Kreis Germersheim
Verkehrspsychologe: „Fahren ist stressiger geworden“
Tempolimit auf Autobahnen, Regeln für E-Scooter, alte Menschen am Steuer, Schaulust bei Unfällen: Die deutschen Straßen bieten reichlich Aufregerthemen. Natascha Ruske hat sich mit Verkehrspsychologe Diethard Ochs über den komplexer werdenden Verkehr und die Arbeit in seiner Kandeler Praxis unterhalten – und darüber, ob Frauen nicht einparken können.
Herr Ochs, welches Verkehrsmittel benutzen sie am liebsten?
Ich fahre gerne Auto, aber auch sehr viel Bahn, bin aber nicht immer mit ihr zufrieden.
Wäre der E-Roller für Kurzstrecken nicht eine Alternative?
Für Kurzstrecken nutze ich mein Fahrrad, das reicht mir persönlich völlig aus. Und von jeher sitze ich gerne beim Fahren.
Was macht den Hype um die E-Scooter aus?
Man kann damit schnell in Ballungszentren unterwegs sein, der E-Roller ist modisch und chic. Einige Nutzer haben dadurch sicher eine Zeitersparnis. Für mich ist jedoch noch keine gute Lösung gefunden, wie man den Verkehr leitet. E-Roller sind leise und zügig, und der Verkehr wird dadurch wieder ein bisschen komplexer und insgesamt gefährlicher.
Der Verkehr wird komplexer – und die Teilnehmer aggressiver. Stichwort Gaffer: Sie behindern oder pöbeln vermehrt gegen Rettungskräfte. Woher kommt diese Schaulust?
Allein schon die steigende Menge an Fahrzeugen und Verkehrsteilnehmern führt dazu, dass man nicht in jeder Situation entspannt unterwegs ist. Wir sind in einer schnelllebigen Zeit, man taktet sich zu eng, setzt sich Druck aus. Da will man sich natürlich nicht bremsen lassen. Von Unfällen und Stau fühlt man sich in der eigenen Mobilität eingeschränkt. In dieser Summe kann es auch zu aggressivem Verhalten kommen.
Zeit, um anzuhalten und ein Handyfoto vom Unfall zu machen, haben wiederum immer mehr Leute.
Das ist unserem Umgang mit dem Smartphone geschuldet. Jeder Moment im Leben wird festgehalten und in sozialen Netzwerken gepostet. Das ist schon eine Verhaltensgewohnheit geworden. Wenn man sich mal anschaut, wie sich auch die Fernsehlandschaft mit den ganzen Reality-Formaten verändert hat, dann mag das mit ein Faktor sein, der zu mehr Schaulust führt. Wir leben insgesamt weniger anonym als vor 20 Jahren.
In der Klimadebatte wird ein Tempolimit auf Autobahnen wieder heiß diskutiert. Viele europäische Länder haben es. Warum tun wir Deutsche uns so schwer einen Gang runterzuschalten?
Uns Menschen geht es immer ein bisschen besser, wenn wir das Gefühl haben frei entscheiden zu können, anstatt etwas verordnet zu bekommen. Und schnelles Fahren bedeutet für viele immer noch ein Stück Freiheit, die eine verbindliche Tempo-130-Regel einschränken würde. Die Diskussion wird zunehmend wichtiger, weil der Verkehr und PS-starke Fahrzeuge zunehmen. Die Unfallzahlen sind im Verhältnis zum Verkehrsaufkommen zwar gesunken, aber die Atmosphäre auf der Autobahn hat sich gewandelt. Man fühlt sich häufiger überrascht oder gedrängt von schnellen Autos. Fahren ist stressiger geworden.
Apropos PS-Monster: Klimaschutz ist chic, aber die Nachfrage nach SUVs, die enorm Sprit verbrauchen, boomt. Wie passt das zusammen?
Die subjektiven Bedürfnisse stehen einfach im Vordergrund. Ein SUV erfüllt viele Ansprüche: Man kann sportlich unterwegs sein, hat Platz für den Einkauf, er ist repräsentativ. Interessanterweise greifen auch viele Frauen zu einem solchen Auto, mit der Begründung, sie fühlen sich darin sicherer. Es wird jetzt darum gehen, diese großen Fahrzeuge vom Antrieb her zu optimieren und elektrifizieren, um Schadstoffe zu verringern, aber ihre Nutzung auch kritisch zugunsten kleinerer Fahrzeuge zu hinterfragen.
Wir sind bei den Geschlechterklischees angekommen. Warum können Frauen nicht einparken, Herr Ochs?
Es gibt Studien, die das Klischee sowohl bestätigen als auch widerlegen. Faktoren wie geringe Selbsteinschätzung und erlebter Druck können beim Einparkvorgang die Dauer verlängern und die Passgenauigkeit beeinträchtigen.
Sind Männer also doch die besseren Autofahrer?
Männer glauben womöglich sie fahren besser. Die Unfallstatistik belegt das nicht. Stärker auffällig bei Führerscheinverlust wegen zu vielen Punkten oder Unfällen sind Männer. Dabei kann man heute nicht mehr sagen, es sind ja viel mehr Männer, die überhaupt Auto fahren. Ich vermute, dass viele Männer noch immer Autofahren als ihre Domäne ansehen, weniger kritisch sind und sich mehr zutrauen. Sie neigen dann eher dazu, ihre Grenzen zu überschreiten. Etwa 80 Prozent der „Punktetäter“, also Regelüberschreiter, in meiner Praxis sind Männer.
Und wie sieht es mit den älteren Verkehrsteilnehmern aus? Sind Senioren hinterm Steuer ein Sicherheitsrisiko für sich und andere?
In der Altersgruppe der Ü80-Jährigen scheint die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unfall passiert erhöht zu sein. Komplexe Verkehrssituationen können zur Überforderung führen. Wenn diese älteren Personen dann verunglücken, sind die Folgen auch für deren Organismus oft heftig. Wenn sich Personen zwischen 70 und 80 bei mir vorstellen, weil sie den Führerschein abgeben mussten, verlange ich einen Fitness-Check bei einem verkehrsmedizinischen Institut. Wenn die Leistungsfähigkeit ein Fahrzeug zu führen, nicht gegeben ist, diskutiere ich mit ihnen, ob eine MPU-Beratung überhaupt Sinn macht. Das Ergebnis des Checks wird übrigens nicht der Behörde weitergeleitet. Das Thema wird uns jedenfalls weiter beschäftigen, denn die Leute sind länger rüstig und wollen länger mobil sein.
Zur Person
- Diethard Ochs ist Diplom-Psychologe, Business- und Life-Coach mit Praxis in Kandel. Er ist zudem als Berater beim Baden-württembergischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation (BWLV) angestellt und freiberuflich für einen Träger als Verkehrspsychologe tätig. Die Praxis in Kandel, betreibt er seit zehn Jahren, zunächst als Verkehrspsychologe und MPU-Berater. Mittlerweile bietet Ochs auch Privat-Coaching für Menschen in kritischen Lebensphasen, Konflikt- oder Entscheidungssituationen an. Er ist zudem als Unternehmenscoach und Verkehrspsychologe in mehreren Bundesländern unterwegs. Diethard Ochs ist 54 Jahre alt, fährt ein Hybrid-Fahrzeug und in den Sommermonaten Cabrio.
- Kontakt und Info: Telefon 07275 948660 oder 0152 09810374; Homepage: www.ochs-coaching.de, E-Mail: ochs@ochs-coaching.de.
Bei Führerscheinverlust kann die Behörde eine Medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) anordnen, im Volksmund gern „Idiotentest“ genannt. Sie soll die Fahreignung der Betroffenen beurteilen. Diethard Ochs hilft ihnen, sich auf die Prüfung vorzubereiten. Die MPU-Beratung ist freiwillig. „Die klassischen Themen sind Alkohol- und Drogenfahrten“, erläutert Ochs. Vorstellig werden häufig auch „so genannte Punktetäter – Leute, die acht Punkte durch Regelübertretung wie zu schnelles Fahren, zu geringer Abstand, Handynutzung erreicht haben“.
In den vergangenen 20 Jahren habe es Verschiebungen im Bereich Alkohol und Drogen gegeben: Der Anteil der Alkoholfahrer, die eine MPU machen müssen, sei deutlich gesunken, von ehemals 45 auf 28 Prozent (2018). Der Anteil der Personen zwischen 18 und 30 Jahren, die wegen Drogen aufgefallen sind, habe sich in seiner Praxis hingegen erhöht, sagt Ochs. Insgesamt kommen mehr Männer, etwa 75 Prozent aller Fälle, zur MPU-Beratung. Bei Alkoholfahrten liege der Frauenanteil mit circa 30 Prozent etwas höher. „Im Bereich Regelübertretung war der Männeranteil mit über 80 Prozent am höchsten.“