt, stehen bei uns die vier Säulen Mitarbeitergewinnung, deren Bindung an das Unternehmen, ihre Ausbildung und Weiterentwicklung ganz oben auf der Agenda. Die Mitarbeiter sind die Nabe am Rad. Stimmt die Qualität ihrer Arbeit, sind auch die Kunden zufrieden.
Was tun Sie dafür?
Erst einmal ist es mir grundsätzlich wichtig, eine positive und wertschätzende Atmosphäre hier in unseren Räumen zu schaffen. Kaffee und kalte Getränke gibt es für die Mitarbeiter kostenlos. Jeder kann sich an den Obst- und Süßigkeitenkörben bedienen oder sich an einem heißen Sommertag ein Eis aus der Truhe holen. Damit sich die Mitarbeiter auch mal in Ruhe fünf Minuten hinsetzen können. Weiterhin erhalten unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen attraktive Gehalts- und Sonderzahlungen nach unserem Tarifwerk.
Wie werden die Mitarbeiter auf Sie als Arbeitgeber aufmerksam?
Um auf uns aufmerksam zu machen, setzen wir auf Social Media, unsere Website und Facebook sowie auf Mund-zu-Mund-Propaganda. Eine Bewerbung ist für jeden Interessierten unkompliziert über ein Kontaktformular über unsere Internetseite möglich.
Und wie kommen Sie an die Auszubildenden?
Seit diesem Jahr ist die Ökumenische Sozialstation auch wieder auf Messen präsent: Kürzlich auf der Leistungsschau in Ramstein und nächstes Jahr im April auf der Sickingenmesse in Landstuhl. Unsere Erfahrung ist, dass dieser Kontakt den jungen Leuten schon mal die ersten Berührungsängste nimmt. Wir wollen ein attraktiver Ausbildungsbetrieb sein, der seine Azubis gut betreut, und das spricht sich rum.
Was können Azubis bei Ihnen erwarten?
Wir sind für die Ausbildung personell gut aufgestellt und haben drei Praxisanleiterinnen. Diese, aber auch alle anderen Fachpflegekräfte kümmern sich um die jungen Leute. Bei uns fährt kein Azubi allein zu einem Patienten raus, sondern immer nur mit einer Fachkraft. Neben der praktischen Ausbildung gibt es theoretische Praxisanleitungen im Teamraum. Darüber hinaus finden nach Bedarf Gespräche bei einer Tasse Kaffee oder einer Cola in lockerer Atmosphäre statt, um mit den jungen Leuten ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Grundsätzlich erhalten die Auszubildenden zur Pflegefachfrau beziehungsweise zum Pflegefachmann eine angemessene Ausbildungsvergütung, die sich im März 2024 nochmals erhöhen wird. Weiterhin zahlen wir unseren Auszubildenden zukünftig einen steuerfreien Fahrtkostenzuschuss.
Sie hatten auch die Qualität der Arbeit angesprochen.
Weiterbildung ist ebenfalls ein großes Thema: Einerseits um die Qualität des Angebots aufrecht erhalten zu können, aber auch um frei werdende Leitungspositionen adäquat besetzen zu können. Derzeit wird eine Kollegin für ihre spätere Tätigkeit als stellvertretende Pflegedienstleitung fortgebildet, wenn die betreffende Mitarbeiterin in den Ruhestand geht. Zwei Mitarbeiterinnen werden als Fachtherapeutinnen zur Wundversorgung ausgebildet, und es gibt zwei Hygienebeauftragte. Im nächsten Jahr wird daneben noch eine Fachkraft zur Qualitätsbeauftragten weitergebildet. Die Kosten für die Weiterbildung werden von uns übernommen.
Sie bieten ja auch Leistungen im hauswirtschaftlichen Bereich an. Ist es dort einfacher, Mitarbeiter zu bekommen?
Ja, für unser „zweites Standbein“, das von unseren Kunden stark nachgefragt wird, gibt es deutlich mehr Bewerberinnen als bei der Pflege. Zurzeit beschäftigen wir 20 Mitarbeiterinnen in Teilzeit.
Wer kann sich dafür bewerben, braucht man dafür eine bestimmte Qualifikation?
Wir beschäftigen auch gelernte Hauswirtschafterinnen, aber nicht nur. Eine spezielle Ausbildung braucht man nicht. Man sollte aber empathisch sein und für die zu betreuende Person Verständnis aufbringen.
Wie weit ist die Ökumenische Sozialstation, was das Digitale angeht?
Seit Januar haben unsere Mitarbeiter auf ihren Touren Mobiltelefone im Einsatz, mit denen sie im Außendienst die Leistung per Handy erfassen. In einem nächsten Schritt soll auch die Dokumentation der Pflegemaßnahmen erfolgen. Eine große Aufgabe wird für uns in den nächsten Monaten die Anbindung an die Telematik-Infrastruktur sein.
Was hat es denn damit auf sich?
Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung soll die Telematik-Infrastruktur als eine Datenautobahn des Gesundheitswesens fungieren. Sie soll eine schnelle und sichere Kommunikation zwischen Ärzten, Krankenhäusern, Pflegediensten und anderen ermöglichen. Medizinische Informationen für die Behandlung von Patienten sollen so schneller und einfacher verfügbar sein. Die Teilnahme daran ist für die ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen bis 1. Juli nächsten Jahres verpflichtend.
Sie sind im September 2021 an die Ökumenische Sozialstation gekommen und haben Doris Grenner, die in den Ruhestand gegangen ist, abgelöst. Zuvor haben Sie zehn Jahre eine stationäre Pflegeeinrichtung im Kreis Kusel geleitet. Was haben Sie bisher als Ihre größte Herausforderung empfunden?
Das Managen der Corona-Pandemie war sehr herausfordernd. Ich hatte den Anspruch, sowohl unsere Kunden als auch meine Mitarbeiter bestmöglich zu schützen. Wir haben Touren umgestellt, so dass Infizierte zuletzt angefahren wurden, sich die Mitarbeiter dementsprechend schützen konnten und eine Verschleppung vermieden wurde. Auch nachdem die Testpflicht aufgehoben worden war, haben sich unsere Mitarbeiter freiwillig weiter getestet – zu Hause – damit nichts zur Arbeit eingeschleppt wird. Das Kontaktverbot war schwierig für die älteren Menschen. Oft war unser Mitarbeiter die einzige Person, die sie gesehen haben. Eine ältere Dame hat einmal zu mir gesagt: „Das ist schlimmer als der Krieg. Da durften wir wenigsten zusammen sein.“
Zur Sache
Die Ökumenische Sozialstation Westpfalz hat ihren Sitz in der Bruchwiesenstraße 43 in Landstuhl. Der Verein, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert, übernimmt alle Leistungen der häuslichen Krankenpflege nach ärztlicher Verordnung. Darunter fallen auch alle Leistungen der pflegerischen Grundversorgung und alle Leistungen im hauswirtschaftlichen Bereich. Zudem berät und schult sie pflegende Angehörige im häuslichen Umfeld der Pflegebedürftigen und berät zu Leistungsansprüchen bei Kranken- und Pflegekassen. Weitere Informationen unter www.sozialstation-landstuhl.de.