Kreis Germersheim Weiblich, katholisch, ländlich

Hagenbach. Alles Männersache? Im Wesentlichen schon, jedenfalls was das Hagenbacher Vereinsleben vor dem Ersten Weltkrieg betrifft. Mit Ausnahme des jüdischen Wohltätigkeitsvereins und des „Marienvereins für katholische Jungfrauen“ wurden weibliche Mitglieder erst ab 1919 akzeptiert: zunächst von dem neu entstandenen „Reichsbund der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen“ und dem „Katholischen Eltern-Verein“. Bald folgten der „Pfarr-Cäcilienverein“ (Kirchenchor) und der Arbeitergesang- und Turnverein „Freiheit“.

Tatsächlich waren nur wenige Frauen im Dorf organisiert, wenn auch die repräsentativ postierten Ehrendamen auf zeitgenössischen Vereinsbildern einen anderen Eindruck vermitteln. Dem suchte der 1903 gebildete Katholische Frauenbund abzuhelfen, genauer: sein für die Pfalz zuständiger, 1911 gegründeter bayerischer Landesverband. Auf katholischer Grundlage wollte er die Lebensbedingungen der Frauen verbessern, und zwar durch sozial-caritative Arbeit, Bildung und Glaubensvertiefung. Am 4. Mai 1930 fand in Speyer der 18. Katholische Frauentag statt. Während der Großveranstaltung beschlossen Pfarrer Albin Mayer sowie die vier an der Volksschule unterrichtenden Ordensschwestern, den Frauenbund auch in Hagenbach einzuführen. Schützenhilfe leisteten der Eltern- und der Mütterverein. Anfang Juli 1930 traten dem jungen Bund 100 „Frauen, Mütter und Jungfrauen“ bei, rund zehn Prozent der einheimischen Katholikinnen. Mitte August leitete Pfarrer Mayer die erste ordentliche Mitgliederversammlung im Gasthaus „Zum Anker“, aus dem die Vorsitzende, die Lehrergattin Theresia Cammisar (1863-1937), stammte. Die nächste Zusammenkunft im Vereinslokal diente einem ausgesprochen politischen Zweck. Fräulein Eibel vom bayerischen Landesverband referierte am 10. September, vier Tage vor der Reichstagswahl. „In sehr verständlicher und aufklärender Weise“, schrieb die Presse, „sprach sie über die Pflicht und Betätigung der katholischen Frauen und Mädchen bei den Wahlen und schloss mit der ernsten Mahnung, den Zeitgeist ja zu verstehen und sich im Sinne der christlichen Weltanschauung zu beteiligen“. Für ihren Erfolg spricht, dass Zentrum und Bayerische Volkspartei als einzige der loyal zur Republik stehenden Parteien einen Stimmenzuwachs am Ort verbuchen konnten. Gegen die Gefahren der Moderne, Gottlosigkeit und Sittenzerfall, hielt der Frauenbund 1930/32 adventliche „Tage der Einkehr, Belehrung und Gnade“ ab. Unter der Regie von Ordenspriestern schloss die rege besuchte dreitägige Veranstaltung mit Generalkommunion und Lichterprozession. Schon früh hatte sich der Bund eine Bühne beschafft, um - damals gängige Vereinspraxis - durch Theateraufführungen Einkünfte zu erzielen. „Theater, humorvolle Einlagen und Gesang“ gehörten nun fest zu den Weihnachts- und sonstigen Feiern. Gründlich vorbereitet präsentierte der Frauenbund am 15. November 1931 dem Dorfpublikum das Stück „Die heilige Elisabeth von Thüringen“. Trotz guter Resonanz und Einnahmen war man vom Erwerb einer Kongregationsfahne aber noch weit entfernt. Hatte doch die Weltwirtschaftskrise zur Verelendung zahlreicher Familien geführt und den Frauenbund gezwungen, sich verstärkt der Wohlfahrt zuzuwenden: „30 bis 40 arme Kinder der Kinderbewahranstalt werden täglich aus freiwilligen Spenden einzelner Mitglieder des Katholischen Frauenbundes gespeist“, berichtete die Zeitung „Rheinpfälzer“ am 2. Dezember 1931 aus Hagenbach. Hitlers Diktatur beendete das öffentliche Wirken des Frauenbundes. In den innerkirchlichen Raum verbannt und auf rein religiöse Themen beschränkt, musste er erleben, wie wenig ihn das Reichskonkordat vor Willkür jeglicher Art schützte. Ein kleiner Trost war die nagelneue Vereinsfahne. „Dieselbe ist hergestellt im Schulschwesterninstitut St. Joseph in Speyer“, bemerkte Pfarrer Mayer, als er Bischof Sebastian um Erlaubnis zur Weihe ersuchte. „Die Vereinsleitung hat durch ihre Vorsteherin die schriftliche Erklärung abgegeben, dass der Verein an religiösen Feierlichkeiten sich mit der Fahne beteiligt und dass am Tage der kirchlichen Fahnenweihe keinerlei Veranstaltung stattfindet, die damit nicht im Einklange steht“. Ob Nikolaus Lauer, der bei den braunen Machthabern verhasste Redakteur des Bistumsblattes „Der christliche Pilger“, am 6. Mai 1934 die erbetene Festrede hielt, ist nicht belegt. Für ständige Gefahr sorgte die von NSDAP und Verwaltung großzügig unterstützte NS-Frauenschaft. Obwohl diese unablässig warb, lockte und drohte, gewann sie anfangs nur wenige Frauenbündlerinnen. 1936/37 änderte sich das: Unter Pfarrer Nikolaus Hein, laut Regierung ein „treudeutscher Mann mit positiver Einstellung zum nationalsozialistischen Staat“, kollabierte das Ansehen der Kirche in Hagenbach. Als das Ordinariat den Geistlichen zum April 1938 abberief, revoltierten die Einwohner und forderten seinen Verbleib. Dasselbe verlangte ein anonymer Brief „mehrerer alter Frauen“. Am 29. März drängte auch NSDAP-Blockleiter Otto Sollinger den Oberhirten, Hein zu belassen. Andernfalls müsse Speyer mit vielen Abbestellungen des Pilgers und Kirchenaustritten rechnen. Binnen Jahresfrist hatte der Kirchenchor über die Hälfte seiner Sängerinnen verloren. „Aus dem Frauenbund sind bereits 80 Mitglieder in die NS-Frauenschaft übergetreten. Es wird noch mehr“, orakelte Sollinger. Davon unbeirrt bestrafte der Bischof die „kirchenstreikenden“ Hagenbacher, indem er ihnen die Seelsorge entzog. Hagenbachs Damen hatten bewiesen, dass sie dem antiklerikalen Eifern der Männer in nichts nachstanden und Öl ins Feuer zu gießen wussten. Ein Teil blieb dem Frauenbund allerdings treu, zusammengehalten von der seit dem Jahr 1936 amtierenden Vorsitzenden Maria Magdalena (Lina) Buchlaub, einer ebenso frommen wie selbstbewussten 49-jährigen Schneiderin. Die Rückkehr zu „normalen“ kirchlichen Verhältnissen ermöglichte vor allem das geschickte Auftreten des neuen Pfarrers Robert Herkel, dem der dezimierte Bund zur Seite stand. Hinzu kam die durch den Westwallbau veränderte Befindlichkeit, schließlich die kriegsbedingte Evakuierung der Bevölkerung. In den Jahren 1945/46 begann der Neuaufbau des Katholischen Frauenbundes, begleitet von einer Eintrittswelle, die auch manche „Ehemalige“ in den Schoß des Vereins zurückspülte. Zum Zeichen des Aufbruchs - den kritischen Blick zurück mied man beflissen - stifteten die Frauen um Lina Buchlaub im Jahr 1949 der gegen Kriegsende beschädigten Pfarrkirche ein Fenster. Heute erinnert die vor 80 Jahren geweihte Fahne daran, dass aller Anfang schwer ist, die Fortentwicklung des Bestehenden aber nicht minder.

x