Kreis Germersheim
Wörth/Hagenbach/Kandel: 165 Hektar für Industrie und Gewerbe geplant
Die Stadt Wörth sowie die Verbandsgemeinden Hagenbach und Kandel wollen gemeinsam große Flächen vor allem für mittelständische Unternehmen anbieten. Das Vorhaben steht im Widerspruch zum Regionalen Raumordnungsplan.
Das Vorhaben ist groß: Das interkommunale Gewerbegebiet, das Wörth, Kandel und Hagenbach in den nächsten Jahren gemeinsam entwickeln wollen, wird mit 140 Hektar Bruttofläche etwa so groß werden wie das 120 Hektar große Wörther Industriegebiet. Zudem werden die 140 Hektar Brutto über zwei Teilflächen verteilt: eine bei Wörth/Hagenbach (100 Hektar), eine bei Kandel (40 Hektar). Hinzu kommen noch 25 Hektar, die langfristig entwickelt werden können. Brutto bedeutet, dass die Zahl den Platz enthält, der für Straßen und Grünanlagen gebraucht wird.
Größer als Bedarf im Kreis
Es wäre auch größer als der Bedarf an Gewerbeflächen, der für den gesamten Kreis Germersheim ermittelt wurde. Derzeit gibt es im Kreis rund 1180 Hektar Gewerbe- und Industrieflächen. Zwei Drittel liegen in den Städten Germersheim und Wörth. Eine Prognose im Auftrag des Kreises ermittelte bis 2030 einen Bedarf von 100 Hektar beziehungsweise 140 Hektar inklusive Logistikflächen. Zieht man die derzeit noch freien Flächen ab, bleiben 65 Hektar plus 40 Hektar für Logistik – verteilt auf den ganzen Kreis.
Umlandproblematik Karlsruhe
Das interkommunale Gewerbegebiet käme ergänzend hinzu. Ausgangspunkt seien Überlegungen im Rahmen der Zukunftsinitiative „Starke Kommunen – Starkes Land“ gewesen, so der Kandeler Verbandsbürgermeister Volker Poß (SPD). „Dabei wurde auch die Umlandproblematik Karlsruhe beleuchtet“, so Poß: „Karlsruhe hat keine Gewerbeflächen mehr. Wir kriegen auch immer mehr Anfragen, können aber nichts anbieten.“ Durch den geltenden „Einheitlichen Regionalplan Rhein-Neckar“ aus dem Jahr 2014 seien Gemeinden auf den Eigenbedarf, die Entwicklung vorhandener Betriebe eingeschränkt, so Poß. Eine Ausnahme sei lediglich das Horstgelände der Stadt Kandel.
„Entwicklungsachse A 65“
Die Idee sei, in einem 2 Kilometer tiefen Korridor entlang der „Entwicklungsachse A 65“ Gewerbeflächen zu entwickeln – zusätzlich zur Bedarfsprognose des Kreises. Eines von zwei Teilgebieten – etwa 40 Hektar groß – soll auf Kandeler Gemarkung liegen. Laut Poß werden dafür drei Flächen in Betracht gezogen:
- zwischen Wasserwerk und Adamshof,
-nördlich des Feuerwehrgerätehauses zwischen Kandel und Minderslachen,
- nördlich/nordöstlich des Gewerbegebietes „Horst“.
Gewerbebetriebe statt Kiesabbau
Der erste konkrete Schritt soll schon bald erfolgen: Ende März/Anfang April wollen die drei Kommunen für Teilflächen in ein Zielabweichungsverfahren gehen, so der Wörther Bürgermeister Dennis Nitsche (SPD). Das ist nötig, wenn eine Planung von den Vorgaben des Regionalplans abweicht. Und der reserviert zum Beispiel die ins Auge gefassten Flächen zwischen Wörth und Hagenbach für den Kiesabbau.
Nicht bis 2030 warten
„Die große Restfläche soll dann im neuen Regionalplan ausgewiesen werden“, so Nitsche. „Wir wollen aber nicht warten, bis der fertig ist.“ Der derzeitige Regionalplan wurde 2014 genehmigt und soll 15 Jahre gelten – also bis etwa 2030. Er gilt vom Pfälzerwald im Westen bis zum Odenwald und Kraichgau im Osten sowie von der französischen Grenze im Südwesten bis einschließlich des hessischen Rieds im Norden.
Alle Gemeinden können mitmachen
Ein Alleingang der großen Kommunen wird das neue Gewerbegebiet nicht werden. „Auch Orte ohne Chance auf ein eigenes Gewerbegebiet können sich einbringen: beispielsweise mit Ausgleichsflächen oder mit Geld“, so Nitsche. Entsprechend ihrem Anteil werden sie dann auch an den Steuereinnahmen beteiligt.
Drei Abschnitte geplant
Gesteuert werden soll das interkommunale Gewerbegebiet durch einen Zweckverband oder eine ähnliche Konstruktion. Im Bereich Wörth/Hagenbach sollen im ersten Realisierungsabschnitt auf etwa 40 Hektar Mittelstandsparks entstehen: für technologie- oder produktionsorientierte mittlere Unternehmen, für Dienstleister und Handwerk. Hinzu kommen Logistikunternehmen. Der 2. Abschnitt hat etwa die gleiche Größe. Vorgesehen sind hier nur Mittelstandsparks und keine Logistiker. Größere Unternehmen und auch wieder Logistiker sollen erst im 3. Abschnitt (25 Hektar) zum Zuge kommen, und zwar direkt südlich der A65, Höhe Schauffele-See.
Kommentar: Ein großer Wurf
Wörth, Hagenbach und Kandel sind der westliche Teil des Gürtels um das Oberzentrum Karlsruhe: Diese Standortbestimmung ist Grundlage der Pläne für das interkommunale Gewerbegebiet. Sie bricht mit vielen alten Strukuren, ist aber im Grunde nur eine realistische Bestandsaufnahme.
In dieser Situation gibt es für die weitere Entwicklung zwei Möglichkeiten: Passiv beim Status quo bleiben und tendenziell zum Hinterland verkommen oder aktiv die Möglichkeiten nutzen. Die Vorgaben der bisherigen Regionalplanung wiesen in die erste Richtung. Sie müssen geändert werden. Dazu brauchte es die Unterstützung der Landesregierung, aber die ist mit im Boot.
Denn die Möglichkeiten sind groß und müssen ergriffen werden. Das Daimler-Gewerbesteuer-Desaster der Stadt Wörth zeigt, dass Kommunen sich breit aufstellen müssen. Das interkommunale Gewerbegebiet ist hier eine Chance für den ganzen Kreis.
Wenn sie genutzt wird, verändert das natürlich auch die Natur-Landschaft. Wem das nicht gefällt: Im Falle Wörth/Hagenbach droht als Alternative der Kiesabbau. Das bedeutet einmalig ein paar Euro pro Quadratmeter und dann liegt da nur noch ein großer Baggersee mehr. Damit kann keine Gemeinde Kitas, Grundschulen, Jugend- und Alteneinrichtungen, Sportplätze und all das andere bezahlen, was uns lieb ist.