Kreis Germersheim Neuanfang für alte Post
„Wie kann man ein solch großes und ansehnliches Gebäude so verkommen lassen?“ Diese Frage stellen sich nicht nur die Kandeler selbst, sondern auch viele Besucher der Bienwaldstadt wenn sie im oberen Teil der Hauptstraße an dem Anwesen mit der Nummer 27 vorbeikommen. Nun hat der Zahn der Zeit an dem alten Haus tatsächlich schon heftig genagt, doch nun darf man hoffen, dass dieser „Schandfleck“ bald verschwindet.
Denn nachdem die Stadt Kandel auf ihr Vorkaufsrecht verzichtet hatte, hat ein Investor das Anwesen gekauft. Was der Käufer auf dem Gelände vorhat und wann mit den Arbeiten begonnen wird ist bei der Verwaltung jedoch nicht bekannt. Kandeler kennen das seit längerem leerstehende Haus als „Anwesen Rothhaas “ oder als „Alte Post“. Beide Bezeichnungen hängen eng miteinander zusammen. Die Familie Rothhaas, der das Anwesen gehörte, stellte nämlich in vier Generationen von 1801 bis 1915 die „Posthalter“ genannten Leiter des Kandeler Postamtes das von 1801 bis 1899 sogar in dem Gebäude untergebracht war. In diesem „Posthaus“ befand sich im Revolutionsjahr 1848 und während des folgenden „Pfälzischen Aufstands“ das „Hauptquartier“ der sehr rührigen Kandeler Liberalen. Der Posthalter Johann Georg Rothhaas war damals gewählter Offizier der Bürgergarde. Heinrich und Philipp Rothhaas wurden in die Bürgerversammlung gewählt und mit dem Letztgenannten wurde im Revolutionsjahr ein Mitglied der Posthalterfamilie Kandels Bürgermeister. Jahrzehnte danach wurde der „Revoluzzer“ in den Bayerischen Landtag gewählt. Allein aus diesen historischen Gründen wäre es angebracht, zumindest das Äußere des unter Denkmalschutz stehenden Anwesens zu erhalten. Aber auch städtebauliche Gesichtspunkte sprechen dafür, prägt doch das mächtige, mit der Breitseite zur Straße stehende Haus das Stadtbild im oberen Teil der Hauptstraße. Erhaltenswert ist aber auch die prächtige Eichentreppe im Haus. Es wäre zu begrüßen, wenn die „Alte Post“ im neuen Glanz erstrahlen würde. Es wäre aber bedauerlich, wenn sie verschwinden würde, denn dann würde Kandel eines seiner geschichtsträchtigsten Gebäude verlieren. Übrigens, die „Alte Post“ ist eines von 18 Objekten, an denen seit 2004 Schilder hängen, auf denen ihre Historie geschrieben steht.