Kreis Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Weniger Mitglieder, neue Strukturen: Dekanat ordnet sich neu

Nicht immer sind die Bänke der Germersheimer Kirche so voll wie beim ersten Gottesdienst nach der Renovierung im Jahr 20219.
Nicht immer sind die Bänke der Germersheimer Kirche so voll wie beim ersten Gottesdienst nach der Renovierung im Jahr 20219.

Im Herbst fusionieren Gemeinden im protestantischen Dekanat Germersheim. Eine Großgemeinde gilt als Prototyp für neue Strukturen.

„Vor Ihnen sitzt zum ersten Mal ein richtiger Dekan“, sagt Michael Diener zu Beginn des RHEINPFALZ-Gesprächs. Er meint damit schlicht, dass es bald genau zehn protestantische Kirchengemeinden in seinem Bezirk gibt. Die ganze Landeskirche steckt in einem Veränderungsprozess. Im Dekanat Germersheim werden im Herbst Gemeinden zu größeren Einheiten fusionieren.

Im Kirchenbezirk Germersheim leben noch rund 23.000 Protestanten. Der Schwund wird zunehmend größer: 2023 habe das Dekanat 2,5 Prozent Mitglieder verloren, 2025 waren es 3,5 Prozent. Nicht alles seien Austritte, sondern auch Verlust durch Tod, erläutert Diener. „Wir müssen auf diese Entwicklung reagieren. Wir können nicht Strukturen beibehalten, aus Zeiten, in denen Kirche im gesellschaftlichen Leben fest verwurzelt war.“ Auch die Hauptamtlichen werden weniger, Pfarrstellen werden reduziert.

Servicezentrale für alles

Vor zwei Jahren sind im Süden des Landkreises bereits die beiden Wörther Gemeinden fusioniert. Zum 1. November stehen zwei weitere Zusammenlegungen an: Die Kirchengemeinde Erlenbach wird der Gemeinde Kandel beitreten und „Am Bienwald“ heißen. Pfarrerin Elke Maicher ist seit Ende Januar im Ruhestand, die Pfarrstelle wird nicht nachbesetzt. Zudem werden Bellheim-Knittelsheim, Germersheim, Schwegenheim, Sondernheim, Westheim-Lingenfeld und Zeiskam zur „Segensgemeinde zwischen Rhein und Reben“. Eigenständig bleiben Rülzheim, Lustadt, Weingarten, Neuburg, Hagenbach, Maximiliansau und Jockgrim.

Die Großgemeinde „zwischen Rhein und Reben“ sei der „Prototyp“ für neue Strukturen, sagt Dekan Diener. Kommunikation und Entscheidungen sollen einfacher und Ressourcen gebündelt werden. Es wird nur noch ein Presbyterium geben. Die Hauptamtlichen teilen sich Aufgaben nach Schwerpunkten auf und sollen von Verwaltungsarbeit entlastet werden. In einer Servicezentrale laufen alle Anliegen auf. Gottesdienste und Ansprechpersonen bleiben in den Orten erhalten.

Konfiarbeit wird vielfältiger

Die Menschen müssen für manche Angebote womöglich etwas größere Entfernungen auf sich nehmen. Aber sie haben auch mehr Variation, betont Diener. Ein Beispiel: In der neuen Segensgemeinde soll es mehrere Modelle zur Vorbereitung auf die Konfirmation geben. Die Jugendlichen können zwischen einem Wochen-Rhythmus, Wochenend-Angeboten oder Mehrtagesfreizeiten wählen. Es müsse nicht alles „auf Teufel komm raus“ regional werden, meint Michael Diener. Seniorennachmittage sollen etwa vor Ort bleiben.

„Die Menschen wünschen sich eine andere Kirche“, sagt der Dekan mit Blick auf notwendige Reformen. Es gebe aber auch die Zufriedenen. Insbesondere ihnen verlange man ab, Kirche neu zu denken. „Das zollt mir Respekt ab.“ Manche Gemeinden befürchten, ihre Selbstbestimmung zu verlieren. „Der Prozess muss vertrauensvoll sein“, meint Diener. Der Fusion im Norden des Dekanats ging ein mehr als einjähriger, für die Gemeinden ergebnisoffener, Entscheidungsprozess voraus.

Segen – ein Trend

Die Namensgebung ist natürlich kein Zufall. „Jede Form von Segensfeiern findet Zuspruch“, erläutert der Dekan. Segensfeiern für Paare hätten enorm Zulauf, Segensspenden auf Festen ebenso. Die Evangelische Kirche der Pfalz hat sogar eine Segensagentur gegründet, die Segnungen an besonderen Orten oder bei privaten Feiern vermittelt. Bei der 750-Jahr-Feier der Stadt Germersheim wollen Diener und andere Hauptamtliche im Talar auf Leute zugehen.

Michael Diener ist seit 2021 Dekan im Kirchenbezirk Germersheim.
Michael Diener ist seit 2021 Dekan im Kirchenbezirk Germersheim.

Hinter den Strukturreformen der Landeskirche stecken letztlich Sparzwänge. Bis 2035 will die Evangelische Kirche der Pfalz rund 60 Millionen Euro einsparen. Auch auf Dekanatsebene stehen Fusionen an: Aus 15 Kirchenbezirken sollen in den nächsten drei Jahren vier werden. Frankenthal, Germersheim, Ludwigshafen und Speyer werden dann ein Dekanat bilden. Allein im Gebäudesektor will die Landeskirche bis 2030 rund 30 Prozent Kosten einsparen. Das Dekanat Germersheim ist in diesem Bereich Vorreiter, hat diesen Prozess laut Diener mit fast 50 Prozent Ersparnis bereits abgeschlossen. Verkauft wurde nur das Dekanatsgebäude in Germersheim und die Pfarrhäuser in Weingarten und Westheim wurden in Mietwohnungen umgenutzt. Die restlichen Kosten wurden durch Energieoptimierung gedrosselt. Eine wichtige Rolle spiele, dass die Kirchen im Winter nicht mehr übermäßig geheizt werden.

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