Rülzheim Von der Pfalz in die Türkei: Schüleraustausch im Zeichen der Demokratie
„Ein unvergessliches Erlebnis“, so beschreibt Mika Seidel aus Westheim seine Reise in die Türkei. Der Zehntklässler zeigt sich im Gespräch mit der RHEINPFALZ beeindruckt von der Offenheit der Menschen und der Vielfalt der türkischen Kultur. In der Gastfamilie verständigte er sich „mit Händen und Füßen“, wie er schmunzelnd erzählt. Türkisch spricht er nicht, die Familie kein Deutsch. Trotzdem habe die Verständigung überraschend gut funktioniert. Besonders mit seinem Gastbruder habe er sich schnell angefreundet: „Wir waren viel mit seinen Freunden unterwegs, das hat Spaß gemacht.“ Zu den Höhepunkten der Reise zählte für Mika ein Ausflug in die antike Stadt Ephesus sowie eine geführte Tour durch Izmir. Dort sei die Gruppe mit einem Vertreter einer lokalen Initiative ins Gespräch gekommen, die sich gegen Armut in der Stadt engagiert. „Das war sehr beeindruckend“, berichtet Mika, der weiterhin lockeren Kontakt zu seinem Gastbruder über soziale Medien pflegt.
Auch Philipp Sickelmann erinnert sich gerne an die Tage in der Türkei. Er steht ebenfalls noch über soziale Medien mit seinem Gastbruder und weiteren Jugendlichen aus Izmir in Verbindung. Von Anfang an sei die deutsche Gruppe „total herzlich und familiär“ aufgenommen worden. Der Schulalltag sei jedoch ganz anders verlaufen als in Deutschland: „Daran mussten wir uns erstmal gewöhnen“, erzählt der 17-Jährige aus Lingenfeld. Im Vorfeld war unklar gewesen, ob Schuluniformen getragen werden müssten. Letztlich reichten gedeckte Farben und lange Hosen aus. Für die Mädchen galt: Schultern und Bauch sollten bedeckt sein. Eine Vorgabe, über die die Gruppe bereits im Vorfeld informiert worden war. Gleichzeitig wurde auch über sensible Themen gesprochen: Bei Gesprächen über Politik oder Religion sei ein gewisses Maß an Fingerspitzengefühl notwendig, so Sickelmann. Mit seinem Gastbruder habe er jedoch offen über alles sprechen können – auch über kritische gesellschaftliche Themen.
Gegenbesuch aus der Türkei ist unklar
Insgesamt verbrachten die 16 Schülerinnen und Schüler aus der Pfalz zwei Tage an einer Privatschule in Izmir und lebten während des Austauschs in den Gastfamilien. Organisiert wurde die Reise über das EU-Programm „Erasmus+“ von den Lehrerinnen Andrea Ochsenfeld und Gökce Fatma. Ob es einen Gegenbesuch der türkischen Jugendlichen in der Pfalz geben wird, ist derzeit noch offen, denn die Partnerschule in Izmir ist bislang keine anerkannte Erasmus-Schule. Trotzdem gibt es Hoffnung: Die türkischen Gastgeber zeigten sich offen und interessiert, möglicherweise doch einen Gegenbesuch zu ermöglichen.
Auch die 16-jährige Nele Busch aus Knittelsheim war Teil der Gruppe und schwärmt vom Austausch. Sie könnte sich gut vorstellen, ihre türkische Gastschwester in Deutschland zu empfangen. Neben den Besichtigungen berichtet sie auch vom Shopping in Izmir und der Atmosphäre in der Stadt, die sie als „lebendig und schön“ erlebt hat. Für Nele war es die erste größere Reise weit weg von zu Hause. Sie hatte sich bewusst für die Teilnahme entschieden, um Neues kennenzulernen und den eigenen Horizont zu erweitern.
Teilnahme an Nationalfeierlichkeiten
Mit der Sprache gar keine Probleme hatte Yunus Topak aus Germersheim, der auch schon öfter in der Türkei war. Er konnte bei Verständigungsproblemen seinen Mitschüler und Mitschülerinnen helfen und war vor allem von den unterschiedlichen Bildungssystemen in Deutschland und der Türkei überrascht. „Die Stadt Izmir ist wunderschön und ich hatte eine tolle Zeit in meiner Gastfamilie. Wir haben viel unternommen“, sagt der 18-Jährige, der die 12. Klassenstufe der IGS besucht.
Neben kulturellem Austausch spielte auch das gemeinsame Arbeiten an einem Erasmus-Projektthema eine wichtige Rolle. Die deutsche Gruppe beschäftigte sich unter dem Titel „Demokratie in der Türkei – früher und heute“ mit historischen und aktuellen Aspekten der politischen Entwicklung. Die Schülerinnen und Schüler präsentierten Inhalte zur antiken Demokratie anhand der Geschichte von Ephesus, sahen gemeinsam einen Film über den Weg von Atatürk bis Erdogan und diskutierten darüber. Außerdem besuchten sie einen Jugendverband, der sich aktiv in die Stadtpolitik von Izmir einbringt und führten Interviews zum Thema, fasst Lehrerin Andrea Ochsenfeld zusammen.
Ein besonderer Moment fiel auf den Montag der Austauschwoche, an dem ein nationaler Feiertag gefeiert wurde: der Gedenktag für Mustafa Kemal Atatürk, den Begründer der modernen Türkei. Die Schule beteiligte sich mit einer Parade, Vorträgen und dem gemeinsamen Singen der Nationalhymne in einem Einkaufszentrum an den offiziellen Feierlichkeiten. „Solche Begegnungen bringen nicht nur neue Perspektiven, sondern fördern gegenseitiges Verständnis. Gerade in Zeiten politischer Spannungen ist das besonders wichtig“, so Ochsenfeld.