Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Wolfsexperte: „Das ist das Dümmste, was man machen kann“

Alleine aufgrund eines Fotos hätte man nicht gewusst, welcher Wolf die Schafe gerissen hat.
Alleine aufgrund eines Fotos hätte man nicht gewusst, welcher Wolf die Schafe gerissen hat.

Ein Wolf streift seit dem Sommer durch die Südpfalz, doch ein anderer reißt Schafe. Ein Wolfsexperte erläutert, was nun beim Spaziergang zu beachten ist.

Dieses Testergebnis hatte sogar die Experten überrascht: Obwohl seit dem Sommer ein Wolf mit der Kennung GW4962m zwischen Bellheim und Offenbach mehrfach dokumentiert wurde, hat ein anderer Wolf Anfang Dezember in Ottersheim sechs Schafe gerissen. „Das war ja so nah dran“, sagt Julian Sandrini vom Koordinationszentrum Luchs und Wolf (Kluwo). Der Vorfall sei mitten im jüngst ausgewiesenen Präventionsgebiet geschehen. Dieses umfasst 632 Quadratkilometer und erstreckt sich von Landau im Westen bis Speyer im Osten, von Wörth im Süden bis Dannstadt-Schauernheim im Norden. Dass nun ein zweiter Wolf ausgerechnet hier seine Spuren hinterlässt, „das ist ein besonderer Zufall“. Schließlich handele es sich nicht um das „typische Wolfsgebiet“.

DNA-Abstriche an den Schafen, analysiert im Senckenberg-Institut, hatten den Nachweis erbracht. „An den Beutetieren ist der Speichel“, erläutert Sandrini. Daher weiß man im Übrigen auch – anders als jetzt an mancher Stelle in den sozialen Medien vermutet wird –, dass die Rehe im Bereich Bellheim eben nicht von einem Wolf gerissen wurden. Man sei froh über die Genetik, sagt Sandrini. Denn hätte es stattdessen Bilder aus einer Fotofalle gegeben, hätte man die beiden Wölfe wohl nicht unterscheiden können.

Was passiert bei einer Begegnung?

Nun ist also ein Rüde aus dem Territorium Ebbegebirge im Sauerland, Kennung GW5151, durch die Vorderpfalz gezogen. Was würde passieren, wenn sich die beiden Tiere begegnen? „Wenn sie sich etabliert haben, beanspruchen sie das Gebiet für sich“, sagt Sandrini, das gelte im Übrigen für Männchen und Weibchen. Dann werde kein anderes Tier geduldet, was auch entsprechend vermittelt würde. „Ich würde nicht mit einer Konfrontation rechnen.“ Bei Rudeln sehe das anders aus, dann gebe es durchaus tödliche Konflikte.

Der Wolf aus Nordrhein-Westfalen wurde dort im September 2024 erstmals registriert. Irgendwann zwischen Ende Oktober und Anfang Dezember muss er gen Süden gewandert sein, möglicherweise auch durch den Rhein geschwommen. Denn der Fluss stellt für einen Wolf keine Grenze dar. Da er bis zu 70 Kilometer pro Tag zurücklegen könne, kann es sein, dass das Tier seit dem Riss schon wieder bis zu 700 Kilometer weitergezogen ist. Daher kann auch das Kluwo zum Aufenthaltsort keine Angaben machen – weil man es schlicht nicht weiß.

Der Wolf meidet den Menschen

Auch wenn die Aufregung in den sozialen Medien, wie immer bei Meldungen rund um das Thema „Wolf“, gerade wieder groß ist: Mit dem südpfälzischen Wolf gab es bislang keinerlei Probleme: „Das Tier ist sichtbar gewesen, hat sich normal verhalten, hat sich zurückgezogen“, umschreibt Sandrini. Wölfe seien in der von Menschen dominierten Landschaft darauf „getrimmt“, dass sie den Menschen akzeptieren. Wenn es ihnen unangenehm wird, weil der Mensch zu nahe ist, versuchen sie die Situation zu vermeiden. „Das ist bei allen Wölfen in Rheinland-Pfalz so.“

Menschen könnten also weiter in den Wald gehen, Pilze sammeln, Sport treiben. „Der Wolf bekommt uns ja viel früher mit und kann früher reagieren“, natürlich müsse man ihm auch Gelegenheit geben, sich zu entfernen. Hunde sollten stets nahe am Menschen laufen, möglichst an der Leine – damit Hund und Herrchen als Duo wahrgenommen werden. „Gerade wenn die Paarungszeit losgeht, sollte kein Hund alleine ausbüxen“, warnt Sandrini. Denn ab Februar ist die Ranzzeit, dann sieht der Wolf einen freilaufenden Hund als Konkurrent oder möglichen Partner an, „beides ist nicht gut“.

Niemals Foto-Shootings arrangieren

Wichtig sei, dass der Wolf auf keinen Fall die Scheu vor dem Menschen verlieren dürfe. Das bedeutet: Wölfe dürfen niemals angefüttert werden. „Das ist das Dümmste, was man machen kann“, betont Sandrini, und auch nach dem Bundesnaturschutzgesetz verboten. Aus den Niederlanden seien viele Fälle bekannt, in denen die Tiere für Fotos angefüttert wurden. „Das darf nicht passieren.“ Doch auch in Deutschland gab es schon einen traurig-berühmten Fall: Nahe des Truppenübungsplatzes in Munster wurde Wolf „Kurti“ so an Menschen gewöhnt, dass er ohne Scheu neben Spaziergängern hergelaufen ist und geradezu wie ein Hund gebettelt hat. Eine missverstandene Tierliebe, mahnt Sandrini: Denn Kurti musste im April 2016 schließlich erlegt werden. Um so etwas zu vermeiden, helfe es auch schon, im Wald keinen essbaren Müll zu hinterlassen.

Im Fall der Ottersheimer Schafe habe es keinen wolfsabweisenden Schutz gegeben, teilte das Kluwo am Montag damit. Das sei im Übrigen in keinem Fall als Vorwurf in Richtung des Schafhalters gedacht gewesen, betont Sandrini. Es gehe vielmehr um eine wichtige Information für die Tierhalter im Präventionsgebiet, unter welchen Umständen die Schafe gerissen wurden. Viele Betriebe hätten sich noch nicht auf die neue Situation eingestellt. Der überwiegende Teil von Vorfällen finde eben statt, wenn es nicht den sogenannten wolfsabweisenden Grundschutz gebe, so Sandrini. „Dass er überwunden wird, ist selten“, auch wenn es schon vereinzelt Wölfe gebe, die das schon gelernt hätten.

Ein guter Zaun kann helfen

Sein Appell an die Tierhalter lautet daher: „Ertüchtigt euren Zaun, damit er einen guten Grundschutz bietet.“ Das sei „wie im Auto anschnallen, das hilft ja auch“. Ein gutes Weidenetz sei ab 100 Euro pro 50 Meter zu bekommen, ein Weidezaun ab 170 bis 300 Euro pro 50 Meter. „Man kann mit relativ schmalem Geld seine Tiere schon viel besser schützen.“ Bei einem Herdenschutzzaun gehe es auch um eine gute Erdung, ordentliche Bestromung, möglich über ein Solarmodul mit Akku. Aktuell läuft eine zweijährige, gestufte Übergangsfrist für die Erstellung des Schutzes. Seit das Präventionsgebiet ausgewiesen sei, kämen die Anträge, sagt Sandrini. Bis zur Bewilligung dauere es nun mal.

Ein mobiler Zaun, der auf- und abgebaut werde, verdeutliche dem Wolf, dass an dieser Stelle eben kein Zugriff möglich sei. Ansonsten sollte die Fläche frei sein, wünscht sich Sandrini. Wildschweine stehen zwar grundsätzlich auf dem Speiseplan, „aber nicht so weit oben“. Stattdessen seien Rehe und Hirsche die hauptsächliche Beute.

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