Kreis Kaiserslautern Eine Schreibstube auf Rädern

Ein großes Spektakel hat gestern Nachmittag viele Besucher nach Weilerbach gelockt: Der historische Kerweumzug – angeführt von einem Feuerwehr-Leiterwagen von anno dazumal und mit einem modernen Fahrzeug als Schlusslicht – bildete den vorletzten Höhepunkt der 800-Jahr-Feierlichkeiten der Ortsgemeinde. Doch bevor sich die 35 Gruppen blicken ließen, war am Straßenrand Geduld gefragt, denn der Umzug startete mit einiger Verspätung.

Dichtes Gedränge auf den Bürgersteigen links und rechts der Hauptstraße. Junge, Alte, Große und Kleine warten gespannt, einige Anwohner sind sogar mit einer Getränkestation in Richtung Asphalt gerückt. „Eine bestimmte Pose?“, fragt Ortsbürgermeister Horst Bonhagen (SPD) scherzend. Er und Harry Dinges vom Gewerbeverein werden von Fotografen umlagert. Sie wollen das Duo – kostümiert als Würdenträger und betuchter Kaufmann – im Bild festhalten. Bonhagens Amtskette, wohl aus Blech, blinkt in der Sonne. „Petrus muss schon ein Weilerbacher sein“, kommentiert er von einem Hänger aus den strahlenden Sonnenschein. Um die Zeit bis zur Ankunft der ersten Nummern zu überbrücken, zitiert Bonhagen die Schenkungsurkunde mit der ersten urkundlichen Erwähnung Weilerbachs. War es nun 1214 oder 1215? Das ist unklar. Doch das 750-jährige Jubiläum, das die Ortsgemeinde 1964 beging, traf letztlich die Entscheidung. Soweit, so gut. Doch wann kommt der erste Wagen? Die Menschen blicken erwartungsvoll in Richtung Ampelkreuzung. Noch immer passieren einige Autos die Straße und ein Verkäufer preist seine Kerwebrezeln an. „Der Zug ist am Busenhübel“, lässt der Dorfchef die Zuschauer wissen. Dann endlich die Erlösung: „Die historische Feuerwehr ist schon zu sehen.“ In blauen und schwarzen Uniformen, goldene Helme auf dem Kopf, rücken die Wehrleute mit dem historischen Leiterwagen aus dem Jahr 1867 an. Das betagte Gerät darf beim Ausfahren auch etwas quietschen, schließlich soll der vermeintliche Brand in der Sparkasse gelöscht werden. Flugs erklimmt ein Floriansjünger die Sprossen, doch: „Es ist nichts zu retten.“ Kein Befehl „Wasser marsch!“, stattdessen zieht die Truppe mit einem Lied auf den Lippen weiter, gefolgt von den „Verrückten Hühnern“ aus Bosenbach, die mit nostalgischem Kinderwagen und Brautpaar vorbei marschieren. Die Grundschule und die kommunale Kindertagesstätte haben sich in Projekten mit der Vergangenheit ihres Heimatdorfes beschäftigt und erscheinen als Ritter und Burgfräulein. Selbst Schulleiter Walter Stein hat sich mit Helm und Kettenhemd herausgeputzt. Sie alle lassen Süßigkeiten durch die Luft fliegen. Das Banner der protestantischen Kindertagesstätte wird von zwei Ordensbrüdern in Kutten getragen, dahinter folgen ein mit Samt und Stickereien geschmückter Sechser-Kinderwagen und Pfarrer Frank Glade in einem 400 Jahre alten Priestergewand. Auf dem Wagen, mit dem die Ortsgemeinde den Landkreis beim Rheinland-Pfalz-Tag 2013 präsentierte, nimmt ein Barbier gerade eine Rasur vor und zwei Damen zeigen Handarbeitskunst. Ein Hingucker ist die Schreibstube, mit der die VR-Bank vorfährt. Vor dem Mitarbeiter steht eine betagte Schreibmaschine und ein ebenso betagtes Telefon. Musikzüge, Vereine und Gewerbetreibende ziehen vorbei, darunter ein Oldtimer und eine Pferdekutsche. Hörbar heiser kreischt die 19-köpfige Straußjugend mit ihrer nach historischem Vorbild geschmückten Birke in den Ortsfarben. Kaum hat die letzte Nummer, das moderne Fahrzeug der Feuerwehr, die Besuchermeile passiert, strömt alles zum Dorfplatz, wo erstmals die Kerwe aufgebaut ist: Zwischen Boxautos, Kinderschleife und Buden herrscht dichtes Gedränge und es wird noch ausgiebig weiter gefeiert.

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