Kuhardt / Landau
Missbrauchsstudie: Von Vorwürfen gegen Alfons Henrich schockiert
Eine Schockwelle rollt durch das Bistum Speyer: Wissenschaftler der Universität Mannheim haben Anfang Mai den ersten Teil der Aufarbeitungsstudie über sexuellen Missbrauch nach 1946 vorgestellt. Übergriffe und Gewaltexzesse gehörten in Kinderheimen demnach lange zum furchtbaren Alltag. Auch im Jugendwerk St. Josef in Landau-Queichheim hat sich dem Bericht zufolge Schreckliches zugetragen. Einer der Hauptbeschuldigten ist laut Studie Alfons Henrich. Er hat das Heim von 1969 bis 1988 geleitet. Danach lebte er bis zu seinem Tod 2021 in Kuhardt. Hier hat der Pfarrer Gottesdienste gefeiert. Hier war er ein angesehener Gast auf Festen. Hier ist sein Grab. Hier erschüttern die Vorwürfe Menschen, die ihn kannten, bis ins Mark.
„Als ich die Studie gelesen habe, war mir erstmal schlecht. Das war ein Schock“, sagt Martina Roters im RHEINPFALZ-Gespräch. Sie ist kirchlich engagiert und hat jahrelang ehrenamtlich mit Henrich in der Pfarrgemeinde zusammengearbeitet. Auch Roland Eiswirth kannte den Pfarrer mehr als 30 Jahre. „Im ersten Moment war ich sprachlos“, sagt der frühere Bürgermeister von Kuhardt zu den Anschuldigungen gegen den ehemaligen Heimleiter. „Das musste ich erstmal verdauen.“
Brutale Übergriffe und massive Gewalt
Laut der Studie werden neben Mitgliedern der Heimleitung in Queichheim auch Erzieher, Schwestern und andere Mitarbeiter des Missbrauchs beschuldigt. Männliche Täter haben demzufolge ihre Schützlinge im Intimbereich angefasst, vor ihnen masturbiert, sie vergewaltigt oder zum Oralverkehr gezwungen. „Häufig waren diese brutalen Übergriffe zusätzlich verbunden mit Schlägen, Demütigungen und Drohungen“, heißt es. Die Ordensschwestern hätten massive Gewalt angewendet, die Kinder geschlagen, eingesperrt und Essen entzogen. Die Übergriffe im Jugendwerk St. Josef sind der Studie zufolge in den 1950er-bis 1970er-Jahren passiert. Sie machen rund 30 Prozent aller gemeldeten Fälle im Bistum aus.
1988 kam Alfons Henrich, ein gebürtiger Kaiserslauterer, nach Kuhardt. Das Pfarrhaus stand leer. Hier konnte er neben seiner neuen Aufgabe als Caritas-Direktor der Diözese auch in der Seelsorge tätig sein. Eigentlich war der Hördter Pfarrer als Administrator für das Dorf zuständig, aber Henrich war schnell der „Kuhrder Parre“, erzählt Eiswirth. Er hat regelmäßig Gottesdienste geleitet und Kinder getauft. „Er war im Dorf eine anerkannte Persönlichkeit und hat oft Feste besucht.“ Man konnte ein Bier mit ihm trinken. „Er war gesellig“, hat gerne geraucht und war großer FCK-Fan. Die Messdiener hätten den Prälaten Henrich geschätzt.
Humorvoll, akribisch, gesellig
Als Schaffer, hartnäckig und akribisch, beschreibt Martina Roters den Priester. „Er hat intellektuell anspruchsvolle Predigten gehalten.“ Henrich sei offen für neue Ideen wie kindgerechte Gottesdienste gewesen. „Er war ein ernster Typ, obwohl er gerne seine Witze gemacht hat.“ Wobei der Humor eher von der altmodischen Sorte war. „Er kam jovial rüber“, sagt Martina Roters. „Du hattest nie das Gefühl, dass er ein übermäßiges Interesse an Kindern hätte.“
Die Vorwürfe gegen den Geistlichen in der Studie stehen im Kontext des Landauer Jugendheimes. „In St. Josef ist eine Atmosphäre des Totschweigens und Vertuschens des sexuellen Missbrauchs fast mit Händen greifbar“, schreiben die Autoren des Gutachtens. Schon 1969 habe ein Jugendlicher gegenüber einer Zeitschrift von der massiven Gewalt in dem Kinderheim berichtet. Die Anschuldigungen seien als Verleumdungskampagne abgetan worden. Henrich pflegte viele freundschaftliche Kontakte zu einflussreichen Personen, zu anderen Heimleitern, Jugendämtern und dem Bistum. Er soll vieles daran gesetzt haben, „den dortigen Missbrauch zu vertuschen“, so die Autoren der Studie. „Die guten Kontakte des Heimleiters verschafften diesem enorm hohe Glaubwürdigkeit und die Option, Medien und Behörden zu manipulieren.“ Weiter heißt es in dem Missbrauchsbericht: „Dass so funktionierende Zerrbilder konstruiert werden konnten, zeigt deutlich der Spitzname für das Heim (...), der lange Zeit im Volksmund kursierte – St. Josef, das Beese-Buwe-Heim.“
Ein quälender Konflikt
Kuhardter Bürger sind fassungslos, berichten Roland Eiswirth und Martina Roters. Beide sind Mitglieder im kirchlichen Gemeindeausschuss, Roters ist auch im Pfarreirat. Unmittelbar auf die Vorwürfe angesprochen wurden sie bisher allerdings nur von einigen Leuten. „Sie sind wie vor den Kopf geschlagen, enttäuscht und hätten das – so wie sie ihn erlebt haben – nie vermutet“, sagt der Altbürgermeister. Auch Martina Roters kämpft mit einem inneren Konflikt. Sie fragt sich, ob der Mann, den sie gekannt hat, ein Riesenheuchler war. Um Klarheit zu bekommen, hofft sie, dass der zweite Teil der Studie die bislang noch unkonkreten Vorwürfe gegen Henrich weiter erläutert. Dieser Bericht soll in zwei Jahren mit Fallbeispielen von Missbrauchstaten im Bistum veröffentlicht werden. Der erste Teil hat die strukturellen und gesellschaftlichen Bedingungen untersucht, die Missbrauch und Vertuschung innerhalb der Kirche über Jahrzehnte möglich machten.
Vom Hausverbot nichts geahnt
Ab den 2010er-Jahren hatte Alfons Henrich Hausverbot im Queichheimer Jugendwerk. Trotzdem hatte er dem Gutachten zufolge bis mindestens 2014 Zugriff auf Heimakten der Kinder und eine beim Bischöflichen Rechtsamt angelegte Akte eines Betroffenen. „Hätten wir das gewusst, hätte es sicher hier früher Diskussionen gegeben“, sagt Martina Roters. „Ich wusste das nicht.“ Der Pfarreirat habe nach Bekanntwerden der Vorwürfe innerhalb weniger Tage reagiert und den Gemeindeausschuss gefragt, ob die Menschen im Ort Gesprächsbedarf haben. Das Angebot wolle man sich offenlassen und die weitere Entwicklung abwarten. Mit Veröffentlichung der Studie hat das Bistum Speyer auf seiner Homepage den Nachruf für den Prälaten mit dem Hinweis ergänzt, dass er des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wird.
Wenn Martina Roters früher auf dem Friedhof am Grab von Alfons Henrich vorbeikam, habe sie in Gedanken einen Gruß abgeschickt. Das könne sie nun nicht mehr. „Es gibt Leute, die können an dem Grab gar nicht mehr vorbeigehen“, ergänzt Roland Eiswirth. Schock, Zweifel und Enttäuschung sitzen tief in Kuhardt. „Im persönlichen Gespräch ist Henrich nicht Würdenträger, Amtsperson oder Hierarch, sondern Seelsorger und Mensch“, heißt es in der 1994 erschienenen Ortschronik. Es sei „gerade die soziale, die menschliche Seite, die dem Geistlichen Kompetenz und Glaubwürdigkeit verleihen“. Das beschreibe, was die Kuhardter über ihren Pfarrer gedacht hatten, sagt Eiswirth. „Es gibt, so wie es aussieht, zwei Seiten des Prälaten Henrich.“