Germersheim Von der SA durch die Stadt getrieben

Der Platz mit der Rudolf-von-Habsburg-Statue an der Ecke Markt-/Klosterstraße soll nach August Ebinger benannt werden.
Der Platz mit der Rudolf-von-Habsburg-Statue an der Ecke Markt-/Klosterstraße soll nach August Ebinger benannt werden.

Zur Erinnerung an Bürgermeister August Ebinger, dem die Nazis übel mitspielten, sollen in der Stadt ein Stolperstein verlegt und ein Platz nach ihm benannt werden.

Darüber informierte der Verein Interkultur. Dessen Arbeitsgruppe Stolpersteine hat laut Pressemitteilung herausgefunden, dass mit Stolpersteinen nicht nur verfolgter oder ermordeter Juden gedacht wird, sondern aller verfolgten oder ermordeten Opfer des Nationalsozialismus, „letztlich aller Menschen, die unter diesem Regime leiden mussten“. Für die Stadt Germersheim gebe es dafür kein besseres Beispiel, als deren ehemaligen Bürgermeister August Ebinger, der von 1945 bis 1952 amtiert habe.

Blick von der Klosterstraße, wo August Ebinger einst wohnte, auf den Platz, der nach dem ehemaligen Bürgermeister benannt werden
Blick von der Klosterstraße, wo August Ebinger einst wohnte, auf den Platz, der nach dem ehemaligen Bürgermeister benannt werden soll.

Ebinger hatte laut Interkultur fünf Kinder und nahm von 1914 bis 1918 am Ersten Weltkrieg teil. Als Mitglied des Stadtrates für die Zentrumspartei, auch noch anfangs 1933, sei er oft im Stadthaus gewesen, habe Einfluss auf die Geschicke der Stadt genommen und sich unter anderem vehement gegen die Entwicklung der nationalsozialistischen Ideen gewehrt. Der amtierende Bürgermeister Reible habe dem Druck der veränderten politischen Verhältnisse nicht mehr standhalten können und am 17. März 1933 seinen Rücktritt erklärt. Dadurch sei der Weg frei gewesen für die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP). Sie habe mit Fritz Wolf als neuem Bürgermeister die Verwaltung der Stadt übernommen. Wolf erklärte gleich zu Beginn: „Wer nicht im Geiste der NSDAP mitarbeite, habe im neuen Stadtrat nicht zu suchen!“

NS-Mob verübt Überfall

Der NS-Mob habe sich in besonderer Weise am Zentrums-Stadtrat August Ebinger gerächt. 1932 sei bereits ein Überfall auf Ebingers Haus verübt worden. Am 22. Juni 1933 sei er verhaftet, auf den Königsplatz geführt und ihm ein Schild umgehängt worden mit der Aufschrift: Ich bin der Hauptschuldige am Ruin der Stadt. Den jüdischen Viehhändler Mohr habe man ähnlich behandelt, berichtet Interkultur.

August Ebinger.
August Ebinger.

Begleitet von einem Trupp von SA-Leuten seien beide regelrecht durch die Stadt getrieben worden. Ebingers Frau und sein Sohn Hermann seien von Leuten der NSDAP gewaltsam daran gehindert worden, den Geächteten zu begleiten. Am Stadthaus habe der Tross gehalten. Dort habe man Ebinger einige Stunden verhöhnt und gegen das bisherige politische System gehetzt – unter lautem Jubel und nicht nur von SA-Leuten.

Der Pfalz verwiesen

Ebinger habe einen Nervenzusammenbruch erlitten und ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen. Kurz sei er zwangsweise nach Schweinfurt versetzt worden, später nach Worms. Er durfte die Pfalz nicht mehr betreten, ebenso sein Haus und die Familie nicht mehr aufsuchen. Seinem Sohn Hermann sei, trotz guter schulischer Leistungen, der Besuch des Gymnasiums verweigert worden, weil sein Vater als „Volksschädling“ galt. Ebinger habe Anfang 1945 nach Germersheim zurückkehren können. Man habe sich an den Zentrumspolitiker, der 1933 von den Nationalsozialisten misshandelt und gedemütigt worden sei, erinnert: Die damalige Militärverwaltung habe ihn zum Bürgermeister bestellt, „weil er mit seiner allseits geschätzten Gutmütigkeit und Hilfsbereitschaft der Stadt viele gute Dienste geleistet habe“. Ebinger hab nach Auskunft noch lebender Zeitzeugen „sehr bewusst einen humanen und idealtypischen Christenmenschen verkörpert“. So habe er unter anderem „selbst seine direkten Peiniger nicht verurteilt und war deren Mitläufern nach der Nazizeit sogar behilflich, die Entnazifizierung zu erreichen“, schreibt Interkultur.

In Germersheim wurde bereits ein gutes Dutzend solche Stolpersteine verlegt – zuletzt im Mai vergangenen Jahres.
In Germersheim wurde bereits ein gutes Dutzend solche Stolpersteine verlegt – zuletzt im Mai vergangenen Jahres.

Das Ergebnis der freien Wahlen 1946 brachte der CDU eine überwältigende Mehrheit. Sie bestimmte August Ebinger zum Bürgermeister, der auch die pfälzische und rheinland-pfälzische CDU mitbegründet hatte, so Interkultur.

Vor seinem Wohnhaus soll daher im Zuge des Aus- und Neubaus der Klosterstraße an die Nazi-Zeit und den Widerstand Ebingers erinnert werden. Ferner werde daran gedacht, demnächst eine Straße beziehungsweise den kleinen Platz an der Ecke Kloster-/Marktstraße nach ihm zu benennen.

Mitglieder der Interkultur-Arbeitsgruppe Stolpersteine wollen nach Fertigstellung des Stolpersteins diesen an Bürgermeister Marcus Schaile übergeben, damit er an geeigneter Stelle eingebaut werden kann.

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