Rheinzabern
Umdenken im Klassenzimmer: IGS führt freieres Lernen ein
45 Minuten still sitzen, vom Lehrer berieseln lassen, Stoff tanken: Für Markus Sabath ist die normale Unterrichtsstunde ein Auslaufmodell. Die Konzentration lasse bei vielen Jugendlichen schon vorher nach, sagt der Lehrer. Das Lernverhalten der Kinder einer Klasse sei unterschiedlich. „Wir müssen etwas ändern, damit wir allen Schülern gerecht werden.“
Die IGS Rheinzabern geht neue Wege. Ab dem kommenden Schuljahr können die Fünftklässler – zunächst in Naturwissenschaften (Nawi) und den Hauptfächern – in bestimmten Stunden entscheiden, wie, wo und mit wem sie lernen möchten. Die Klasse heißt dann „Lernbüro“ und sieht anders aus: Jedes Kind hat einen abgeteilten Arbeitsbereich, den es frei gestalten kann. Hier ist der Schüler ungestört. Er oder sie kann aber während dieser Zeiten auch ins „Lernstudio“ umziehen, um mit anderen gemeinsam etwas zu erarbeiten und sich auszutauschen. „Es ist immer ein Lehrer da“, sagt Markus Sabath. Die Jugendlichen sind nicht auf sich allein gestellt. Der dritte Lernort ist die Lounge. Hier können sich die Schüler in bequeme Sitzkissen fläzen, hier sind sie unter sich.
Menschen, die kreativ denken
Der Fachbegriff dafür ist selbstgesteuertes Lernen. Die Schüler sollen eigenverantwortlich arbeiten und dabei lernen, sich selbst zu organisieren und einzuschätzen, erläutert Markus Sabath, der didaktischer Koordinator an der IGS ist. Das sind, ist er überzeugt, Schlüsselkompetenzen der Zukunft. Die Wirtschaft brauche keine Auswendiglerner, sondern Menschen, die selbständig arbeiten, kreativ und kritisch denken und bereit sind, lebenslang zu lernen, Neues anzugehen. Die neue Lernform stärke auch das Selbstvertrauen, das sie dafür brauchen.
Die Gesamtschule wird bei dem nächsten Jahrgang nicht alles radikal auf den Kopf stellen. „Wir müssen uns natürlich an den Lehrplan halten“, sagt Sabath. Klassenarbeiten und Noten wird es weiterhin geben. Die Nebenfächer werden klassisch unterrichtet. Für die Hauptfächer und Nawi sieht der Stundenplan neben den freien Lernzeiten sogenannte „Input-Stunden“ vor, die vom Lehrer geführt sind. Etabliert werden außerdem wöchentlich zwei Stunden „Projekt-Lernen“: Hier können alle Schüler möglichst klassenübergreifend losgelöst von Fächern Ideen spinnen.
Alle stoßen an ihre Grenzen
Wenn Markus Sabath das neue Konzept vorstellt, springt der Funke schnell über. „Alles wird offener, freier, selbstbestimmter.“ Dennoch müssen alle Schüler „ihr Pensum absolvieren“. Er macht sich nichts vor: Natürlich werden einige versuchen, sich vor der Arbeit zu drücken. „Dann ist es unsere Aufgabe, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.“ Auf Augenhöhe mit den Schülern reden, Anleiten und Feedback geben sei nicht nur beim selbstgesteuerten Lernen superwichtig. Lernfortschritte müssen den Jugendlichen gespiegelt werden und könnten auch in die Note einfließen.
„Schule verändert sich, das Umfeld verändert sich, alles wird schnelllebiger“, weiß Sabath. Es könne auch im Klassensaal nicht so weitergehen wie bisher. Lehrer wie Schüler stoßen an ihre Grenzen. Oft komme es zu Konflikten: Die einen möchten konzentriert arbeiten, bei anderen lasse die Aufmerksamkeit schneller nach. Sabath hofft, dass das neue Lernmodell allen Schülern zu Gute kommt. „Wissen steht anders zur Verfügung als vor 20 Jahren“, erklärt er weiter. Unterricht müsse „weg von reiner Wissensvermittlung“ und stattdessen den Lernprozess in den Fokus rücken. Die Schüler sollen ihre Stärken entdecken und Strategien entwickeln, wie sie mit Informationen und Wissen umgehen. Das Werkzeug dazu liefern die Lehrer. Auch sie müssen sich in neuen Rollen finden.
Führungen für Familien
Selbstbestimmtes Lernen sei motivierender als herkömmliche Unterrichtsmodelle, meint Markus Sabath. Auch die Lernumgebung – und damit sind nicht nur Räume mit Sitzkissen und Sesseln gemeint – sei wichtig. „Wenn man sich wohlfühlt, ist man eher bereit zu lernen.“ Eine Erkenntnis, die um sich greift: Immer mehr Schulen in Deutschland lösen sich von Althergebrachtem und experimentieren mit alternativen Lernformen. Rheinland-Pfalz hat 2022 die Initiative „Schule der Zukunft“ gestartet. 97 Projektschulen sollen aus der Praxis und der Schulgemeinschaft heraus, Ideen für modernen Unterricht entwickeln. Es soll ihnen nichts übergestülpt werden.
Die IGS Rheinzabern gehört nicht zu den Modellschulen, wird aber auf dem neuen Weg vom Pädagogischen Landesinstitut begleitet. Beim Tag der offenen Tür hat die Gesamtschule das Konzept für die nächsten Fünftklässler bereits vorgestellt. Im Januar soll es für Eltern zudem Führungen in Kleingruppen durchs Schulhaus mit Infos zum selbstgesteuerten Lernen geben.
Info
Anmeldung zur Schulhausführung per Telefon, 07271 95870, oder E-Mail an sekretariat@igs-rheinzabern.de. Die Anmeldetermine der 5. Klassen für das Schuljahr 2025/26 sind zwischen Freitag, 31. Januar, und Dienstag, 4. Februar.
