Ramstein-Miesenbach RHEINPFALZ Plus Artikel Dorfkerwen in der Westpfalz: „Müssen wir alle zusammen am Leben halten“

Wollen mit der Ausstellung „Unser Kerb soll läwe hoch!“ mit dazu beitragen, dass das Brauchtum Kerwe in der Westpfalz weiterlebt
Wollen mit der Ausstellung »Unser Kerb soll läwe hoch!« mit dazu beitragen, dass das Brauchtum Kerwe in der Westpfalz weiterlebt (von links): Jutta Adam, Museumsleiter Jens Pakenis, Thomas Christmann vom Förderkreis Heimatmuseum und Thomas Kurz, wie Adam ein Kerwe-Urgestein. Auch ein altes Karussellpferd konnte das Team auftreiben.

Eine Museumsausstellung zeigt jetzt, wie sich die „Kerb“ in der Westpfalz gewandelt hat. Grund genug, mal nachzufragen: Welche Zukunft steht dem Brauchtum eigentlich bevor?

Vor einer Fotowand mit vergilbten Schwarz-Weiß-Bildern blickt Jutta Adam (66) auf eine wahre Dynastie. Da lehnt er im schwarzen Frack, sagt sie, hoch oben am Fenstersims. Bereit, unter dem steifen Zylinder die Worte zu sprechen, auf die ganz Obermohr wartet: die Straußrede. Welche Bürger es gleich schaffen, den Ort zu erheitern? Wer weiß, gut 70 Jahre liegt die Aufnahme zurück. Doch alles beginnt eben mit diesem Bild in den 1950ern. Jutta Adam ist noch gar nicht geboren – aber ihr Vater der Kerweredner in einem Dorf, das damals noch längst nicht zu Steinwenden gehört. „So ging das dann einfach weiter bei uns“, sagt Adam heute, während sie durchs Museum im Westrich führt. „Generationenübergreifend.“ Als das „höchste Fest des Jahres“ eingeschlafen war, hauchten sie und drei befreundete Mäd’ ihm 1974 wieder Leben ein. Und nun, 2025, ist es Adams Tochter, die als erste Frau die Obermohrer Straußrede hält. Geschrieben von ihnen beiden. Familiensache, versteht sich.

Denn geht es am Ende nicht genau darum? Das Brauchtum Kerwe zu erhalten, Traditionen weiterzugeben und zu vererben – über Jahrzehnte hinweg? Um nichts anderes, meint Jutta Adam. Wer sehen will, wie das funktioniert und wie dörfliche Gepflogenheiten bewahrt werden, der braucht jetzt bloß einen Halt einzulegen im Ramsteiner Stadtkern.

Der junge Ralf Hechler ist als Kerweredner zu sehen

„Unser Kerb soll läwe hoch!“, das ist der Titel der neuen Ausstellung, die an diesem Donnerstag um 19 Uhr im Museum im Westrich eröffnet wird. Fotos, T-Shirts, ein ganzes Karussellpferd: Monatelang haben ihre Schöpfer und die Straußjugenden historische Erinnerungsstücke gesammelt in den Ortschaften der VG – von H wie Hütschenhausen bis W wie Weltersbach. Wollten wir nicht schon immer mal bestaunen, wie der junge Ralf Hechler, heute Bürgermeister, einst den Mund aufriss, wenn er die schmissigen Reime in den Pulk schleuderte? In welch knallrotem Sarg die Ramsteiner ihre „Kerb“ begraben? Oder wie eine selbst gebastelte Maschine aussieht, durch die das Bier in rauen Mengen fließt? „Mit den Exponaten wird das Engagement in den Dörfern gezeigt und gewürdigt“, betont Thomas Christmann (61). Der Weltersbacher steht dem Förderkreis Heimatmuseum vor – und verspricht ein „großes Interesse“. „Schließlich waren oder sind sehr viele in einer Straußjugend“, sagt er.

In einem Sarg vergräbt die Ramsteiner Straußjugend traditionell ihre Kerb.
In einem Sarg vergräbt die Ramsteiner Straußjugend traditionell ihre Kerb.

Alltags- und Ortsgeschichte, all das wird erlebbar im spätbarocken Rathaus in der Miesenbacher Straße 1. Als ursprünglich kirchliches Fest, der Kirchweihe, wandelte sich die Kerwe im Laufe der Epochen zum bedeutendsten „Feiertag“ im Kalender. An ihr wurde das letzte Vieh geschlachtet, Markklößchensuppe und Rindfleisch mit Meerrettich serviert – selbst in ärmeren Haushalten. Irgendwann verschwand dieser Ernst, doch die Bräuche blieben. Das Festmahl sonntags, wer kennt’s nicht? Oder die Tanzmusik am Samstagabend, die mittlerweile eher einer wilden Disconacht gleicht. Von solchen Entwicklungen erzählt die Ausstellung – dank der kuratierten Fotos, ausgewählt aus Tausenden.

Das Gefühl, „dass alles ein bisschen auf der Kippe steht“

„Früher hat sich die Kerwe noch viel mehr auf die Gemeinde konzentriert“, schildert Christmann. Man kam ja nicht groß raus, ohne Auto. Thomas Kurz (62), ebenfalls ein Weltersbacher Urgestein, sagt: „Das Gemeinschaftsgefühl war ein ganz anderes als heute.“ Zeit also, mal einen Schwank zu erzählen aus dem „Stennwiller“ Ortsteil. 2002 hatten sie dort ihre legendäre Beachparty ins Leben gerufen, erinnert sich Kurz – mit aufgeschüttetem Sand, Palmen, Cocktails. Es war die Ära, als Weltersbach echte Schwierigkeiten hatte, Schausteller ins Dorf zu locken. Und sogar Geld zahlte, damit ein paar Buden anrollten. Die „Kerb“, eine Veranstaltung im permanenten Wandel.

Im Museum im Westrich drängt sich da an diesem Morgen natürlich auch die Frage auf: Wie sieht in der Westpfalz die Zukunft der Kerwen aus – ja, drohen sie sogar auszusterben? Mehrere Straußjugenden haben sich immerhin aufgelöst, und selbst das Fest wird nicht mehr überall gefeiert, wo es eigentlich zur festen Tradition gehört. Dazu die leidige, die ständige Suche nach Helfern.

Jutta Adam, eine der treibenden Kräfte in Obermohr, sagt, sie habe schon „das Gefühl, dass alles ein bisschen auf der Kippe steht“, das mit der Brauchtumspflege. Vorstellungen und Ansprüche der Jungen seien heute oft andere, von Gemeinde zu Gemeinde sei das verschieden. Dass in Obermohr, dem 670-Seelen-Nest, rund 100 Ehrenamtliche am Wochenende wieder drei Tage „volles Programm“ stemmen: „Das müssen wir alle zusammen am Leben halten“, mahnt Adam. „Man hat aber Probleme, noch jemanden zu finden, der bis tief in die Nacht im Bierwagen stehen will.“ Thomas Kurz sieht das ähnlich, er beschreibt es bloß mit anderen Worten. „Wenn da eine Gemeinschaft ist mit Interesse, wenn einer einen an die Hand nimmt, dann läuft’s“, sagt er. Nur müsse halt irgendwer „anschieben“.

Kerwenachwuchs knibbelt schon ganzen Strauß

Zeiten, in denen die Straußborsch und -mäd’ brachlagen, in denen sich keine fanden, die habe es bereits früher gegeben, berichten sie hier. Das sei kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Auch dafür soll die Ausstellung ein Bewusstsein schaffen: Was nicht mehr ist, kann wieder werden – sofern alle anpacken. „Es kommen Erinnerungen hoch, wenn ich die Bilder sehe“, sagt Thomas Kurz. Hach, was mag die Zukunft bringen. Dabei machen einige Orte vor, wie es gehen kann.

Unter der Museumsdecke, eingerahmt von einer Modelpuppe im Frack und der „Stennwiller“ Fotowand, hängt ein Strauß, man möchte fast meinen: im Miniaturformat. Zwei Meter lang, das bunte Seidenpapier am Rand ist verblichen, es hat zu viel Regen abgekriegt. Passiert. Geknibbelt hat ihn die Kindergruppe aus Niedermohr – am Nachwuchs also fehlt es nicht. Früh lernen sie dort die Bedeutung eines gesunden Dorflebens, die Sitten der Region. Der Strauß gilt ja als Alleinstellungsmerkmal der Westpfälzer Kerwekultur. „Wir gucken vorsichtig, aber positiv voraus“, sagt Adam deshalb. Traditionen würden gelebt, Brauchtum beherzigt. Noch immer.

Geschichten wie diese sind es, persönliche Erzählungen, die das Museum im Westrich jetzt liefert. Anekdoten aus Kottweiler-Schwanden, aus Reuschbach und Steinwenden – oder aus Obermohr. Jenem Ort, in dem Jutta Adams Vater einst die Straußrede hielt. Vor über 70 Jahren.

Info

Das Museum im Westrich in Ramstein ist mittwochs von 15 bis 18 Uhr und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Gruppen nach Vereinbarung.

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