Niederkirchen RHEINPFALZ Plus Artikel Niederkirchen: Windkraft-Boom trifft auf volles Netz

Rund um Niederkirchen stehen einige Windräder. Leider drehen sich ihre Rotorblätter nicht immer, weil das Stromnetz nicht schnel
Rund um Niederkirchen stehen einige Windräder. Leider drehen sich ihre Rotorblätter nicht immer, weil das Stromnetz nicht schnell genug ausgebaut wird.

Niederkirchen ist ein guter Standort für Windräder. Doch das Stromnetz ist ausgelastet und Anlagen werden immer öfter abgeregelt. Der Ortschef hat daher eine klare Forderung.

Auf den Höhen rund um Niederkirchen weht’s. Für Windkraftanlagenbetreiber ist der Standort daher interessant. Zwölf Anlagen gibt es bereits auf der Gemarkung der nördlichsten Gemeinde des Landkreises Kaiserslautern, die zur Verbandsgemeinde Otterbach-Otterberg gehört. 14 bis 16 könnten in den nächsten Jahren in den Gemeindegrenzen dazukommen, sagt Ortsbürgermeister Wolfgang Pfleger. Denn derzeit seien fünf Unternehmen im Ort unterwegs, um die besten Standorte auszuloten. Der Gemeinde müssen sie ihre Planungen nicht vorlegen, aber von Landwirten, an deren Grundstücken die Unternehmen interessiert sind, weiß er, um welche Dimensionen es geht.

Kommune profitiert finanziell

Eigentlich müsste das den parteilosen Ortschef freuen. Denn Niederkirchen profitiert finanziell von der Windenergie. 150.000 Euro brachte sie der Gemeinde im vergangenen Jahr ein, im aktuellen Haushalt wird sogar mit 170.000 Euro gerechnet. Bezahlen müssen die Anlagenbetreiber vor allem dafür, dass sie ihre Windräder auf gemeindeeigene Flächen stellen dürfen oder öffentliche Wege nutzen können, um dorthin zu gelangen. Das macht laut der Verbandsgemeindeverwaltung Otterbach-Otterberg gut die Hälfte der Einnahmen aus. Die andere Hälfte kommt durch eine freiwillige Gewinnbeteiligung zustande, ermöglicht durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Demnach können Gemeinden bis zu 0,2 Cent pro Kilowattstunde für alle Windenergieanlagen (WEA) erhalten, die sich in einem Radius von 2,5 Kilometern um sie herum befinden. Niederkirchen hat 35 solcher Verträge abgeschlossen. Der Betrag wird, je nach Lage des Rades, anteilig an die umliegenden Kommunen aufgeteilt – sofern der Betreiber dem zustimmt. Denn es handelt sich dabei um eine freiwillige Leistung. Gezahlt wird sie vom Staat – allerdings nur für tatsächlich erzeugte und eingespeiste Kilowattstunden. Das bedeutet: Steht das Windrad, fließt auch keine Einspeisevergütungsbeteiligung. Laut Pfleger bedeutet es zum Beispiel einen Verlust von 18.000 Euro, wenn eine Drei-Megawatt-Anlage 1000 Stunden abgeschaltet wird.

Und abgeschaltet würden die Windräder in dieser Region von Rheinland-Pfalz mittlerweile häufig, sagt Pfleger. Er nennt auch den Grund dafür: „Das Stromnetz ist am Limit.“ Das bestätigen die Pfalzwerke, die in der Region für das Hoch-, Mittel- und Niederspannungsnetz und auch für seinen Ausbau zuständig sind. In vielen Regionen der Pfalz und der Saarpfalz seien in den vergangenen Jahren eine große Zahl neuer Erzeugungsanlagen, also Windenergie- oder Photovoltaik-Anlagen, in Betrieb gegangen. Das unterstützten die Pfalzwerke ausdrücklich. Dennoch seien damit auch Probleme verbunden. „In einzelnen Netzabschnitten ist die vorhandene Aufnahmekapazität, also die verfügbare Netzanschlussleistung, dadurch zum momentanen Zeitpunkt nahezu ausgeschöpft“, teilt Pressesprecherin Susanne Münch auf Nachfrage mit. Oberste Priorität habe für sie jedoch immer, alle Bürger und ansässigen Firmen zuverlässig mit Strom zu versorgen. Dieses Ziel könnte jedoch gefährdet werden, wenn es dort zu einer weiteren uneingeschränkten Einspeisung kommen würde. Pfleger folgert daraus: „Jedes zusätzliche Windrad führt dazu, dass bestehende Anlagen netzbedingt abgeregelt werden müssen.“

Wenn eine Engstelle droht

Dieser Redispatch genannte regulatorische Eingriff erfolgt immer dann, wenn berechnet wird, dass die Netze die an einer Stelle erzeugte Menge an Strom – zum Beispiel den Windstrom aus Niederkirchen – nicht aufnehmen und dorthin transportieren können, wo er gebraucht wird – etwa in die Ballungs- und Industriegebiete in der Vorderpfalz. Dann wird von den Netzbetreibern verfügt, dass die Windräder, die vor der Engstelle stehen, vom Netz genommen werden, während etwa Gaskraftwerke, die hinter der Engstelle liegen, mehr Strom produzieren müssen. Wer seine Produktion drosseln oder ganz abschalten muss, bekommt eine Ausgleichszahlung, und zwar in der Höhe, als ob nicht abgeschaltet worden wäre. Die Kommunen aber gehen leer aus, denn die 0,2-Cent-Beteiligung entfällt dann. Neu geregelt wurde der Redispatch zum 1. Oktober 2021. Laut Netzausbaubeschleunigungsgesetz betreffen diese Maßnahmen seither alle Anlagen ab einer Nennleistung von 100 Kilowatt, und damit auch Windenergie- und Photovoltaik-Anlagen (PVA). Gerade Windräder werden besonders oft abgeschaltet.

Zwei limitierende Faktoren gibt es im Stromnetz: die Strombelastbarkeit und die Spannung. Bei der Belastbarkeit geht es um die Temperatur, die in einer Leitung entsteht, wenn Strom durch sie hindurchfließt. Vereinfacht gesagt: Je mehr Strom hindurchgeleitet werden muss, desto mehr Wärme entsteht, was ab einem gewissen Wert zu einer Überhitzung und damit zu Schäden führen kann. Die Spannung wiederum muss im Netz möglichst konstant gehalten werden. Wo viel Strom verbraucht wird, fällt sie ab, wo viel erzeugt und eingespeist wird, steigt sie an. Zu hohe Spannungen können die Leitungen beschädigen. Sind sie jedoch zu gering, beeinflusst das die Übertragungskapazität negativ, sprich, es kann nicht so viel Strom durchgeleitet werden, wie eigentlich möglich wäre. Wolfgang Pfleger führt an, dass sich die Kosten, die in Deutschland für den Redispatch aufgrund von solchen Netzengpässen an Betreiber von WEA und PVA ausgegeben wurden, in den vergangenen Jahren jeweils auf über 550 Millionen Euro belaufen hätten. Alleine in Rheinland-Pfalz seien 2023 bis zu 36.900 Euro pro Erneuerbare-Energien-Anlage an Stillstandsvergütungen gezahlt worden. Da sie auf die Netznutzungsentgelte umgelegt werden, zahlten letztlich alle Stromkunden dafür.

Batterien derzeit keine Lösung

Auch Großspeicher, also große Batterie-Anlagen, seien nicht geeignet, das Problem zu lösen, sagt der Niederkirchener Ortschef. Das liege daran, dass es in Deutschland nur eine Zone für die Strompreisfestlegung gibt und sie daher marktorientiert betrieben werden können – und eben nicht netzdienlich. Gemeint ist damit, dass dort Strom dann eingelagert wird, wenn er billig ist, und dann wieder ins Netz geschickt werde, wenn sich damit Geld verdienen lasse, egal ob das lokale Stromnetz das gerade verkrafte oder nicht. Damit verschärften sie die Situation noch, statt zu einer Entlastung beizutragen.

Deshalb fordert der parteilose Pfleger, was auch auf Bundesebene die christdemokratische Wirtschaftsministerin Katherina Reiche für richtig hielte: Der Ausbau der erneuerbaren Energien dürfe „in netzkritischen Gebieten“ erst weitergehen, wenn die Netze ertüchtigt sind. „Wir brauchen jetzt ein Moratorium für Neubauten, bis die Netzentlastungsprojekte abgeschlossen sind“, sagt Pfleger.

Projekte erst in vielen Jahren abgeschlossen

Das aber könnte sich noch hinziehen. Er selbst verweist auf den Netzausbauplan der Stromversorger Pfalzwerke und Amprion in der Region. Das Unternehmen Amprion ist für die Leitungen auf der Höchstspannungsebene, also 220 und 380 Kilovolt, zuständig. Laut dieser Planung könnten kritische Projekte zur Netzentlastung erst ab 2039 voll einsatzbereit sein. Einiges müsse wegen steigender Bedarfe noch einmal überplant werden, ist Pflegers Wissensstand.

Die Projekte erforderten umfangreiche Planungs- und Genehmigungsverfahren, heißt es dazu von den Pfalzwerken. Außerdem müsse es genügend Material geben, um alles zu realisieren sowie ausreichende Kapazitäten der Baufachleute. Hochspannungsleitungen müssten verstärkt und erweitert, zentrale Netzknoten- und Übergabepunkte zum übergeordneten Höchstspannungsnetz angepasst werden. Daran arbeiteten die Pfalzwerke intensiv. Langfristig könne die angespannte Netzsituation nur durch diesen Ausbau der Infrastruktur entschärft werden, betont der Netzbetreiber. Die Sprecherin fügt hinzu: „Erst mit dem Abschluss dieser Maßnahmen kann wieder eine uneingeschränkte Einspeisung neuer Anlagen ermöglicht werden. Bis dahin sind zusätzliche Netzanschlüsse in den betroffenen Bereichen nur sehr eingeschränkt oder zeitverzögert realisierbar.“

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