Kreis Germersheim
Zeitgeschichte auf zwei und vier Rädern
So ein schönes Oldtimertreffen war schon lange nicht mehr zu sehen! Besuchermassen und eine nahezu vollständige Schau der Automobil- und Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts ließen beim Adamshof die Getriebe von Publikum und Teilnehmern nicht nur einen Gang höher schalten.
Kandel. „Der kommt auch über den Brenner. Dann schwitzt er zwar ein wenig und verbraucht mehr Öl. Aber er kommt auch an!“ Mirko Seiter aus Annweiler sitzt neben seinem Fiat 500 L, seine Gehhilfe griffbereit. Die Bandscheibe. Er ist „ein totaler Italien-Fan“, der allenfalls bei Fußballspielen gegen Deutschland in untreu wird: „Ja, okay, soweit geht die Liebe halt doch nicht.“
Sein „Cinquecento“ ist wie sein deutsches Pendant aus Wolfsburg ein Stück Zeitgeschichte, das weit über seine reine Funktion hinausgeht. Es ist ein Volkswagen, der auch Menschen mit schmalem Budget endlich mobil machte. Neu kostete Seiters „Audole“ seinerzeit zwischen 5000 und 6000 D-Mark. Sein heutiger Wert liegt bei 10.500 Euro. Alles ist hier halt etwas kleiner. Ein Raucher auf dem Weg von Kandel nach Germersheim müsste wohl schon bald nach Jockgrim einen Rastplatz suchen, um den Aschenbecher zu leeren.
Mehr als 200 Oldtimer rollen an
Derweil kommen immer mehr Besucher und Oldtimer auf den großen Parkplatz. Am Ende werden es fast tausend Zuschauer und 164 Automobile, 32 Bulldogs und Traktoren sowie 37 Motorräder und Mopeds sein. Selbst auf dem Randstreifen der Rheinzaberner Straße werden sie stehen. Verantwortlich für dieses Spektakel ist der Oldtimer Club Kandel. Oder besser dessen Vorsitzender Ludwig Pfanger. Der Mann scheint überall zu sein. Er strahlt, schwitzt, weißt ein und freut sich: „So wie heute wollte ich es haben, deshalb mache ich mir doch die ganze Arbeit!“ Wenn es bei der Premiere noch ein großer Erfolg war, dann ist dieses Mal ein riesiger daraus geworden. „Im nächsten Jahr wollen wir versuchen, es noch professioneller aufzuziehen und einen Autokorso durch Kandel machen“, sagt er. In der Südpfalz ist dieses Treffen einzigartig und daher ein Highlight. Wen man auch anspricht, alle wollen wiederkommen.
Oldtimer nicht nur für die Garage
Derweil kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Ein Schiff schwimmt elegant heran, es ist ein Cadillac. So groß, dass man problemlos eine Folge des Traumschiffs darin drehen könnte. „Für Anfänger ist er nicht einfach zu fahren, da wird jeder Gangwechsel zum Erlebnis“, lacht Karl Kilian aus Harthausen. Und öffnet die Kühlerhaube seines Austin Seven aus dem Jahr 1936: „Gucken Sie mal wie wenig Technik es braucht, um Auto zu fahren.“ Und tatsächlich. Wahrscheinlich sind selbst Rasenmäher heute technisierter als dieser Roadster. Kilian spricht von einem Hobby, das bezahlbar sein müsse. Er kenne Leute mit Oldtimern im Wert von 300.000 Euro, „die sich noch nicht mal mehr trauen damit zu fahren, weil sie Angst haben, dass etwas kaputt geht.“
Im Vergleich hierzu bewegt sich Christian Hammer aus Kandel mit seinen Mopeds von Peugeot noch nicht einmal mehr in der Kleingeldklasse. Der 23-Jährige besitzt vier „Hundertdreier“. Und er ist das, was man einen „Schrauber“ nennt: „Ich kann das Ding komplett zerlegen und wieder zusammenbauen.“ Gerade baut er für seine Freundin eines auf. In Grün, das ist ihre Lieblingsfarbe.
Es blubbert der schönste Sound der Welt
Ein Käfer Cabrio ist zu sehen. Ford Taunus, Capri und Thunderbird. Und natürlich ein Mustang, der mit dem schönsten Sound der Welt in Schrittgeschwindigkeit vorbeiblubbert. Ob Goggomobil, Lincoln, Renault Dauphine oder Porsche 365 – es ist ein Griff in die Matchbox-Kiste der Kindheit.
So weit zurück reicht auch bei Martin Humbert seine Liebe zum Jaguar E-Type. Mit der Jugendmannschaft des TB Zeiskam war er als Achtzehnjähriger in der Schweiz, als just vor dem Hotel ein E-Type-Treffen stattfand. Zum 50. Geburtstag vor acht Jahren schenkte er sich dann selbst so ein Auto. „Es ist ein Sonntagsauto“, sagt Ehefrau Christine. Und das Wetter müsse auch gut sein. Wie eben zum Oldtimertreffen des Oldtimer Club Kandel, wo wirklich alle um die Wette strahlen dürfen.