Kreis Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Herausforderung Altenpflege: Der bürokratische Aufwand im Heim wächst

Viel Bürokratie: Nicht nur die Verwaltung von Pflegeheimen, sondern auch die Pfleger müssen alles, was sie machen, dokumentieren
Viel Bürokratie: Nicht nur die Verwaltung von Pflegeheimen, sondern auch die Pfleger müssen alles, was sie machen, dokumentieren.

Viele Arbeitsstunden sind Pflegekräfte und Pflegeheimleitungen mit Dokumentation beschäftigt. Und: Die bürokratischen Pflichten nehmen immer weiter zu.

Wer an ein Altenheim denkt, hat vermutlich betagte Menschen vor Augen, um die sich Pflegerinnen und Pfleger kümmern, sie in ihrem Alltag unterstützen und eben bei Bedarf pflegen. An Bürokratie denkt er vermutlich nicht. Aber die gehört für die Leitungen und das Personal dazu, und zwar in immer größerem Umfang.

Thomas Matz, der das Caritas-Altenzentrum St. Nikolaus in Landstuhl leitet, nennt ein Beispiel: die Dokumentationspflicht. Heutzutage müsse alles digital erfasst werden. Dafür seien aber Computer und Programme nötig, die Technik müsse gewartet werden und verbrauche Strom. Früher habe eine Aktenmappe, ein bisschen Papier und ein Stift gereicht.

Zum Beispiel: Legionellenspülung

Er nennt ein weiteres Beispiel: die Legionellenspülungen. Zweimal in der Woche müssten alle Leitungen, die nicht täglich in Betrieb seien, in allen Häusern gespült werden, damit sich keine Legionellen in den Rohren vermehren. Dabei sei die Anzahl der Fälle, in denen Menschen durch die Bakterien, die schwere Lungenentzündungen auslösen können, erkranken oder sogar sterben, gering, sagt Matz und ein Blick in die Statistik des Robert-Koch-Instituts gibt ihm recht. Trotzdem müssen die Seniorenheime die Auflage erfüllen. Dafür werde die knappe Ressource Wasser verbraucht, zählt Matz auf, es koste Geld – 1600 Euro fielen in seinem Haus für die Wasserprüfung an, das Wasser noch nicht mitgerechnet – und es müsse dokumentiert werden.

Für all das müsse zusätzliches Personal eingestellt werden, das die Einhaltung der internen und externen Qualitätsanforderungen, etwa die der Heimaufsicht oder des Medizinischen Dienstes, im Blick behalte. Das seien Mitarbeiter, „die den Bewohnern nicht fehlen, wenn sie nicht da wären“, findet Matz, da sie weder das Essen zubereiteten noch die Wäsche machten oder gar den Patienten pflegten. „Das ist ein schöner Wasserkopf“, bemängelt Matz. Der Einrichtungsleiter schätzt, dass er ohne einige dieser bürokratischen Vorgaben rund 100.000 Euro im Jahr einsparen könnte. Umgerechnet in Stellen wären das, je nach Qualifikation, drei bis vier Pflegende mehr, „und die würden unsere Bewohner merken“. Denn wie gut die Qualität sei, entscheide sich am Bett.

Fachkräfte schreiben mehr als sie pflegen

In der Realität sieht es aber anders aus. Da verbringen auch die Fachkräfte viel Zeit mit Dokumentation. Einer Umfrage der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz zufolge waren es sogar teilweise fünf von acht Arbeitsstunden. Matz kann das bestätigen: Bei den ungelernten Kräften, die den Pflegern helfen, sei es umgekehrt, aber „eine Fachkraft schreibt mehr, als sie pflegt, würde ich sagen“.

Und dann komme in diesem Bereich noch die Sprachproblematik dazu. Zwar könnte das System ohne ausländische Kräfte gar nicht mehr aufrechterhalten werden, aber: „Sie haben zehn Fachpflegekräfte aus acht Ländern. Was denken Sie denn, wer schreibt? Die drei, die Deutsch können“, macht Matz klar, dass unterschiedliche Sprachkenntnisse dazu führen können, dass bestimmte Arbeiten ungleich verteilt werden. Gleichzeitig sagt seine Kollegin Jutta Asal-von Wuthenau, Leiterin des St. Hedwig-Altenzentrums in Kaiserslautern, dass sie sehr dankbar für diese Menschen sei, die nach Deutschland kommen, um zu pflegen. „Es hat einfach einen ganz großen Spirit. Ich bin super dankbar für die bunte Vielfalt an Interkulturalität.“ Und ihre Bewohner gingen damit völlig entspannt um. „So vorurteilsfrei, wie unsere Alten sind, da können sich viele Leute eine Scheibe von abschneiden“, sagt die Heimleiterin.

Ohne ausländische Fachkräfte geht’s nicht

Deshalb fänden sie und Matz es wichtig, dass denjenigen, die hierherkommen wollen, um zu arbeiten, der Berufseinstieg leichter gemacht werden würde. Der Landstuhler Heimleiter bedauert, dass für die Behörden die formelle Qualifikation an erster Stelle stehe, nicht das wirkliche Können der Einwanderer. Komme jemand etwa ohne das erforderliche Sprachzertifikat B2, heiße das nicht, dass er nicht hervorragend mit den Senioren umgehen könne. Er dürfe aber nicht eingesetzt werden, sondern müsse erst einen Sprachkurs absolvieren. Auch in diesem Qualifizierungssystem stecke viel Geld, sagt Matz, es werde aber nicht effektiv eingesetzt. Asal-von Wuthenau fügt hinzu: „Das führt zu großer Frustration auch bei den Menschen, die gerne kämen.“

Der Ansatz der Praktiker: Die Leute früh in die Betriebe holen, ihnen einen Paten an die Seite stellen, sodass sie die Sprache und vor allem auch die für ihren Berufsalltag wichtigen Begriffe beim Machen lernen würden.

Wer pflegen will, muss qualifiziert sein

Ronny Kobel, Teamleiter Arbeitgeber-Service bei der Agentur für Arbeit Kaiserslautern-Pirmasens, weiß um die Probleme der Pflegeeinrichtungen, die ohnehin unter Personalmangel leiden. Auch er würde es begrüßen, wenn manches einfacher gemacht würde. Allerdings betont er, dass es sich bei der Pflege um einen reglementierten Beruf handele. Sprich: Nicht jeder darf einfach Menschen pflegen. Eine Qualifikation müsse nachgewiesen und überprüft werden und das nehme eben Zeit in Anspruch. Zumal viele verschiedene Stellen involviert seien, etwa die Ausländerbehörden, die Botschaften, die Arbeitgeber und die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit.

Oft laute zudem das Ergebnis: Der ausländische Berufsabschluss wird nicht oder nicht vollständig anerkannt. Kobel nennt ein Beispiel: Auf den Philippinen bestehe die Pflegeausbildung, anders als hierzulande, ausschließlich aus Theorie. Der praktische Anteil am Patienten, der im deutschen, sozusagen dualen System enthalten ist, fehle komplett. Komme also jemand von dort nach Deutschland, um in der Altenpflege zu arbeiten, müsse derjenige diesen Teil der Ausbildung nachholen. Nachgewiesen werden müsse außerdem das von Matz angesprochene Sprachniveau B2. Ohne das dürften Eingereiste nur als Helfer in der Pflege eingesetzt werden. Mindestens ein halbes Jahr dauere ein solcher Sprachkurs, der teilweise während der Arbeitszeit, aber auch nebenher besucht werden könne, sagt seine Kollegin Antje Steingaß, die für Karriere- und Weiterbildungsberatung zuständig ist.

Allerdings könnten Arbeitgeber sich bei diesem ganzen Prozedere auch unterstützen lassen, und zwar von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit, sagt Kobel. „Das empfehlen wir auch allen.“ Diese Stelle biete ein Rekrutierungsprogramm an und kümmere sich dabei um fast alles. Das koste den Arbeitgeber zwar 411 Euro, dafür habe er ein gebündeltes und leicht beschleunigtes Verfahren sowie immer einen Ansprechpartner. Große Arbeitgeber, wie zum Beispiel die Caritas oder andere Wohlfahrtsverbände, würden sich damit schon gut auskennen, ist Steingaß’ Erfahrung. „Die betreiben die Anwerbung von ausländischem Personal aktiv und systematisch.“

Heimleiter Thomas Matz wünscht sich trotzdem insgesamt von der Politik mehr Freiheiten für die Handelnden vor Ort. Denn er fragt sich: „Geht es am Ende des Lebens nicht ums Wohlfühlen, um Lebensqualität? Muss das überbürokratisch geregelt sein?“ Sein persönliches Problem sei: „Ich habe gesehen, wie es geht, und jetzt sehe ich, dass immer mehr gebraucht wird, um es angeblich gehend zu machen und es geht immer weniger.“

Serie: Herausforderung Pflege

Die Gesellschaft wird immer älter. Das stellt die Altenpflege vor große Herausforderungen: Welche Rezepte gibt es gegen Personalmangel? Wie können Angehörige entlastet werden? Was hilft, die Kosten im Griff zu behalten? Damit befasst sich unsere Serie „Herausforderung Altenpflege“.

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